Pharmazeutische Zeitung online
Plötzlicher Kindstod

Sicherer Schlaf für Säuglinge

11.06.2007  11:47 Uhr

Plötzlicher Kindstod

Sicherer Schlaf für Säuglinge

Von Gudrun Heyn

 

Jedes Jahr verlieren mehr als 300 Eltern in Deutschland ihr Baby durch den plötzlichen Kindstod. Ohne Vorwarnung finden sie ihr Kind leblos im Bett. Für die Eltern bedeutet dies nicht nur große Trauer, oft schwebt auch der Verdacht der Kindesmisshandlung über ihnen. Dabei ist das Risiko für den Kindstod durch einfache Maßnahmen zu senken.

 

Noch immer sterben in Deutschland mehr Säuglinge an einem plötzlichen Kindstod (SIDS, sudden infant death syndrome) als Kinder an Krebs. Trotz sorgfältiger Obduktion der betroffenen Kinder und medizinischer Forschung sind die Ursachen des SIDS bislang unklar. Zumeist kommt der Tod über Nacht. Mehr als 80 Prozent der Kinder sterben in den frühen Morgenstunden zwischen drei und fünf Uhr. Besonders gefährdet sind Säuglinge im dritten und vierten Lebensmonat. In diesem Zeitraum befindet sich die Immunität der Kleinen auf einem Tiefpunkt. Während die Leihimmunität, die sie von der Mutter bekommen haben, stetig sinkt, fängt ihr eigenes Immunsystem gerade erst an, sich zu entwickeln. Wie dies im Zusammenhang zum plötzlichen Kindstod steht, ist noch unklar. Doch nach der zwölften Lebenswoche sinkt das SIDS-Risiko stetig.

 

»Plötzlicher Kindstod ist ein multifaktorielles Geschehen«, sagte Dr. Thomas Erler vom Carl-Thiem-Klinikum in Cottbus. In zahlreichen Studien ist inzwischen nachgewiesen worden, dass das Risiko für auf dem Bauch schlafende Säuglinge bis zu 10-mal höher ist, als bei Bevorzugung der Rückenlage. Durch das sogenannte Überdecken, wenn sich das Kind die Decke über den Kopf zieht, steigt das Risiko auf das 22-Fache, durch Überwärmen, etwa beim Schlafen unter dicken Decken um das 3,5-Fache. Auch das Schlafen im Bett der Eltern gilt als gefährlich. Für Säuglinge von nicht rauchenden Eltern steigt hierdurch das Sterberisiko um das 2,6-Fache, von rauchenden Eltern sogar auf das 45-Fache an.

 

Als besondere Risikogruppe gelten außerdem Kinder, die ein sogenanntes anscheinend lebensbedrohliches Ereignis (ALE) erlebt haben. Dieses tritt im Gegensatz zu SIDS bei wachen Säuglingen auf. Das gesunde Kind wird von einer Sekunde zur anderen schlaff und leblos. Charakteristische Merkmale sind plötzlicher Atemstillstand, akute Veränderung der Hautfarbe und Hypotonie. Mehr als die Hälfte aller ALE treten vor dem vierten Lebensmonat auf. Die Ursache lässt sich bei mehr als 70 Prozent der Kinder diagnostizieren. Die Ursachen reichen von Apnoen, Krampfanfällen, Infektionen der Atemwege bis zu Stoffwechselerkrankungen.

 

Für die Mediziner ist es noch immer ein Problem, SIDS-gefährdete Kinder zu erkennen. Als Risikokinder gelten Frühgeborene, ALE-Kinder sowie Säuglinge mit angeborenen Atemauffälligkeiten, anderen Entwicklungsauffälligkeiten oder familiär belastete Kinder. In Cottbus werden diese Risikokinder im Schlaflabor mittels Polysomnografie untersucht. Dabei ermitteln die Mediziner verschiedene elektrophysiologische Parameter, wie etwa die Potenzialschwankungen des Gehirns (EEG) oder die Atemfrequenz. Nach der Aufzeichnung wird der Befund bewertet und das Ergebnis mit den Eltern besprochen. Bei gefährdeten Kindern sollten die bekannten Präventionsmaßnahmen besonders konsequent eingehalten werden.

 

Risiko ermitteln

 

Eine andere Diagnostik-Methode schlägt die Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM) vor. In einer großen Studie mit mehr als 14.300 Neugeborenen konnte nachgewiesen werden, dass es bei manchen Säuglingen in Bauchlage zu einer Minderdurchblutung des Hirnstamms kommt. Mittels einer Dopplersonografie lässt sich erkennen, bei welchen Säuglingen bei stark zur Seite gedrehtem Kopf der Blutfluss in der Arteria basilaris vermindert ist. Die DEGUM fordert daher, ein Ultraschall-Screening für Säuglinge einzuführen.

 

Doch beide Methoden sind in den Augen von Erler nicht dazu geeignet, das SIDS-Risiko aller Kinder zu erkennen. »Weder Polysomnografie noch Dopplersonografie ändern die Maßnahmen, die getroffen werden sollten, um einen plötzlichen Kindstod zu verhindern«, sagte der Säuglingsexperte. Außerdem erfordern sie besonders erfahrene Diagnostiker, die sich mit den rasant verändernden Lebensfunktionen im ersten Lebensjahr auskennen. Die Atemfrequenz etwa sinkt von 40 Zügen pro Minute beim Neugeborenen auf 20 Züge bei Einjährigen. Solche Daten müssen zeitpunktgerecht interpretiert werden können, um Eltern nicht unnötig in Sorge zu versetzen.

 

Optimale Schlafbedingungen sind die effektivsten Maßnahmen zur Vermeidung des plötzlichen Kindstods. So sollten Säuglinge am besten auf dem Rücken schlafen. Seit 1990 gibt es in der Bundesrepublik eine Präventionskampagne gegen die Bauchlage. Seitdem sind die Todesfälle durch SIDS um 80 Prozent zurückgegangen. Besonders empfehlenswert ist ein Schlafsack. Kleinere Babys können sich mit ihm nicht drehen, und auch ein Überdecken ist mit ihm nicht möglich. Kontraproduktiv sind dagegen Kopfkissen, Felle und Nestchen im Bett, da sie eine Überwärmung fördern können. Das Kinderbett sollte im ersten Lebensjahr im elterlichen Schlafzimmer stehen. Eltern sollten zudem darauf achten, dass ihr Kind nicht schwitzt. Auch der Rauchverzicht der Eltern senkt das Risiko. Stillen und viel Körperkontakt wirken sich ebenfalls positiv aus. In Studien belegt ist außerdem der schützende Effekt eines Schnullers. Durch ihn werden vermutlich die Atemzüge tiefer. Die Gefahr für Kieferfehlstellungen sei dabei zu vernachlässigen. »Lieber ein gesundes Kind mit schiefen Zähnen, als ein totes mit geradem Gebiss«, sagte Erler.

 

Den Schlaf überwachen

 

Bei erkennbar erhöhtem Risiko wird zu einer dauerhaften Monitorüberwachung des Kindes im ersten Lebensjahr geraten. Hierbei werden die Atem- und Herztätigkeit sowie die Sauerstoffsättigung im Blut im Schlaf überwacht. Bei Unregelmäßigkeiten gibt das Gerät Alarm. Die Methode ist bei Medizinern wegen der hohen Fehlalarmrate umstritten. Besonders viele Fehlalarme produzieren Heimmonitore, die gleich mehrere Lebensparameter überwachen. Verrutscht eine der Messelektroden gibt es Alarm. »Dies sind allerdings auch die Geräte, die Kindern die größte Sicherheit geben«, sagte Erler.

 

Inzwischen gibt es jedoch Heimmonitore, die mehrere Parameter messen und diese logisch miteinander verknüpfen. Ist nur einer der Messwerte außerhalb der Norm, erfolgt kein Warnton. Nervenaufreibende Fehlalarme können so um etwa 30 Prozent reduziert werden.

 

Doch der Aufwand für Eltern ist hoch. Sie müssen mit den komplizierten Geräten sicher umgehen können und die nötige Compliance aufbringen. Außerdem tun sich immer noch viele gesetzliche Krankenkassen schwer, wenn sie die Kosten für Geräte übernehmen sollen, die mit einem Pulsoximeter zur Messung der Sauerstoffsättigung ausgestattet sind.

 

Für den Ernstfall sollten Eltern genau wissen, wie zu reagieren ist. Durch eine rasche Reanimation kann das Kind gerettet werden. Daher empfiehlt sich vor allem für Eltern von Risikokindern ein Erste-Hilfe-Kurs.

Mehr von Avoxa