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Venenmittel wirken langsam

12.06.2007
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Pharmacon Meran 2007

Venenmittel wirken langsam

Studien zeigen, dass systemisch angewandte Venenmittel eine sinnvolle Option zur Therapie von Venenleiden darstellen. Da sie nicht erstattungsfähig sind, spielen die Apotheker eine große Rolle bei der Beratung und Auswahl eines geeigneten Präparates.

 

Venenkrankheiten sind sehr weit verbreitet. Nur bei jedem Zehnten finden sich keine sichtbaren Venenveränderungen, sagte Professor Dr. Eberhard Rabe vom Dermatologischen Universitätsklinikum in Bonn. Nach den Ergebnissen der Bonner Venenstudie sind Frauen und Männer gleichermaßen betroffen, auch wenn Symptome wie schwere Beine, Schmerzen, Spannung und Schwellung der Beine bei Frauen ausgeprägter auftreten. Etwa 17 Prozent der Bevölkerung entwickeln eine chronisch venöse Insuffizienz (CVI), die behandlungsbedürftig ist.

 

Bei der CVI funktionieren Wadenmuskel- und Fußpumpen nicht mehr richtig. Der Druck in den Venen erhöht sich und die Venenklappen schließen nur noch insuffizient. Es kommt zu einer venösen und kapillaren Hypertonie. Durch die Volumenüberlastung weiten sich die Gefäße und es entstehen Lücken im Endothel. So steigt die kapillare Filtration und Ödeme bilden sich.

 

Durch Hypertonie und Gefäßerweiterung verlangsamt sich der kapillare Blutfluss. Es kommt zu einer lokalen Sauerstoffverarmung sowie Aktivierung von Leukozyten und Endothelzellen. Die Leukozyten rollen am Endothel entlang und haften daran (»white cell trapping«), sodass Mikrothromben entstehen, die die kleinen Gefäße verschließen. Klinisch äußert sich dies als »Atrophie blanche«: weiße Stellen der Haut, die nicht mehr mit Sauerstoff versorgt werden. Wandern Erythrozyten durch das Gefäßendothel, führt dies zu einer roten Pigmentierung, die als Venenkranz im Fußbereich und braune Flecken sichtbar wird.

 

Wenn Blutzellen, Fibrinogen und proteolytische Enzyme aus den Gefäßen austreten, entsteht eine chronische Entzündung im Unterhautfettgewebe. Die Kollagensynthese steigt, was zu einer Hautverhärtung (Lipodermatosklerose) beiträgt.

 

Atrophie blanche und Dermatosklerose sind Zeichen einer fortgeschrittenen CVI. In diesem Stadium reichen schon minimale Traumen oder lokale Infektionen, um die Mikrozirkulation zusammenbrechen zu lassen. Leicht entsteht ein Geschwür.

 

Die CVI ist eine progredient verlaufende Krankheit ohne kausale Therapie. Um Beschwerden zu lindern und eine Verschlimmerung zu verhindern, müssen Ödeme bekämpft und die Entzündung gehemmt werden. Nach der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie (DGP) besteht die Therapie aus vier Säulen: Neben physikalischen Maßnahmen, zum Beispiel Gehtraining, und operativen Methoden wie Verödung spielt die Kompressionstherapie eine wichtige Rolle. Die systemische medikamentöse Therapie wurde nach jahrelangen kontroversen Diskussionen ergänzend wieder aufgenommen. Jedoch sollten nur Medikamente mit Wirksamkeitsnachweis angewendet werden. Arzneimittel empfiehlt Rabe in Kombination mit einer Kompressionstherapie oder als Alternative, wenn eine Kompression kontraindiziert ist.

 

Die pflanzlichen Mittel wirken als Ödemprotektiva, die die Gefäße abdichten. Der genaue Mechanismus ist unbekannt, doch klinische Daten zur Wirksamkeit liegen mittlerweile vor. Als gut untersuchte, wichtigste Zubereitungen stufte Rabe Rosskastaniensamenextrakt, Flavonoide wie Rutin und Diosmin sowie den Extrakt aus Rotem Weinlaub ein. Aescin, ein Triterpensaponinglykosid-Gemisch aus der Kastanie, wirkt antiexsudativ und gefäßabdichtend, also insgesamt ödemprotektiv. Flavonoide regen die Mikrozirkulation an, sind antioxidativ und antiphlogistisch wirksam, stabilisieren die Gefäße und wirken sogar venentonisierend. Diese Effekte sind durch mehrere Studien belegt.

 

Wie relevant die Effekte in der Praxis sind, zeigen zwei Studien mit Extrakten aus Rosskastaniensamen sowie rotem Weinlaub: Sie reduzierten gleichwertig einer Kompressionstherapie Ödeme um 40 bis 50 ml. Das entspricht 20 Prozent des Ödemvolumens im Unterschenkel. Eine Therapie lohnt sich also, folgerte Rabe.

 

30 Prozent der Bevölkerung haben behandlungsbedürftige Venenleiden. Es sei Aufgabe des Apothekers, auf das Thema hinzuweisen und zu beraten, sagte der Phlebologe. Die Patienten müssten wissen, dass optimale Effekte der Ödemprotektiva erst nach drei bis fünf Wochen einsetzen, da die Wirkstoffe ins Endothel eingebaut werden. Je schwerer die Erkrankung, desto mehr profitierten die Patienten. Sowohl bei Über- als auch Unterdosierung komme es zu einer Wirkungsabschwächung. Großer Vorteil der pflanzlichen Venenmittel: Sie sind nebenwirkungsarm und haben fast keine Kontraindikationen. Dies mache sie zu einer sicheren und sinnvollen Ergänzung zur Kompressionstherapie, schloss Rabe.

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