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Medikamente

Onkologen meiden teure Präparate

21.06.2011
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Von Martina Janning, Berlin / Die Mehrheit der Krebsmediziner verzichtet gelegentlich aus Kostengründen auf die optimale Therapie, hat eine Befragung ergeben. Onkologen kritisieren die vorhandene heimliche Rationierung und treten für eine Priorisierungsdebatte ein.

Krebsmediziner verhalten sich beim Verordnen preisbewusst: 98 Prozent sehen den sparsamen Umgang mit den Ressourcen im Gesundheitssystem als selbstverständlich an, ergab eine Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie.

In der Onkologie wächst die Zahl sehr teurer Medikamente. Mehr Geld fließt deshalb aber nicht ins Gesundheitswesen. Das setzt Krebsmediziner unter Kostendruck. Wie sie damit umgehen, zeigt jetzt eine Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO), an der sich knapp 350 ihrer Mitglieder beteiligten. Das Ergebnis sei »besorgniserregend«, sagte Professor Dr. Stefan Krause von der DGHO bei der Vorstellung der Erhebung vorige Woche in Berlin.

 

Die Mehrheit der Onkologen verzichtet hin und wieder aus Kostengründen auf die optimale Therapie, so lautet die Bilanz der DGHO-Umfrage. Vor allem sehr teure Arzneimittel verschreiben die Mediziner nicht, wenn diese nur einen geringen Zusatznutzen haben und es eine preiswertere Alternative gibt. 59 Prozent der Befragten gaben an, aus Kostengründen auf Arzneimittel und andere Therapien zu verzichten, weil der medizinische Nutzen im Vergleich zur Kostendifferenz zu gering ist. Aber sogar Medikamente mit einem erheblichen Therapievorteil verordnete fast ein Fünftel der Krebsärzte aus Kostengründen nicht. »Die Daten belegen leider, dass eine Rationierung am Krankenbett in der Onkologie stattfindet«, erklärte Krause.

 

Die medizinische Fachgesellschaft wertet das Ergebnis ihrer Umfrage als Alarmzeichen. »Auch wenn es sich bei den Daten um subjektive Einschätzungen der befragten Ärzte handelt, zeige sich doch, dass Rationierung im ärztlichen Alltag bereits angekommen ist«, betonte der Geschäftsführenden DGHO-Vorsitzende, Professor Dr. Gerhard Ehninger. Die sogenannte stille Rationierung in der Onkologie betrifft Ehninger zufolge vor allem Arzneimittel.

 

Priorisierung gefordert

 

Die DGHO drängt jetzt auf einen öffentlichen Diskurs. Er soll klären, wie das Gesundheitssystem die teuren Therapieoptionen in der Onkologie trotz des steigenden Kostendrucks weiter für alle Patienten finanzieren kann. »Es sollte wirklich eine Diskussion um Priorisierung erfolgen, damit geklärt wird, was sein muss und was nicht«, sagte Ehninger. Denn die Onkologie werde bei allen Bemühungen um Kostendämmung immer finanzintensiv bleiben. Entscheidungen über die Verteilung der zur Verfügung stehenden Mittel dürften aber nicht im Behandlungszimmer fallen.

 

Um willkürliche und stille Formen von Rationierung zu vermeiden, empfahl Ehringer onkologische Zentren. Aktuell gibt es bundesweit 40 solcher von der DGHO zertifizierte Einrichtungen. Das Besondere an ihnen ist, dass sie interdisziplinär, sektorenübergreifend und leitlinenbasiert arbeiten. Durch ihre Struktur und festgelegte Behandlungsabläufe sollen onkologische Zentren die Qualität in der Diagnostik und Therapie von Krebspatienten sichern.

 

Als einen weiteren Schritt in die richtige Richtung lobte Ehringer das geplante Versorgungsgesetz. Er begrüßte die beabsichtigte Aufhebung zwischen der ambulanten und stationären Versorgung zugunsten einer »ambulanten spezialärztlichen Versorgung«. Sie steht laut dem Gesetzentwurf jedem Leistungserbringer mit entsprechender Qualifikation offen. Fachärzte dürfen an der ambulanten spezialärztlichen Versorgung genauso teilnehmen wie Krankenhäuser.

 

Für alle Anbieter, so fordert die DGHO, müsse der Gesetzgeber aber einheitliche Anforderungen an Qualität und Qualifikation definieren. Denn die steigende Komplexität und die rasante Entwicklung von Therapieoptionen in der Krebsmedizin stellten hohe Anforderungen an die behandelnden Ärzten. Ein »Organfacharzt« könne das alles nicht leisten, »wenn er pro Quartal nur eine Handvoll Krebspatienten sieht«. Teure und nebenwirkungsträchtige Tumortherapien mit Arzneimitteln gehörten in die Hand von onkologisch hoch qualifizierten Medizinern, erklärt Ehninger. /

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