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Ravulizumab

Neuer Antikörper bei seltener Blutkrankheit

Seit Kurzem ist ein weiterer Antikörper zur Behandlung der seltenen Blutkrankheit paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie auf dem Markt. Ravulizumab zeichnet sich im Vergleich zur derzeitigen Standardtherapie Eculizumab durch eine verlängerte Halbwertszeit aus. Der Neuling muss daher nur sechs- statt 26-Mal pro Jahr appliziert werden.
Kerstin A. Gräfe
05.09.2019
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Der Antikörper Ravulizumab (Ultomiris® 300 mg Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, Alexion) ist eine neue Option zur Behandlung der paroxysmalen nächtlichen Hämoglobinurie (PNH). Zugelassen ist das Präparat für erwachsene PNH-Patienten mit Hämolyse und klinischen Symptomen, die auf eine hohe Krankheitsaktivität hinweisen, sowie für Patienten, die klinisch stabil sind, nachdem sie mindestens während der vergangenen sechs Monate mit Eculizumab behandelt wurden.

Die PNH ist eine sehr seltene, teilweise äußerst schwer verlaufende Blutkrankheit, von der überwiegend jüngere Menschen betroffen sind. Der Name beruht auf der klinischen Erscheinung der Erkrankung: Bei einigen Patienten tritt unvermittelt (paroxysmal) nächtlich oder früh morgens eine Rot- beziehungsweise Dunkelfärbung des Urins auf (Hämoglobinurie). Ursache ist eine erworbene somatische Mutation im Phosphatidyl-Inositol-Glykan-A (PIG-A)-Gen in den multipotenten hämatopoetischen Stammzellen des Knochenmarks. In der Folge hat die Zellmembran keinen Schutzfaktor mehr gegen den Komplementfaktor C5 und wird intravasal lysiert. Es treten hämolytische Anämie, Thrombophilie und Zytopenie auf. Ohne eine spezifische Behandlung sterben 20 bis 35 Prozent der PNH-Patienten trotz bestmöglicher supportiver Therapie (einschließlich Bluttransfusionen und Antikoagulanzien) innerhalb von fünf Jahren nach der Diagnose.

Die derzeitige Standardtherapie ist eine Behandlung mit dem monoklonalen Antikörper Eculizumab (Soliris®), der sich gegen den Komplementfaktor C5 richtet. Auch Ravulizumab bindet mit hoher Affinität an dieses Protein, hat aber eine drei- bis viermal längere Halbwertszeit. Daher muss der neue Antikörper nur alle acht Wochen gegeben werden, während Eculizumab alle zwei Wochen appliziert wird. Für die Patienten sinkt damit die Zahl der Infusionen von 26 auf 6 pro Jahr.

Ravulizumab wird nach Körpergewicht dosiert und intravenös verabreicht. Das empfohlene Dosierungsschema besteht aus einer Initialdosis gefolgt von Erhaltungsdosen. Letztere müssen jeweils im Abstand von acht Wochen verabreicht werden, beginnend zwei Wochen nach der Initialdosis. In Einzelfällen darf das Schema um plus/minus sieben Tage abweichen außer bei der ersten Erhaltungsdosis. Bei Patienten, die von Eculizumab auf Ravulizumab umgestellt werden, sollte die Initialdosis zwei Wochen nach der letzten Eculizumab-Infusion verabreicht werden, anschließend wird alle acht Wochen eine Erhaltungsdosis verabreicht, beginnend zwei Wochen nach der Initialdosis. Da PNH eine chronische Erkrankung ist, wird eine lebenslange Behandlung empfohlen.

Aufgrund ihres Wirkmechanismus erhöhen C5-Inhibitoren die Anfälligkeit des Patienten für eine Infektion mit Neisseria meningitidis. Zur Verringerung des Infektionsrisikos müssen alle Patienten mindestens zwei Wochen vor Behandlungsbeginn gegen Meningokokken geimpft werden. Patienten, bei denen die Impfung zu Beginn der Behandlung mit Ravulizumab weniger als zwei Wochen zurückliegt, müssen bis zwei Wochen nach der Impfung eine geeignete Antibiotikaprophylaxe erhalten. Wichtig ist zudem, dass die Patienten gemäß den geltenden Impfrichtlinien nachgeimpft werden. Bei Patienten ohne aktuellen Impfschutz gegen Neisseria meningitidis beziehungsweise mit einer nicht ausgeheilten Meningokokken-Infektion ist Ultomiris kontraindiziert.

Gebärfähige Frauen sollten während und bis zu acht Monate nach der Behandlung zuverlässig verhüten. Bei Schwangeren kann die Anwendung von Ravulizumab nach einer Nutzen-Risiko-Analyse in Betracht gezogen werden. Das Stillen sollte während und bis zu achte Monate nach der Behandlung unterbrochen werden.

Wirksamkeit und Sicherheit von Ravulizumab wurden in zwei offenen, randomisierten Phase-III-Studien untersucht, in denen der neue Wirkstoff mit Eculizumab verglichen wurde. An der Studie 301 nahmen PNH-Patienten teil, die zuvor nicht mit Komplementinhibitoren behandelt worden waren. Die koprimären Endpunkte waren Transfusionsvermeidung und Hämolyse, gemessen an der Normalisierung des Laktatdehydrogenase (LDH)-Werts. In beiden Endpunkten war Ultomiris ebenso wirksam wie Soliris. Bei 73,6 Prozent der Ravulizumab Patienten und bei 66,1 Prozent der Eculizumab- Patienten konnte eine Transfusion vermieden werden. Zudem normalisierte sich der LDH-Wert bei 53,6 Prozent der Patienten, die mit Ravulizumab behandelt wurden, versus 49,4 Prozent der Patienten aus der Eculizumab-Gruppe.

In die Studie 302 waren PNH-Patienten eingeschlossen, die nach mindestens sechs Monaten Behandlung mit Eculizumab klinisch stabil waren. Der primäre Endpunkt war Hämolyse, gemessen an der prozentualen Veränderung der LDH-Werte gegenüber der Baseline. Bei den Patienten, die mit Ravulizumab behandelt wurden, konnte ein Rückgang um 0,82 Prozent des LDH-Werts gezeigt werden. In der Eculizumab-Gruppe stieg der Wert um 8,39 Prozent. Der Unterschied zwischen den beiden Gruppen war statistisch nicht signifikant.

In beiden Studien gaben die Patienten als häufigste Nebenwirkungen Kopfschmerzen an. Zudem können unter Ravulizumab Infektionen der oberen Atemwege und Nasopharyngitis auftreten.

Das Präparat muss im Kühlschrank bei 2 bis 8 °C gelagert werden.


 

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