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Einfach anders

16.06.2008  10:02 Uhr

Einfach anders

Frauen sind anders als Männer. Was wie eine Binsenweisheit klingt, hat die Medizin erst reichlich spät erkannt. Seit Jahrhunderten wurde die Frau als kleine Ausgabe des Mannes behandelt. Erst seit etwa 15 Jahren, als eine Reihe von Studien zeigte, dass Medikamente bei Frauen anders wirken als bei Männern, rückten geschlechtsspezifische Unterschiede in den Fokus. Eines der ersten Bücher zum Thema, »Evas Rippe« von der New Yorker Ärztin Marianne Legato kam 2002 heraus. 2006 wurde die Internationale Gesellschaft für Gender Medicine gegründet. Die Gender Medicine, die Erforschung der geschlechtsspezifischen Unterschiede, ist somit noch ein ausgesprochen junger Forschungszweig.

 

Dabei ist es nur allzu offensichtlich, dass Frauen und Männer physiologisch deutliche Unterschiede aufweisen. Dies betrifft fast alle Organe von der Haut über das Gehirn, von der Leber bis hin zum Herz (siehe dazu Gender im Fokus: WoMen in Pharmazie und Medizin). Der kleine Unterschied hat weit reichende Folgen für die Gesundheit: Prominentestes Beispiel ist hierfür der Herzinfarkt, der bei Frauen andere Symptome hat als bei Männern. Aber auch bei anderen Leiden wie Schlaganfall, Autoimmunerkrankungen, Depressionen oder Sucht (siehe dazu Tablettensucht: Warum vor allem Frauen?) beeinflusst das Geschlecht die Entstehung und den Verlauf.

 

Nicht nur die Symptomatik von Erkrankungen unterscheidet sich, auch die Therapien sprechen bei Frauen und Männern anders an. Ein gravierendes Problem dabei ist, dass Medikamente fast ausschließlich an Männern getestet werden, obwohl sie von beiden Geschlechtern angewendet werden. Die geringe Repräsentation von Frauen in klinischen Studien fiel schon in den 1980er-Jahren auf und führte dazu, dass die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA 1993 eine Leitlinie veröffentlichte, in der sie ausdrücklich forderte, dass Frauen entsprechend ihrer Krankheitsprävalenz eingeschlossen werden sollten. Davon sind wir aber auch 15 Jahre später noch weit entfernt, wie aktuelle Analysen zeigen. Ihnen zufolge liegt der Anteil von Frauen in klinischen Studien im Schnitt zwischen 17 und 38 Prozent.

 

Hier besteht noch Aufholbedarf. Dies gilt auch für die Erforschung der geschlechtsspezifischen Unterschiede. Bis die wissenschaftliche Kenntnis über frauenspezifische Symptome, Krankheitsverlauf und Behandlung einen Stand erreicht hat, der dem der Männer entspricht, wird es noch einiges an Zeit und Anstrengungen kosten.

 

Christina Hohmann

Leitung Ressort Medizin

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