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Zulassungsverfahren

Schneller, aber dennoch sicher

11.05.2016  08:48 Uhr

Von Annette Mende, Berlin / Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hat eine Initiative gestartet, um innovative Arzneimittel noch schneller als bisher zuzulassen. Das Ziel ist, diese Mittel Patienten, die sie dringend benötigen, früher verfügbar zu machen. Kritiker befürchten jedoch, dass dabei die Sicherheit teilweise auf der Strecke bleiben könnte.

Das neue PRIME (Priority Medicines)- Schema ist ein Angebot an Hersteller, mit dem die Zulassung bestimmter Arzneimittel beschleunigt werden soll. Voraussetzung dafür ist, dass das Mittel einen bedeutenden Vorteil gegenüber bereits verfügbaren Therapien verspricht oder Hilfe für Patienten mit einer Erkrankung, für die es bis dato noch keine Behandlungsoption gibt. Es muss ein sogenannter medizinischer Bedarf bestehen.

»Das ist der Knackpunkt«, sagte Falk Ehmann von der EMA bei einem Sym­posium des Verbands der forschenden Pharmaunternehmen vfa in Berlin. PRIME komme nur für Zulassungskandidaten infrage, die wirklich benötigt werden und die ihr Potenzial in ersten Unter­suchungen unter Beweis gestellt haben. »Das wird sicherlich die Ausnahme bleiben und nicht zur Regel werden.«

 

Frühere Zusammenarbeit

 

Wo diese Voraussetzungen erfüllt sind, will die EMA Hersteller künftig ab einem noch früheren Zeitpunkt im Entwicklungsprozess begleiten und unterstützen. Ein Rapporteur der Behörde soll für das Medikament persönlich zuständig sein, in einem Kick-off-Meeting sollen Experten der beteiligten Abteilungen bei der EMA, aber auch der später für die Nutzenbewertung zuständigen HTA-Behörden (Health Technology Assessment) mit dem Antragsteller an einen Tisch gebracht werden. Dies soll sicherstellen, dass das Studienprogramm allen Anforderungen genügt.

 

Die EMA bietet Herstellern zwar jetzt schon wissenschaftliche Beratung im Rahmen des Zulassungsprozesses an; dieses Angebot wird jährlich etwa 500 Mal genutzt. Die Betreuung beim PRIME-Verfahren soll aber noch intensiver sein. Um die maximale Bearbeitungsgeschwindigkeit sicherzustellen, bekommen PRIME-Kandidaten zudem ein beschleunigtes Zulassungsverfahren.

 

Vor allem für Start-up-Firmen und universitäre Forschungseinrichtungen, die einen vielversprechenden Wirkstoff entdeckt haben, ist der frühzeitige Kontakt mit den Zulassungsbehörden sinnvoll, erklärte Professor Karl Broich, Präsident des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Ihnen unterliefen sonst mitunter bei der Planung »Kardinalfehler«, die am Schluss eine Zulassung verhindern. »Wir erleben ganz oft, dass gerade Start-ups mit genialen Ideen starten, aber dann an den regulatorischen Auflagen scheitern.«

 

Die Kritik, dass beim PRIME-Verfahren eine Verbrüderung der Aufsichtsbehörden mit dem Antragsteller stattfinde und die Unabhängigkeit dadurch nicht mehr gewährleistet sei, wollte Broich nicht gelten lassen. In der Schlussphase des Zulassungsverfahrens sei neben dem betreuenden Rapporteur ein weiterer mit der Beurteilung betraut. Zudem müsse das Arzneimittel wie jeder andere Zulassungskandidat den Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) passieren, in dem jeder Mitgliedsstaat der EU mit einem Experten vertreten ist. »Dass es da zu nicht lösbaren Interessenskonflikten kommt, halte ich für nicht wahrscheinlich.«

 

Ehmann teilt diese Einschätzung. PRIME sei im Grunde wenig mehr, als dass man bereits bestehende Möglichkeiten des Zulassungsverfahrens optimal nutze. So gibt es etwa die bedingte Zulassung, mit der Arzneimittel noch vor Abschluss der vollständigen klinischen Prüfung auf den Markt gebracht werden können. Daneben besteht die Möglichkeit der Zulassung unter besonderen Umständen, die etwa für Orphan Drugs infrage kommt und zunächst zeitlich begrenzt ist. Mit dem Projekt »Adaptive Pathways« hat die EMA zudem die Möglichkeit geschaffen, neue Arzneimittel stufenweise für verschiedene Patientengruppen einzuführen.

 

Partner der Hersteller

BfArM wie EMA sehen sich hierbei vor allem als Partner der Hersteller, die Letztere mit ihrer Expertise beraten. In Deutschland hatte das der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zuletzt heftig kritisiert. Dessen stellvertretender Vorstandsvorsitzender, Johann-Magnus von Stackelberg, warnte davor, hinter den Sicherheitsstandard zurückzufallen, »den der Gesetzgeber aufgrund der leidvollen Erfahrungen mit dem Contergan-Skandal in den 1970er-Jahren gesetzt hat.« (lesen Sie dazu auch PZ 14/2016, ­Seite 10). Diese Äußerung zeuge jedoch »eher von Unkenntnis als von Fachwissen«, konterte Broich in Berlin.

 

Der GKV-Spitzenverband sieht die Gefahr, dass Hersteller die Forschungsbemühungen einstellen, wenn sie ihr Präparat erst einmal am Markt haben. »Das darf nicht passieren«, sagte Ehmann. Ist ein Medikament zunächst in einer kleinen Indikation zugelassen, bedeutet jeder Einsatz außerhalb dieser Indikation einen Off-Label-Use. Die Hersteller müssen deshalb in weiteren Studien die Wirksamkeit und Sicherheit auch in größeren Indikationen belegen. »Wir haben mittlerweile Daumenschrauben, um die noch fehlende Evidenz beizubringen«, sagte Broich. Eine sei etwa die zeitbefristete Nutzen­bewertung.

 

Für die Nutzenbewertung ist in Deutschland allerdings nicht das BfArM zuständig, sondern der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA). Er hat als HTA-Behörde naturgemäß einen anderen Fokus als das BfArM und die EMA, die die Arzneimittelaufsicht führen. Doch ist das Verständnis füreinander in den vergangenen Jahren stetig gewachsen, wie Broich betonte. »Die Zusammenarbeit zwischen dem BfArM und dem G-BA ist viel besser geworden«, lobte auch Thomas Müller, Leiter der Abteilung Arzneimittel beim G-BA. Er sei prinzipiell nicht dagegen, beschleunigten Zugang zu ermöglichen, äußerte aber gleichwohl einige Vorbehalte gegen die neuen Verfahren.

 

So ist aus Müllers Sicht eine bessere, verbindliche Definition des »unmet medical need« unerlässlich. »Jeder einzelne Patient hat einen medizinischen Bedarf an einer wirksamen Behandlung. Wir brauchen verlässliche Krite­rien dafür, wann dieser Bedarf eine bevorzugte Behandlung des Zulassungskandidaten rechtfertigt.« Um Patienten schnell Zugang zu Innovationen zu verschaffen, sei aber ein anderes Problem drängender als die Dauer regulärer Zulassungsverfahren: Es dauere in vielen Ländern der EU zu lange, bis zugelassene Arzneimittel tatsächlich verfügbar sind.

 

Deutschland sei hier mit durchschnittlich dreieinhalb Monaten noch am schnellsten, aber immer noch langsamer als die USA, wo es nicht einmal zwei Monate dauert, bis ein neues Medikament in der Versorgung angekommen ist. Das Schlusslicht in der EU bildet Griechenland mit 21 Monaten und auch Länder wie Spanien (16 Monate) und Frankreich (elf Monate) hinken hinterher.

 

Weitere Evidenz generieren

 

Auch müssten bessere Anreize geschaffen werden, um Post-Marketing-Evidenz zu generieren. Hier hapere es teilweise noch bei der Umsetzung der EMA-Auflagen auf nationaler Ebene, unter anderem weil diese für die nationalen Behörden aufgrund des Patentschutzes teilweise gar nicht umsetzbar seien. Um bessere Daten zu erheben, sei die Weiterentwicklung von Registern erforderlich. Und um Patienten zur Teilnahme an Postmarketing-Studien zu bewegen, hält Müller einen Ansatz wie bei der gerade auf den Weg gebrachten Abgabe von Cannabis auf Rezept für denkbar, wonach Patienten, die das Mittel therapeutisch nutzen wollen, dazu verpflichtet werden sollen, auch an der Forschung teilzunehmen (lesen Sie dazu auch Kabinettsbeschluss: Cannabis auf Rezept). /

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