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EHEC

Eculizumab im experimentellen Einsatz

07.06.2011
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Von Daniela Biermann / Derzeit behandeln einige Kliniken Patienten mit hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) versuchsweise mit dem monoklonalen Antikörper Eculizumab (Soliris®). Er ist für diese Komplikation einer EHEC-Infektion weder getestet noch zugelassen, es gibt aber Fallberichte erfolgreicher Therapieversuche bei Kindern während früherer Epidemien.

Da momentan einige schwer Erkrankte in Lebensgefahr schweben oder Nierenversagen und bleibende Hirnschäden drohen, hatten Ärzte am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf am 27. Mai mit einer experimentellen Therapie begonnen. Derzeit behandeln Nephrologen dort nach Medienangaben rund 50 Patienten mit Eculizumab. Ob die Patienten wirklich von der Antikörpertherapie profitieren, wird sich erst in einigen Wochen zeigen. Von einem Wundermittel könne jedoch nicht die Rede sein, hatten einige der behandelnden Ärzte mehrmals in den Medien betont.

Die Patienten am UKE bekamen initial eine Infusion des Antikörpers in Höhe von 900 Milligramm, teilte der Leiter der Klinik­apotheke am UKE, Dr. Michael Baehr, der Pharmazeutischen Zeitung mit. Dies ent­spricht drei Flaschen des Konzentrats, das vor der Infusion auf 5 Milligramm pro Milliliter verdünnt wird. Diese Dosis entspricht laut Fachinformation der Erhaltungsdosis bei der zugelassenen Indikation, der paroxysmalen nächtlichen Hämoglobinurie (PNH). Die Strategie für die Folgebehandlung mit weiteren Gaben im Abstand von jeweils einer Woche wird in enger Abstimmung zwischen den Nephrologen des UKE, der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie und dem Hersteller Alexion Pharmaceuticals festgelegt.

 

Kein Lieferengpass bei Eculizumab

 

Nach eigenen Aussagen stellt Alexion Pharmaceuticals derzeit den Kliniken den Antikörper kostenlos zur Verfügung. Eine Flasche mit 30 Milliliter Konzentrat kostet 4745,31 Euro (Apotheken-Einkaufspreis). Während das Unternehmen weiterhin lieferfähig ist, werden an anderer Stelle die Ressourcen knapp. Wie Klinikapotheker Baehr berichtet, war es schwierig, Calciumgluconat-Lösungen für die zahlreichen Dialysepatienten zu besorgen. Die Apotheke am UKE bereitet derzeit 80 vorgefüllte Perfusoren am Tag vor. Die Mitarbeiter stellen sich darauf ein, selbst Calciumgluconat-Lösungen zu produzieren, sollte der Lieferengpass nicht behoben werden.

 

Eculizumab ist für die Behandlung des hämolytisch-urämischen Syndroms nicht zugelassen, sondern nur bei der seltenen Nierenerkrankung paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie. Die Symptomatik ist ähnlich: Eine überschießende Immunantwort zerstört vermehrt Erythrozyten. Eculizumab blockiert die Bildung des letzten Komplementkomplexes, einem Teil des unspezifischen Immunsystems.

 

Symptomatische Behandlung

 

Die bei einer EHEC-Infektion auftretenden Durchfälle können nur symptomatisch behandelt werden. Loperamid und andere Motilitätshemmer sind kontraindiziert, da die Bakterien sonst länger im Darm bleiben und so auch länger Toxine ausscheiden können. Zwar reagiert der mutierte Keim empfindlich auf einige Antibiotika wie Ciprofloxacin und Aminoglykoside. Diese sind jedoch im Allgemeinen kontraindiziert. Denn wenn die Bakterien absterben, setzen sie vermehrt Giftstoffe frei. Antiemetika wie Metoclopramid und Spasmolytika dürfen dagegen laut Auskunft von Professor Dr. Michael M. Kochen von der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin bedenkenlos gegeben werden. Butylscopolaminiumbromid sollte intravenös verabreicht werden, da die orale absolute Bioverfügbarkeit laut Fachinformation unter 1 Prozent liegt. Suppositorien sind nicht wesentlich effizienter und generell bei jeder Art von Durchfall kontraindiziert. /

Zum aktuellen Stand

Bis Redaktionsschluss am Dienstagnachmittag sprach das Robert-Koch-Institut (RKI) von mehr als 2300 bestätigten EHEC-Infizierten, davon 642 HUS-Fälle. 21 Patienten starben. Als Infektionsquelle stehen Gemüsesprossen unter Verdacht. Die Proben von einem Biobauernhof im niedersächsischen Bienenbüttel fielen zwar negativ aus. Es ist jedoch möglich, dass verkeimte Chargen bereits verzehrt oder verworfen wurden. Die Sprossen waren in mehrere Hotels und Kantinen geliefert worden, in denen einige Gruppen der Infizierten gegessen hatten. Das RKI warnt nach ersten Auswertungen von Fragebögen allerdings weiter vor dem Verzehr von rohen Tomaten, Gurken und Salat in Norddeutschland.

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