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Durchfall

Nicht nur für Reisende ein Problem

07.06.2011
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Ob Spanien oder Südafrika: Das Thema Durchfall gehört zu jeder reisemedizinischen Beratung in der Apotheke dazu. Doch auch hierzulande kann Durchfall ganz plötzlich zum Problem werden, wie die aktuelle EHEC-Epidemie eindrücklich zeigt. Eine Übersicht über Erreger und Behandlungsoptionen.

Enterohämorrhagische Escherichia coli (EHEC) haben es über Nacht zu nationaler Berühmtheit gebracht. Denn in kürzester Zeit haben sich in Deutschland ungewöhnlich viele Menschen mit den Durchfallerregern infiziert und sind zum Teil schwer erkrankt. »Zurzeit ereignet sich der bisher größte bekannte EHEC-Ausbruch«, sagte Professor Dr. Thomas Weinke vom Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam. Gehäuft kommt es in der Folge zu einem hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS), einer Komplikation, die in bis zu 10 Prozent der Fälle tödlich verlaufen kann. Vorsicht ist geboten, denn: »Ein HUS kann auch nach abgeschlossener Durchfall-Episode vorkommen«, erklärte Weinke. Mittels Dialyse oder Plasmapherese kann die Ausscheidung der toxinbildenden Bakterien beschleunigt werden. Trotz der dramatisierenden Berichterstattung in den Medien ist Weinke zuversichtlich: »Mit dem Hygieneverhalten, das wir in Deutschland haben, und der gesteigerten Aufmerksamkeit wird sich der Ausbruch in spätestens zwei Wochen totlaufen.«

Überhaupt ist die Beachtung von Hygienere­geln dem Gastroenterologen zufolge das A und O bei der Durchfall-Prävention. Neben mangelnder Hygiene gibt es weitere Fakto­ren, die das Risiko für eine Erkrankung erhöhen können, nämlich eine Therapie mit Antibiotika, Motilitätshemmern oder Immun­suppressiva, ein hohes Lebensalter sowie ein erhöhter Magen-pH, etwa durch lang­fris­tige Einnahme von Protonenpumpenhem­mern (PPI). »Ist der Magen weniger sauer, kommen Erreger leichter durch«, sagte Weinke. Das gelte beispielsweise für das ubiquitär vorkommende Stäbchenbakterium Clostridium difficile.

 

Eine Antibiotikatherapie, besonders mit Chinolonen, Cephalosporinen, Makroliden, Clindamycin oder Carbapenemen, erhöhe das Infektionsrisiko zusätzlich, ebenso eine chronisch entzündliche Darmerkrankung. Die Behandlung einer Clostridium-difficile-Infektion erfolgt in leichten bis mittelschweren Fällen mit Metronidazol, bei schweren Fällen mit Vancomycin. Zur Rezidivprophylaxe eignen sich Probiotika, vor allem Saccharomyces boulardii.

 

Die wichtigsten viralen Durchfallerreger sind Noroviren. Besonders in den Wintermonaten, wenn sich vermehrt viele Menschen in einem Raum aufhalten, kommt es immer wieder zu Ausbrüchen. Neben dem Stuhl stellt Erbrochenes eine mögliche Infektionsquelle dar, von der aus die Erreger über ein Aerosol den nächsten Wirt erreichen können. Nach einer Inkubationszeit von einem bis drei Tagen kommt es zu Übelkeit, Erbrechen, Bauchkrämpfen und Durchfall, die vor allem ältere Patienten sehr stark schwächen können. »Norovirus-Infektionen sind nicht nur ein harmloser Schnupfen des Darms«, sagte Weinke. Da bei dem viralen Erreger eine Antibiotikatherapie nicht indiziert ist, erfolgt die Behandlung rein symptomatisch.

 

Wie bei allen Durchfallerkrankungen steht dabei die orale Rehydratation im Vordergrund. »Damit sind 80 bis 90 Prozent der Fälle adäquat zu behandeln«, sagte Weinke. Wichtig sei, dass die Behandlung rechtzeitig begonnen wird. Entsprechende Trinklösungen sollten den Glucose- und Elektrolytverlust durch die häufigen Stuhlabgänge ausgleichen.

 

Der Stellenwert von Antibiotika in der Therapie des Durchfalls wird Weinke zufolge meist überschätzt. Neben Chinolonen und Azithromycin kommt zur Behandlung der Reisediarrhö mittlerweile auch das nicht resorbierbare Rifaximin zum Einsatz. Bei invasiven Keimen wie Shigellen oder Parasiten ist es allerdings kontraindiziert, ebenso wie der Motilitätshemmer Loperamid, der die Verweildauer der Erreger im Darm verlängert. Bei blutigen Durchfällen sollten Reisende diese Medikamente daher nicht eigenständig einnehmen. Keine ausreichende Wirksamkeit haben laut Weinke altbewährte Hausmittel wie Kaolin, Pektin und medizinische Kohle. Sie seien daher für die Selbstmedikation nicht mehr zu empfehlen.

 

Zur Prophylaxe von Reisediarrhöen, die meist durch Enterotoxin-bildende Escherichia-coli-Stämme (ETEC) hervorgerufen werden, eignet sich der orale Cholera-Impfstoff Dukoral®, der aufgrund einer Kreuz­resistenz auch gegen ETEC wirksam ist. Da Dukoral® nur zur Prophylaxe der Cholera zugelassen ist, erfolgt der Einsatz gegen ETEC allerdings off-label. Gegen die vor allem bei Kleinkindern relevanten Rotaviren gibt es derzeit zwei Impfstoffe (Rotarix® und Rotateq®), die Weinke zufolge beide effizient wirken. Die Impfung wird von der Weltgesundheitsorganisation und den Fachgesellschaften empfohlen, allerdings nicht von der Ständigen Impfkommission (STIKO), weshalb Eltern, die ihr Kind impfen lassen möchten, die Kosten selbst tragen müssen.

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