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Innovationen

Kassen wollen nicht für alle zahlen

17.06.2015  10:18 Uhr

Von Anna Hohle, Berlin / Deutsche Krankenkassen wollen neue, innovative Medikamente künftig nur noch bestimmten Patientengruppen bezahlen. Das machte der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) am Montag auf einer Pressekonferenz in Berlin deutlich.

Kassen sollen neue Arzneimittel künftig nur noch jenen Gruppen von Patienten zahlen, für die Studien einen Zusatznutzen nachgewiesen haben. Das forderte der stellvertretende Vorsitzende des GKV-Spitzenverbands, Johann-Magnus von Stackelberg. Im Fall des umstrittenen Hepatitis-C-Präparats Sofosbuvir (Sovaldi®) wären das etwa Menschen mit einem bestimmten Genotyp des Virus, so von Stackelberg. Alle anderen sollten auf althergebrachte Medikamente zurückgreifen oder das neue Mittel aus eigener Tasche zahlen.

 

Dem Kassenfunktionär zufolge ist dafür eine Gesetzesänderung nötig. »In anderen Ländern wird das längst so gemacht, wir würden uns freuen, wenn Deutschland die Idee übernehmen könnte«, sagte von Stackelberg. Das von Pharmaherstellern angeführte Argument, dass sich oft erst dann herausstelle, dass ein Medikament auch anderen Patientengruppen hilft, wenn viele Menschen es eingenommen hätten, ließ er nicht gelten. Weitere, durch die Hersteller bezahlte Studien könnten den ersten Eindruck eines neuen Arzneimittels schließlich jederzeit korrigieren, so von Stackelberg.

 

Äpfel und Birnen

 

Die Hersteller klagten oft, dass Medikamente hierzulande billiger seien als im europäischen Ausland und Innovationen später beim Patienten ankämen. Dies sei aber nicht der Fall, sagte der Kassenvertreter. Die Unternehmen verglichen nämlich öffentliche Listenpreise, ignorierten jedoch gesetzliche Abschläge, Rabatte und länderspezifische Erstattungsregeln. »Wir lassen uns aber durch Untersuchungen, in denen Äpfel mit Birnen verglichen werden, nicht irritieren«, sagte von Stackelberg. Der GKV-Spitzenverband hatte deshalb kürzlich selbst eine Studie bei Professor Reinhard Busse von der Technischen Universität Berlin in Auftrag gegeben.

 

Busse hatte dafür Arzneimittelversorgung und Medikamentenpreise in 15 europäischen Ländern nach Abzug von Rabatten und nach den Erstattungsverhandlungen verglichen. Dabei habe sich herausgestellt, dass Deutschland äußerst großzügig sei, was die Erstattung von Medikamentenkosten und die schnelle Verfügbarkeit neuer Arzneien angehe. 95 Prozent der neuen Medikamente seien in Deutschland innerhalb von zwei Jahren nach Zulassung verfügbar, kein anderes europä­isches Land sei so schnell, so Busse. Dasselbe gelte für den Zeitraum zwischen Erstattungsfähigkeit und tatsächlichem Verkauf in den Apotheken. Er betrage in Deutschland im Schnitt nur drei Monate, in den Niederlanden etwa seien es neun, in Frankreich zehn.

 

Auch stehe Deutschland an zweiter Stelle, was die öffentlichen Ausgaben für Medikamente angeht. Nur in Irland geben öffentliche Institutionen wie Krankenkassen laut Gutachten noch mehr Geld für Arzneimittel pro Kopf aus. In Deutschland waren es 2012 im Schnitt rund 500 US-Dollar. Auch seien die Patienten-Zuzahlungen hierzulande vergleichsweise moderat, sagte Busse. »Deutschland bietet den pharmazeutischen Unternehmen hervorragende Rahmenbedingungen für Innovationen«, lautete deshalb das Fazit des GKV-Spitzenverbands.

 

Hersteller protestieren

 

Das sieht der Verband der forschenden Pharmaunternehmen (vfa) naturgemäß anders. Zwar seien neue Medikamente in Deutschland schnell auf dem Markt, sie erreichten jedoch nur wenige Patienten, da Krankenkassen wirtschaftlichen Druck auf die verschreibenden Ärzte ausübten, sagte vfa-Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer. Auch gebe es in Deutschland überhaupt keine wissenschaftlich neutrale Nutzenbewertung, da der GKV-Spitzenverband in allen entscheidenden Gremien eine dominierende Stellung innehabe. /

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