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Multiple Sklerose

Erweiterung der Wirkstoffpalette in Sicht

02.06.2008
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Multiple Sklerose

Erweiterung der Wirkstoffpalette in Sicht

Von Sven Siebenand

 

Fingolimod und Atacicept heißen zwei potenzielle neue Wirkstoffe für MS-Patienten. Während sich Atacicept in Phase II der klinischen Prüfung befindet, ist Fingolimod schon einen Schritt weiter. Die oral verfügbare Substanz durchläuft gerade Phase-III-Studien.

 

Im Patientenjargon wird die Multiple Sklerose oft als »Kabelbrand« bezeichnet. Der Grund: Zellen des Immunsystems greifen die Myelinschicht an, die eine Art Isolierung für die Nerven im zentralen Nervensystem darstellt. Als Folge der Entmarkung (Demyelinisation) können Nervenimpulse nicht mehr richtig weitergeleitet werden. In Deutschland leben zwischen 100.000 und 120.000 MS-Patienten. Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge leiden weltweit bis zu 2,5 Millionen Menschen an dieser T-Zell-vermittelten, chronisch entzündlichen Erkrankung von Gehirn und Rückenmark. Die Symptome können unterschiedlich sein, wobei vor allem Sehstörungen, Parästhesien in den Gliedmaßen, zum Beispiel Taubheit und Kribbeln, sowie körperliche Schwächung und Koordinationsstörungen auftreten. Am weitesten verbreitet ist die schubförmig verlaufende MS.

 

Fingolimod wird derzeit von der Firma Novartis für die MS-Therapie entwickelt. Durch den Wirkstoff werden Immunzellen nicht abgetötet oder an der Vermehrung gehindert. Stattdessen hindert dieser neue Arzneistoffkandidat T-Lymphozyten daran, aus den Lymphknoten in die Blutbahn und das zentrale Nervensystem zu wandern, wo sie die Zerstörung der neuronalen Myelinscheiden veranlassen.

 

Fingolimod ist ein synthetisches Derivat von Myriocin, welches aus dem in der traditionellen chinesischen Medizin genutzten Pilz Isaria sinclairii stammt. Es unterscheidet sich vom Myriocin durch geringere Toxizität bei stärkerer immunsuppressiver Wirkung. Wie lässt sich diese Wirkung nun erklären? Fingolimod ist von seiner Struktur her dem im Körper vorkommenden Sphingosin ähnlich. Nachdem Fingolimod in vivo in die aktive, phosphorylierte Wirkform überführt worden ist, bindet die Substanz an Sphingosin-1-phosphat-Rezeptoren auf den T-Lymphozyten. Das führt zur Internalisierung der Rezeptoren, was den Austritt der T-Zellen aus dem lymphatischen Gewebe blockiert. Weniger autoreaktive T-Zellen gelangen ins Blut, wodurch letztlich Entzündungsprozesse im zentralen Nervensystem verhindert werden können. Darüber hinaus kommen noch weitere Wirkungen von Fingolimod in Betracht. So kann die Substanz möglicherweise die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke, zum Beispiel gegenüber Proteinen, senken, indem sie die Endothelien stabilisiert.

 

Tablette statt Spritze

 

Bestätigen sich die positiven Ergebnisse aus Phase-II-Studien, könnte Fingolimod als orale Behandlungsoption für MS-Patienten zur Marktreife gelangen. In einer abgeschlossenen Phase-II-Studie mit mehr als 200 Patienten konnte nach sechs Monaten eine deutliche Verringerung der Gesamtzahl an Läsionen sowie eine Reduktion der Schubraten im Vergleich zu Placebo festgestellt werden. In einer 18-monatigen Anschlussstudie konnte gezeigt werden, dass die festgestellten positiven Effekte über diesen Zeitraum anhalten.

 

Seit 2006 laufen zwei Phase-III-Studien, die FREEDOMS- und die TRANSFORMS-Studie. Ergebnisse aus diesen Studien werden ab 2009 erwartet.

 

Ein weiterer Arzneistoffkandidat für die MS-Therapie ist Atacicept. Die Unternehmen Merck Serono und ZymoGenetics haben eine Phase-II-Studie gestartet, mit der sie dessen Sicherheit und Wirksamkeit bei Patienten mit schubförmig verlaufender MS testen wollen. Atacicept ist ein rekombinantes Fusionsprotein, das aus dem extrazellulären Anteil des sogenannten TACI-Rezeptors besteht, der an menschliches Immunglobulin G gekoppelt wurde. TACI ist ein auf den B-Lymphozyten, den »Antikörperfabriken«, lokalisierter Rezeptor. Über diesen werden den B-Zellen durch das Andocken zweier Zytokine (BlyS und APRIL) wichtige Signale vermittelt. Diese Zytokine gehören zur Familie der Tumor-Nekrose-Faktoren. Sie fördern das Überleben von B-Zellen und regen die Produktion von Autoantikörpern an, die an bestimmten Autoimmunerkrankungen wie MS beteiligt sind. Atacicept bindet BlyS und APRIL, sodass diese nicht mehr zur Bindung an den »echten« Rezeptoren zur Verfügung stehen.

 

In der gestarteten Phase-II-Studie erhalten rund 300 Patienten mit schubförmig verlaufender MS nach dem Zufallsprinzip 36 Wochen lang entweder eine von drei subkutanen Dosierungen von Atacicept oder Placebo. Die Patienten dieser doppelblinden Multicenterstudie werden bis zur 48. Woche untersucht.

 

Als primäres Ziel der Studie wollen die Wissenschaftler auf der Grundlage von kernspintomografischen Messungen herausfinden, wie wirksam Atacicept Entzündungen des zentralen Nervensystems zu reduzieren vermag.

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