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BPI

Industrie will stärker beteiligt werden

07.06.2011
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Von Daniel Rücker, Frankfurt am Main / Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) hat Dr. Bernd Wegener im Amt des Vorsitzenden bestätigt. In seiner Grundsatzrede während der Hauptversammlung in Frankfurt wünschte sich Wegener eine engere Zusammenarbeit im Gesundheitswesen. Er stellte aber auch klare Forderungen an die Politik.

BPI-Chef Wegener ist mit der Gesundheitspolitik nicht sonderlich zufrieden. Mit Blick auf den sechzigsten Geburtstag seines Verbandes bezeichnete er zwar die vergangenen Jahrzehnte als spannend und pharmazeutisch innovativ. Die Politik hat zu dieser Entwicklung nach Wegeners Darstellung jedoch nur wenig beigetragen. Den Bundesregierungen habe bislang der Mut gefehlt, der pharmazeutischen Industrie mehr Verantwortung zu übertragen und sie an der Entscheidungsfindung im Gesundheitswesen zu beteiligen. Zudem habe sie es nie geschafft, einen wirklichen Wettbewerb unter den Krankenkassen zuzulassen. Ohnehin habe es in der Regierungskoalition mehr Missklänge als Zusammenarbeit gegeben.

 

Ende der Grabenkriege

 

Diese Politik, da ist Wegener sicher, sei nun am Ende. Das Gesundheitswesen stehe »vor einem gewaltigen Umbruch«. Die Menschen wollten heute stärker über Entwicklungen informiert werden und diese stärker beeinflussen. Damit sei das Ende einer Gesundheitspolitik, die von ideologisch verbrämten Grabenkriegen geprägt wurde, eingeläutet. Die Menschen seien aber nicht mehr bereit, dabei zuzuschauen, wie das System »langsam, aber sicher gegen die Wand gefahren wird«.

In Zukunft müsse es statt des Gegeneinanders ein stärkeres Miteinander geben, forderte Wege­ner. Es sei Zeit für eine neue Gesprächskultur zwischen Krankenkassen, Ärzten, Kranken­häu­sern und der pharmazeutischen Industrie. Die Apotheker vergaß der BPI-Chef übrigens nicht nur an dieser Stelle.

 

Kleine Fortschritte sieht Wegener schon heute. So habe die pharmazeutische Industrie bei den Beratungen zum Arzneimittelmarkt-Neuord­nungs­gesetz erstmals nicht am Katzen-, sondern am Verhandlungstisch gesessen. Was freilich vor allem mit der von der Industrie nicht sonderlich geschätzten Kosten-Nutzen-Bewertung inklusive der daraus resultierenden Erstattungspreise zusammenhängt und deshalb wohl kein voller Erfolg ist. Wegener sieht die ersten Monate dennoch positiv. Sie hätten gezeigt, dass es möglich sei, miteinander zu reden. Nun müssten Krankenkassen, GKV-Spitzenverband und pharmazeutische Industrie nur noch »eine gangbare Lösung finden, damit Kranke in diesem Land eine optimale Versorgung und Zugang zu Innovationen haben und andererseits das System nicht über Gebühr belastet wird« – und dies bei »nachhaltigen wirtschaftlichen Bedingungen« für die pharmazeutische Industrie.

 

Zusätzlich zu den nachhaltigen Bedingungen gibt es für Wegener noch einige Nebenbedingungen, die bei der Kosten-Nutzen-Bewertung erfüllt werden müssen. So sollen Arzneimittel mit Verhandlungspreisen bei Wirtschaftlichkeitsprüfungen nicht berücksichtigt werden. Außerdem müsse die Transparenz des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) und seiner Entscheidungswege verbessert werden. Darüber hinaus forderte Wegener einen wissenschaftlichen Beirat für den GBA, der den Ausschuss wissenschaftlich beaufsichtigen soll.

 

Der GBA hat für den BPI naturgemäß eine besonders hohe Bedeutung. Der Verband interessiert sich aber auch für das anstehende Versorgungsgesetz. Hier hat der BPI konkrete Forderungen, die Wegener formulierte. So müsse es eine Liste von Indikationen und Wirkstoffen geben, bei denen ein Austausch in der Apotheke verboten ist oder bei denen eine Verordnung nicht auf Wirtschaftlichkeit geprüft wird. Des Weiteren sei eine konzertierte Aktion zu Kinderarzneimitteln unter der Leitung des Bundeskanzleramtes dringend nötig.

 

Forschung steuerlich fördern

 

OTC-Arzneimittel gegen schwere Neurodermitis müssten auf die OTC-Ausnahmeliste, Arzneimittel in der Schmerztherapie sollten generell von der Wirtschaftlichkeitsprüfung ausgenommen werden und höhere Rohstoffpreise müssten trotz Preismoratorium an die Kunden weitergegeben werden dürfen. Außerdem forderte Wegener eine preisabhängige Zuzahlungsregelung. Unabhängig vom Versorgungsgesetz verlangte der BPI-Chef von der Bundesregierung, die Kosten für Forschung und Entwicklung steuerlich zu fördern. In den meisten anderen Staaten der Europäischen Union geschehe das bereits. Für die deutsche Pharmaindustrie sei dies ein erheblicher Wettbewerbsnachteil.

 

Ob die Forderungen bei Politik und Krankenkassen auf große Sympathie stoßen, bleibt abzuwarten, die Rückendeckung seines Verbandes hat Wegener in jedem Fall. Die BPI-Hauptversammlung bestätigte ihn im Amt des Vorsitzenden, das der Chef der co.don AG seit 2000 innehat. Stellvertretende Vorsitzende wurden Uwe Alter (B. Braun Melsungen), Dr. Richard Ammer (Medice), Professor Dr. Michael Habs (Dr. Willmar Schwabe) und Professor Dr. Michael Popp (Bionorica). /

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