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Arzneimittelmarkt

Viel heiße Luft in Bewegung

12.06.2007
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Arzneimittelmarkt

Viel heiße Luft in Bewegung

Von Daniel Rücker

 

Früher gab es Arzneimittel nur in der Apotheke. Jetzt gibt es sie bald überall. Dabei versprechen die wenigsten Ideen tatsächlich größeren Erfolg.

 

Vor einigen Jahren war es noch ein Schock für die Apotheker, dass nicht nur Aldi, sondern auch BP-Tankstellen freiverkäufliche Arzneimittel anbieten wollten. Von der »Trivialisierung des Arzneimittels« war damals die Rede. Sicherlich zu Recht, doch mittlerweile wären nicht apothekenpflichtige Medikamente an Tankstellen kaum noch der Rede wert und das nicht nur, weil sich das Geschäftsmodell als nachhaltiger Fehlschlag entpuppt hat. Abgeschreckt hat der Rohrkrepierer des Mineralölkonzerns offensichtlich niemanden. Heute gibt es kaum eine Branche, die sich nicht für den Arzneimittelvertrieb interessiert. Und dabei geht es auch um rezeptpflichtige.

 

Auslöser ist das Urteil des Oberverwaltungsgerichts Münster, nach dem die Drogeriemarktkette dm Rezepte für die Venloer Europa-Apotheek sammeln darf. Seit dieser Entscheidung entwickeln Handelskonzerne und Drogeriemärkte Konzepte, wie sie für sich ein Stück aus dem Arzneimittelmarkt herausschneiden können.

 

Diese Überlegungen treiben immer bizarrere Blüten. Schon das Geschäftsmodell dm/Europa-Apotheek war für den unvoreingenommenen Betrachter bizarr. Der Kunde musste, oft an fünf Apotheken vorbei, in eine dm-Filiale laufen, um dort die Medikamente in Holland zu bestellen, die er auch in den Apotheken auf dem Weg hätte kaufen können. Ein richtiger Renner sind die Rezeptsammelstellen bei dm-Märkten dann auch nicht geworden. Obwohl seit einem halben Jahr erlaubt, bleibt es bislang bei dem Pilotversuch in acht nordrhein-westfälischen Märkten. Auf der Website von dm wird lediglich der Versandhandel direkt bei der Europa-Apotheek beworben.

 

Am 26. April hat Celesio/Gehe den niederländischen Versender DocMorris gekauft. Celesio-Chef Dr. Fritz Oesterle hatte bereits zuvor permanent, jedoch mit geringem Wahrheitsgehalt, erzählt, der EuGH werde noch in diesem Jahr das Fremd- und Mehrbesitzverbot kippen. Als Besitzer der Saarbrücker DocMorris-Apotheke ist Oesterle nun selbst Partei des Verfahrens und mit seinen Marktpartner-Apotheken auch Teil des Arzneimittelvertriebs.

 

Suche nach lukrativen Standorten

 

Seitdem sich das Ende des Fremd- und Mehrbesitzverbotes vermeintlich abzeichnet, gehen auch die Drogerieketten Schlecker, dm und Rossmann mit ihren Plänen offensiver um. Zumindest in den Versandhandel wollen die Großdrogisten direkt oder mittelbar einsteigen. Seit Wochen sucht Schlecker Apotheker, Rossmann will zumindest mit Versandapotheken kooperieren. An eigenen Apotheken ist Rossmann nach eigenen Angaben (vorerst) nicht interessiert, auch wenn es deutliche Hinweise darauf gibt, dass Drogeriemärkte und andere Handelsketten sich bereits lukrative Standorte für Apothekeneröffnungen sichern.

 

Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe weiterer Unternehmen, die sich über Kooperationen mit öffentlichen Apotheken den Eintritt in den Arzneimittelmarkt sichern wollen. So kooperiert der ehemalige Kaffeeröster Tchibo mit der Großapotheke Sanicare, für den Buchclub Bertelsmann mimt eine Apotheke aus Steinfurt die Club-Apotheke. Das sind nur einige von zahlreichen Beispielen.

 

Seit wenigen Wochen gibt es eine weitere Variante des Arzneimittelvertriebs. Jens Apermann, ehemaliger Kompagnon von DocMorris-Chef Ralf Däinghaus, hat in ein kleines Ladenlokal eine Angestellte gesetzt, die für Kunden Medikamente im Internet bestellt und zwar bei Apotheken, die sich zur Apo AG zusammengeschlossen haben. Arzneimittel sucht man deshalb in dem kleinen Geschäftsraum vergebens. Die rund 25 Pharmazeuten haben eine gemeinsame Gesellschaft in Zürich gegründet. Diese betreibt zusammen mit der Europa-Apotheek eine Website für Arzneimittelversand. Apermann ist einer der aktivsten Protagonisten pro Arzneiversand in Deutschland. Nach seiner Zeit bei DocMorris arbeitete er für die Europa-Apotheek und entwickelte so unverzichtbare Angebote wie die »Apotheke für den Mann«.

 

Jetzt macht Apermann seinem ehemaligen Arbeitgeber unmittelbar Konkurrenz. Das Büro der Apo AG befindet sich im selben Haus wie eine DocMorris-Apotheke. Den Mangel an präsenter Ware kompensiert Apermann mit niedrigeren Preisen.

 

Es ist unzweifelhaft, dass die meisten neuen Angebote, legale, halblegale und illegale, bestenfalls über den Preis, oft aber nur wegen der vermuteten Preiswürdigkeit für Kunden interessant sind. Die Qualität der Versorgung verbessern sie allesamt nicht. Schließlich hat sich im Wettbewerb der Apotheken eine ökonomisch sinnvolle Apothekendichte in Deutschland eingestellt. Einige Fachleute sehen sogar in bestimmten Regionen ein Überangebot an Apotheken. In jedem Fall ist der Markt bestens abgedeckt.

 

Zu den großen Mysterien des Expertentums gehört, dass gerade diejenigen, die ein Überangebot an Apotheken postulieren, Anhänger der Deregulierung und damit der eher überflüssigen neuen Vertriebskonzepte sind. Warum braucht es Arzneimittel bei Tchibo, Schlecker und Bertelsmann, wenn fast jeder Patient in Deutschland die nächste oder die nächsten Apotheken zu Fuß oder zumindest mit dem Fahrrad erreichen kann? Warum sollen Arzneimittel beim Kafferöster besser laufen als in der Tankstelle? Warum sollten Patienten bei einem Buchclub Arzneimittel bestellen? Warum soll Schlecker mit seinen Angeboten mehr Erfolg haben als dm? Es ergibt wenig Sinn, ein vermeintliches Überangebot mit weiteren zusätzlichen Verkaufsstellen zu bekämpfen. Der Markt ist zwar in Bewegung, doch ventiliert er dabei auch eine ganze Menge heiße Luft.

 

Der Markt wird sich auch in den kommenden Monaten weiter verändern. Dabei ist allerdings nicht jede neue Idee auch eine gute. In vielen Fällen handelt es sich um Pläne, die andere bereits aus gutem Grund verworfen haben. Das bedeutet natürlich nicht, dass die Apotheker die aktuellen Marktentwicklungen auf die leichte Schulter nehmen dürfen. Viele Konzepte sind sicherlich schnell in ihrer Bedeutung überbewertet, die Einführung des Fremdbesitzes würde die Apothekenlandschaft jedoch fundamental verändern. Mit Celesio/Gehe, anderen Pharmagroßhändlern und vermutlich auch branchenfremden Handelsketten drängen finanzstarke Player in den Markt. Für zahlreiche Einzelapotheken dürfte es das Aus bedeuten, wenn diese Konzerne Ketten aufbauen. Diese Ketten wären ohne Frage eine unmittelbare Bedrohung, weil sie den selbstständigen Apothekern einen großen Teil des Umsatzes wegnehmen könnten. Das dürfte für die anderen Konzepte weniger gelten.

 

EuGH-Urteil frühestens Ende 2008

 

Der wichtigste Termin für die Entwicklung des deutschen Apothekenmarktes ist das Urteil des Europäischen Gerichtshofes im Vorlageverfahren des Verwaltungsgerichts Saarlouis. Hier gilt es mittlerweile als sicher, dass die mündliche Verhandlung im Verfahren zwischen Celesio/Gehe auf der einen Seite sowie dreier Apotheker, der Apothekerkammer des Saarlandes und der ABDA auf der anderen Seite nicht mehr in diesem Jahr stattfinden wird. Die Urteilsverkündung ist damit frühestens Ende 2008 zu erwarten. Da die Bundesregierung bislang keinen Zweifel daran gelassen hat, dass sie vor dem Urteil keine Gesetzesänderungen plant, brauchen diejenigen, die auf eine weitere Deregulierung setzen, einen langen Atem. Angesichts der oft dünnen Konzepte dürften viele davon die Entscheidung nicht mehr erleben.

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