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Dem Herzinfarktrisiko trotzen

12.06.2007
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Pharmacon Meran 2007

Dem Herzinfarktrisiko trotzen

Kaum eine Erkrankung ist so angstbesetzt wie der Herzinfarkt. Dabei ist die Erkrankung oft vermeidbar. Wer nicht raucht, seinen Cholesterolspiegel und den Blutdruck im Griff hat, kann das Herzinfarktrisiko stark senken.

 

Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen die Todesursachenstatistik an. Laut Statistischem Bundesamt waren die chronisch ischämische Herzkrankheit, der Herzinfarkt und die Herzinsuffizienz 2005 die drei häufigsten Todesursachen, berichtete Professor Dr. Dr. Walter Schunack, Berlin. Ihnen zugrunde liegt die Schädigung der Gefäßwände, die Atherosklerose. Wichtige Risikofaktoren hierfür sind Alter, Geschlecht und genetische Ausstattung. Daneben gibt es auch beeinflussbare Faktoren wie Rauchen, Bluthochdruck, hohe Cholesterolwerte, Diabetes, Übergewicht, Bewegungsmangel und Alkoholkonsum. In der PROCAM-Studie (Prospective Cardiovascular Münster Study) zeigte sich, dass ein hoher LDL-Wert bei Männern zwischen 35 und 65 Jahren mit Abstand der wichtigste modifizierbare Risikofaktor ist, gefolgt von einem niedrigen HDL-Wert, Hypertonie und Rauchen.

 

Das Rauchen aufzugeben ist die billigste und einfachste Einzelmaßnahme, sein Herzinfarktrisiko zu senken, sagte Schunack. So haben lebenslange Raucher eine im Durchschnitt zehn Jahre kürzere Lebenserwartung als Nichtraucher. Dies ergab die 2004 veröffentlichte britische Ärztestudie, die fast 35.000 Ärzte von 1951 bis 2001 untersuchte. Die Studie zeigte auch, dass Rauchverzicht belohnt wird. Wer mit 60 Jahren aufhört, gewinnt drei Lebensjahre zurück, mit 50 Jahren sechs Jahre. Wer mit 30 Jahren aufhört, kann sein Risiko, frühzeitig zu sterben, völlig eliminieren, sagte Schunack. Dennoch rauchen immer noch 16,7 Millionen Menschen in Deutschland. 110.000 sterben jedes Jahr an den Folgen des Tabakkonsums.

 

Auch mit der richtigen Hypertonie-Therapie lässt sich das Herzinfarktrisiko entscheidend senken. Mittel der ersten Wahl sind Calcium-Antagonisten, ACE-Hemmer, Angiotensin-Rezeptorblocker und Diuretika. Betablocker gehören nicht mehr zu dieser Gruppe, berichtete Schunack. Dies hätten zwei große Studien eindeutig gezeigt. In der LIFE-Studie mit 9222 Patienten war der Betablocker Atenolol dem AT1-Blocker Losartan sowohl bei kardiovaskulären Ereignissen als auch bei Schlaganfällen und neu auftretendem Diabetes signifikant unterlegen. In der ASCOT-Studie mit 19.257 Patienten schnitt Atenolol schlechter ab als der Calciumantagonist Amlodipin. Unter Atenolol war das Schlaganfallrisiko um 23 Prozent, das Diabetesrisiko um 30 Prozent und das Risiko für Herzinsuffizienz um 16 Prozent höher als unter Amlodipin. Auch in einer 2005 veröffentlichten Metaanalyse war das Schlaganfallrisiko unter Betablockern im Vergleich zu anderen Antihypertonika erhöht.

 

Nur bei Hypertonikern mit Herzinsuffizienz, koronarer Herzerkrankung oder nach einem Herzinfarkt sollten Betablocker eingesetzt werden. Das britische Qualitätsinstitut NICE hat diesen Ergebnissen entsprechende Empfehlungen veröffentlicht und rät von einer Kombination von Betablockern und Diuretika ganz ab.

 

Das deutsche IQWiG kam bei der Bewertung der Antihypertensiva zu einem ganz anderen Ergebnis. In einem Vorbericht schreibt das Institut, Diuretika seien bei keinem Therapieziel anderen Substanzklassen unterlegen gewesen. Ihr Nutzen sei wissenschaftlich am besten belegt. »Diuretika sind beliebt, weil sie so billig sind«, kritisierte Schunack. Die IQWiG-Bewertung hält er für ungeeignet, da schon die Studienauswahl die Diuretika präferierte. Wichtige Studien wie ASCOT seien gar nicht berücksichtigt worden. Diuretika seien kritisch zu sehen, da sie das Risiko für einen neu auftretenden Diabetes steigern. Zudem ist die Compliance schlecht. »Wenn nach zwölf Monaten nur noch 20 Prozent der Patienten die Therapie befolgen, kann ich mir die Therapie auch sparen«, erklärte der Referent.

 

Der wohl wichtigste beeinflussbare Risikofaktor für Herzerkrankungen ist ein hoher LDL-Cholesterol-Wert. Dass Statine nicht nur den LDL-Spiegel senken, sondern auch die Prognose verbessern, haben große Studien mittlerweile eindeutig gezeigt. In der Heart Protection Study (HPS-Studie) konnte Simvastatin die Gesamtmortalität sowie die Mortalität durch kardiale Ereignisse hoch signifikant reduzieren. Herzinfarkte gingen um 24 Prozent und Schlaganfälle um 27 Prozent zurück, berichtete Schunack. Risikopatienten sollten einen LDL-Wert von 100 mg/dl anpeilen. Dieser Zielwert sei aber nur schwer mit einer Monotherapie zu erreichen. Effektiver sei die Kombination eines Statins mit dem Cholesterol-Resorptionshemmer Ezetimib, der die Cholesterol-Aufnahme im Darm hemmt.

 

Schützend auf das Herz wirkt ein hoher HDL-Wert (mehr als 60 mg/dl). Um den Wert zu erhöhen, sei es hilfreich, das Rauchen aufzugeben, sich mehr zu bewegen, tierische Fette zu meiden und Gewicht zu verlieren, riet Schunack. Zur medikamentösen Steigerung eignet sich die Nicotinsäure.

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