Pharmazeutische Zeitung online

Nebelkerzen

06.06.2017  15:42 Uhr

Nebelkerzen

Liebe DAZ-Redaktion, was ist denn Euch über die Leber gelaufen? Schon beim Pharmacon Schladming wart Ihr so nörgelig drauf, weil Euch die Vorträge zu langweilig waren und es nur Kaffee zu trinken gab. Vorletzte Woche in Meran war es noch schlimmer mit Euch. Geradezu auf Krawall gebürstet wirktet Ihr beim Pharmacon. Ihr habt Euch über den Europa-Politiker Alexander Graf Lambsdorff derart echauffiert, dass wir uns schon Sorgen machen mussten. Dabei war es doch ganz ordentlich, was der Graf zu sagen hatte. Was hattet Ihr denn erwartet? Eine Kongresseröffnung ist eben kein Champions-League-­Finale.

 

Wir werden hier keine Lanze für die Freidemokraten brechen, das liegt uns fern. Ungefähr so fern wie Eure online versendete Behauptung, es hätten sich viele Apotheker beschwert, dass ein Vertreter der FDP als Fest­redner bei der Pharmacon-Eröffnung spricht. Werte Kollegen, wir leben in einem freien Land, da kommen auch Minderheiten zu Wort. Das Parteibuch des Referenten in den ­Mittelpunkt der Berichterstattung zu stellen, liebe DAZ, dokumentiert Euren Mut, sich nicht sklavisch an Fakten zu orientieren. Wer zugegen war, dem kann nicht entgangen sein, dass die Eröffnungsveranstaltung ordnungsgemäß zu Ende ging. Tumult-ähnliche Zustände im Saal blieben aus. Die Wogen hatten sich geglättet, die Apothekerfamilie rückte wieder zusammen – dachten wir.

 

Wir hatten Eure schwäbische Beharrlichkeit unterschätzt. Als wir noch damit beschäftigt waren, einige durchaus gelungene Kongressvorträge für unsere Leser zu verfassen, wart ihr schon wieder im Angriffsmodus. Grund dafür war eine mutmaßliche Verletzung der in Artikel fünf des Grundgesetzes fest­geschriebenen Pressefreiheit. DAZ-Redaktion und Kongressleitung schätzten die inhaltliche Qualität einer runden Hundertschaft von DAZ-Heften im Kongresszentrum unterschiedlich ein. In der Folge wurde diesen der vereinbarte Zugang zum Kongress verwehrt.

 

Natürlich, der Verlust der Hefte schmerzt. Aber, liebe Kollegen, etwas weniger Theatralik hätte auch gereicht. Die Stabilität der Bundesrepublik blieb jederzeit gewahrt. Niemand kam zu Schaden, die Freiheitlich-Rechtliche Grundordnung hielt Stand. Der Entzug eines Grundrechts war tatsächlich keiner. Ein barriere­freier Zugang zum Inhalt der DAZ-Ausgabe im Kongressgebäude war jederzeit möglich – online wie Print.

 

Ohnehin sind wir nicht ganz sicher, ob hinter den medialen Attacken Eurerseits nicht nur die Sorge um die Qualität der Pharmacons steht. Wir vermuten vielmehr, dass Ihr den Pharmacon schlecht machen wollt, weil sie Konkurrenz zur Interpharm ist. Euch geht es am Ende gar nicht um Fortbildung, FDP oder Pressefreiheit. Am Ende geht es auch um Geld, wirtschaftlichen Erfolg, und den Versuch, einen Konkurrenten zu schwächen. Das ist nicht schön, aber auch nicht verboten. Dafür muss man aber doch nicht so viele ­Nebelkerzen zünden. Die blenden doch nur kurz. Und wir behalten – wie immer – den Durchblick.

 

Daniel Rücker 

Chefredakteur 

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