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QT-Zeit-Verlängerung

Potenziell tödliche Nebenwirkung

31.05.2017  09:31 Uhr

Mehr als 200 Arzneistoffe, darunter Herz-Kreislauf-Mittel, Antibiotika und Psychopharmaka, können Repolarisationsstörungen am Herzen wie QT-Zeit-Verlängerung und Torsade-de-Pointes- Arrythmien auslösen. Dies kann zum plötzlichen Herztod führen. Für viele ältere Wirkstoffe liegen aber kaum Daten zur Kardio­toxizität vor.

»Es gibt kein Arzneimittel, das absolut herzsicher ist«, sagte Dr. Dirk Keiner von der Apotheke des Sophien- und Hufe­land-Klinikums in Weimar. Die QT-Zeit lasse sich nur mit einem Elektrokardiogramm (EKG) erfassen. Von einem verlängerten QT-Intervall spricht man bei Werten ab 450 Millisekunden bei Männern und 470 msec bei Frauen; bei Kindern und Jugendlichen bis 15 Jahre liegt der Wert bei 460 msec. 

 

Für neue Wirkstoffe gebe es Daten zu QT-Effekten, da seit 2005 in klinischen Studien mit nicht antiarrhythmischen Wirkstoffen das Potenzial für eine QTc-Intervallverlängerung (frequenzkorrigierte QT-Zeit) zu ermitteln ist, informierte der Krankenhausapotheker. Steigt das Intervall um weniger als 5 msec, hat die Substanz kein torsadogenes Potenzial; über 20 msec ist die Gefahr erheblich.

Geschlechtsspezifische Unterschiede

 

Anhand von Fallbeispielen wies Keiner auf die wichtigsten Risikofaktoren für QT-Zeit-Verlängerung hin: weibliches Geschlecht, höheres Alter, kardiovas­kuläre Vorerkrankungen, Arzneimittelinteraktionen, Elektrolytstörungen und genetische Prädisposition. Dazu gehört das Long-QT-Syndrom, eine angeborene Verlängerung des QT-Intervalls. Betroffen ist etwa eines von 2000 Neugeborenen, aber trotz dieser Häufigkeit werden Babys darauf nicht untersucht. Bekommen diese Menschen QT-Zeit-verlängernde Medikamente, kann die kritische Schwelle rasch überschritten werden.

 

»Frauen reagieren empfindlicher auf QT-Zeit-verlängernde Medikamente als Männer«, berichtete Keiner. Ein Grund: Männer haben aufgrund des Testosterons eine um etwa 20 msec kürzere physiologische QT-Zeit. Das bedeutet aber auch: Bekommt ein Mann, zum Beispiel wegen eines Prostata­karzinoms, Antiandrogene, steigt sein QT-Risiko.

 

Gefährdet sind auch Schizophrenie-Patienten, die eine längere QT-Zeit haben als Gesunde. Etliche Antipsychotika oder Antidepressiva können die QT-Zeit weiter verlängern, sodass es zu Herzrhythmus-Störungen kommen kann. Ebenso wurde für Antidementiva ein kardiales Risiko gezeigt.

 

Was muss der Apotheker vom Patienten erfragen, um das Herzrisiko einschätzen zu können? Hat der Patient bereits einmal eine QT-Zeit-Verlängerung erlebt, ist das immer ein Warnzeichen. Man sollte nach den Elektrolytwerten, zum Beispiel Kalium, Calcium und Magnesium, sowie nach der Nierenfunktion fragen, empfahl Keiner. Wichtig ist der Zeitpunkt des letzten EKG, denn nur diese Aufzeichnung lässt eine QT-Zeit-Verlängerung erkennen. Zudem ist die Begleitmedikation zu erfragen, denn QT-Effekte addieren sich.

 

Grenzwert beachten

 

Liegt der QTc-Wert vor einer geplanten Arzneitherapie über 500 msec, sollte ein Risikoarzneimittel nicht angesetzt werden. Steigt der Wert während der Therapie über diese Grenze, ist die Einnahme zu unterbrechen und Elek­trolytstörungen sind zu korrigieren. Nach Normalisierung könne die Behandlung mit reduzierter Dosis fortgesetzt oder nach Alternativen gesucht werden, so Keiner. Bei einem QTc-Anstieg über 60 msec muss das auslösende Medikament dauerhaft abgesetzt werden. Zu beachten sei immer, ob die Dosierung bei Nieren- oder Leberinsuffizienz angepasst werden muss, denn das kardiale Risiko ist dosisabhängig.

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