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Fatale Fehleinschätzung

21.06.2011  17:54 Uhr

Selten haben sich Schätzer so verschätzt. Ein Minus von 11 Milliarden Euro hatten sie den Krankenkassen in diesem Jahr prognostiziert. Die Politik reagierte ebenso schnell wie rigoros und beschloss gleich mehrere Sparpakte, mit denen sie bei Apothekern, Pharmagroßhandel und pharmazeutischer Industrie viele Milliarden einsammelte. Gleichzeitig wurde der Steuerzuschuss um 2 Milliarden Euro erhöht, um die Kassen vor dem Exitus zu retten. Doch dann kam alles anders. Zum einen, weil die Konjunktur brummte, zum anderen, weil die Einsparungen höher ausfielen als geplant.

 

Die Krankenkassen haben im ersten Quartal einen Überschuss von rund 1,5 Milliarden Euro erwirtschaftet, teilte in der vergangenen Woche das Bundesgesundheitsministerium mit (lesen Sie dazu Krankenkassen: Deutliches Plus im ersten Quartal). Für die meisten Menschen ist es eine gute Meldung, für die Apotheker nicht. Das Geld, das die Kassen weniger ausgegeben haben, kommt zu einem guten Teil aus den rund 21 000 Apotheken und fehlt dort an allen Ecken und Enden.

 

Allein der auf 2,05 Euro angehobene Zwangsabschlag hat die Apotheken zusätzlich 46 Millionen Euro gekostet. Hinzu kommt ein Teil des Großhandelsabschlags, den die Apotheker tragen müssen. Im ersten Quartal mussten deshalb 52 Apotheken schließen. In den Städten wird dies noch nicht auffallen, auf dem Land sieht es aber schon anders aus. Wenn die Kassen einen Überschuss erwirtschaften, dann ist schnell von Beitragssenkungen die Rede. Das Bundesgesundheitsministerium hat dies zwar ausgeschlossen, erste Abgeordnete bringen sich aber bereits in Stellung.

 

Nachvollziehbar ist das nicht. Es kann jetzt doch nicht darum gehen, Überschüsse zu verteilen, ohne zu bedenken, woher diese stammen. Das Ziel des Sparpaktes war es, die Kassen vor einem drohenden Minus zu retten. Das Ziel wurde deutlich übertroffen, auch wenn das Bundesgesundheitsministerium jetzt betont, die weitere Finanzentwicklung der Kassen für dieses Jahr sei nicht seriös vorherzusehen. Angesichts der Konjunkturprognosen erscheint ein Einbruch ziemlich unwahrscheinlich.

 

Wenn der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbandes, Fritz Becker, jetzt die Rückkehr zum alten Abschlag von 1,75 Euro fordert, dann ist das nur konsequent. Die Apotheker haben ihren Sparbeitrag geleistet, über die Schmerzgrenze hinaus. Es reicht.

 

Sparen kann man übrigens auch intelligenter, als einfach Zwangsrabatte zu erhöhen. Viele europäische Länder machen das vor (lesen Sie dazu ZAEU-Symposium: Europas Apotheker setzen auf Kooperation). Dort versorgen Ärzte und Apotheker ihre Patienten gemeinsam nach einer klaren Aufgabenteilung. Die gute Betreuung zahlt sich oftmals aus. Die Behandlungs­kosten sinken. Das ABDA-KBV-Konzept kann dies auch leisten. Rund 2 Milliarden Euro ließen sich so sparen – auch ohne einen Berufsstand zu ruinieren.

 

Daniel Rücker

Chefredakteur

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