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Influenza

Lehren aus der Pandemie

22.06.2010  10:35 Uhr

Von Christina Hohmann, Mannheim / Vor einem Jahr hat die Weltgesundheits­organisation (WHO) wegen der Verbreitung des neuen H1N1-Virus die Pandemiestufe 6 ausgerufen. Die Stufe 6 gilt bis heute. Welche Gefahr geht von dem Erreger jetzt noch aus? Und welche Lehren lassen sich aus der bisherigen Entwicklung ziehen?

Die Pandemie war nicht vorhersehbar. »Die ganze Welt hatte angenommen, der Vogelgrippe-Erreger H5N1 ist der nächste Kandidat für eine Pandemie«, sagte Professor Dr. Bernhard Fleckenstein, Leiter des Instituts für Klinische und Molekulare Virologie am Universitätsklinikum Erlangen während der »Roche-Tage 2010»in Mannheim. Am 21. April 2009 war der erste Bericht über das neue Virus veröffentlicht worden. Von Mexiko aus entwickelte sich innerhalb weniger Wochen die erste Influenza-Pandemie des 21. Jahrhunderts.

Der große Schrecken blieb jedoch aus. »Das Virus war relativ benigne«, sagte Fleckenstein. Mortalität und Letalität waren, gemessen an vorherigen Pandemien, sehr gering. In Deutschland traten etwa 226 000 laborbestätigte H1N1-Infektionen auf, 256 Menschen starben. Weltweit erlagen laut WHO mehr als 18 000 Menschen der Neuen Grippe. Dies sind deutlich weniger als während einer normalen Grippe­saison.

 

Doch einige Experten warnen davor, das neue H1N1-Virus (H1N1v) zu unterschätzen. Mortalität und Letalität lägen vermutlich viel höher als diese offiziellen Angaben. Die Daten der Pandemie mit denen von Vorjahren zu vergleichen, sei wie Äpfel mit Birnen zu vergleichen, schreibt Cécile Viboud im Fachjournal »PLoS Currents Influenza«. Denn bei der Schweinegrippe werden nur die laborbestätigten Fälle gezählt, während bei saisonalen Grippewellen die Mortalität anhand der Übersterblichkeit in der Bevölkerung in der Grippesaison errechnet wird. Um »Äpfel mit Äpfeln« vergleichen zu können, ermittelten Viboud von den US-National Institutes of Health in Bethesda und ihre Kollegen die Mortalität während der Pandemie ebenfalls anhand der Übersterblichkeit in diesem Zeitraum. Ihrer Berechnung zufolge sind in den USA etwa 44 000 Menschen an der H1N1v-Infektion gestorben – in einer normalen Grippesaison treten etwa 36 000 Todesfälle auf. Zudem waren hauptsächlich Säuglinge und Erwachsene zwischen 35 und 50 Jahren betroffen – das Durchschnittsalter der Grippetoten lag bei 37 Jahren. Dementsprechend hoch fiel die »Zahl der verlorenen Lebensjahre« aus. Sie lag drei- bis viermal höher als bei einer saisonalen H3N2-Grippewelle und fünfmal höher als bei einer saisonalen H1N1- oder Influenza-B-Welle. Das tatsächliche Ausmaß der Pandemie ließe sich aber erst in ein paar Jahren exakt erfassen, schreiben die Autoren.

 

Eines habe die Schweinegrippe-Pandemie aber verdeutlicht, sagte Fleckenstein. Die bisherigen Methoden der Impfstoffherstellung sind zu langwierig. »Der Impfstoff kam zu spät«, sagte der Virologe. Vor allem gelte dies für die Südhalbkugel. »Als der Impfstoff dort eintraf, war die Pandemie bereits vorbei.« Ein wenig günstiger verlief es auf der Nordhalbkugel. Aber auch in Deutschland startete die Massenimpfung erst in der 44. Kalenderwoche, kurz bevor die Grippeaktivität ihren Gipfel erreichte und bald darauf stark abfiel. Der Impfstoff für Schwangere wurde sogar erst Mitte Dezember bereitgestellt, als die Grippewelle schon fast vorbei war. Die überschüssige Pandemievakzine wird in der nächsten Saison nicht mehr eingesetzt werden, obwohl H1N1v der dominierende Stamm bleiben wird, sagte Fleckenstein.

 

Was die Pandemie weiterhin verdeutlicht hat, ist, dass selbst Experten den Verlauf einer Pandemie in keiner Weise einschätzen können. US-amerikanische Forscher hatten zwar das Genom des neuen Influenza-A-Stammes sehr früh sequenziert, doch Hinweise über die Gefährlichkeit des Erregers kann man bisher nicht daraus ablesen. »Es gibt noch keine molekularen Marker, die eine Prognose über die Pathogenität erlauben«, sagte Fleckenstein. Die Forschung steht auf diesem Gebiet noch ganz am Anfang. Einzelne Punktmutationen seien bekannt, die die Pathogenität beeinflussen können, erklärte der Virologe, doch das Geschehen sei viel zu »komplex und multifaktoriell«, um aus diesen Pathogenesefaktoren eine Vorhersage treffen zu können.

 

Auch aus frühen epidemiologischen Daten sei keine Abschätzung zum Verlauf der Pandemie möglich gewesen. Verschiedene Länder hätten zu frühen Zeitpunkten unterschiedlich hohe Mortalitätsraten angegeben, so Fleckenstein.

Valide Daten zur Letalität lagen einem »Nature News«-Artikel zufolge erst ab September vor – fünf Monate nach Auftreten des Erregers. Ausgesprochen spät seien auch Studien zur Seroprävalenz gestartet worden, also zur Häufigkeit des Vorkommens von Antikörpern im Blut, die auf eine durchgemachte oder bestehende Infektion hindeu­ten. Diese Untersuchungen sind der Goldstandard, um die Durchseuchung in der Bevölkerung ermitteln zu können, heißt es in dem Nature-Artikel. Entsprechende Daten seien nötig, um politische Entscheidungen treffen zu können. Eine im Januar veröffentlichte Studie zeigt, dass etwa jedes dritte Schulkind in Großbritannien infiziert war.

 

Für Deutschland lägen bislang »keine sauberen Daten« vor, sagte Fleckenstein. Seiner Einschätzung nach hat sich die überwiegende Mehrheit der Deutschen infiziert und ist nun teilimmunisiert. Nur so ließe sich der plötzliche Abbruch der Grippewelle Ende Dezember erklären. Seitdem liege die Grippeaktivität ausgesprochen niedrig im Vergleich zu den Vorjahren. Dabei träten fast ausschließlich H1N1v-Infektionen auf. »H3N2 und bisher zirkulierende H1N1-Stämme wurden nachhaltig verdrängt«, sagte Fleckenstein. Er geht davon aus, dass Varianten des neuen H1N1-Stammes die kommenden Winter-Perioden dominieren werden. Entsprechendes sei schon bei früheren Pandemien zu beobachten gewesen. Bei der Asiatischen Grippe von 1957 hatte der neu auftauchende H2N2-Influenzastamm die bis dahin zirkulierenden H1N1-Stämme vollständig verdrängt. H2N2 wiederum wurde 1968 von dem Erreger der Hongkong-Grippe, einem H3N2-Stamm eliminiert.

 

Der Schweinegrippeerreger H1N1v dominiert bislang das Grippegeschehen weltweit, das die WHO immer noch streng überwacht. Die Grippeaktivität liege weltweit sehr niedrig, mit regional begrenzter Verbreitung von pandemischen H1N1-Viren in tropischen Regionen, vor allem in Zen­tralamerika, der Karibik und Südostasien, heißt es im aktuellen Update der Grippesituation vom 16. Juni. Wie sich das Virus weiter entwickelt, bleibt abzuwarten. /

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