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Fibromyalgie

Eine ernste Erkrankung

31.05.2017
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Von Nicole Schuster / Ständige Müdigkeit, Schmerzen in verschiedenen Körperregionen und eine rasch nachlassende Leistungsfähigkeit schränken den Alltag von Betroffenen mit Fibromyalgie stark ein. Die genauen Ursachen sind unklar und die therapeutischen Möglichkeiten begrenzt. Mittel der Wahl ist ein individuell angepasstes Ausdauertraining.

Der Begriff Fibromyalgie bedeutet wörtlich übersetzt Faser-Muskel-Schmerz. Experten sprechen von einem Syndrom, da das Krankheitsbild von einem bestimmten Symptomenkomplex definiert ist. 

 

Die in diesem Jahr veröffentlichte Aktualisierung der Leitlinie »Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms« klassifiziert es als funktionell somatisch. In Deutschland leiden etwa 2 Prozent der Bevölkerung an Fibromyalgie, wobei Frauen deutlich häufiger betroffen sind. Daher spricht die Leitlinie anstelle von »Patient« auch nur noch von »Patientin«.

 

Als Kernsymptome müssen chronische Schmerzen in mehreren Körper­regionen, Schlafstörungen beziehungsweise nicht erholsamer Schlaf und Müdigkeit sowie schnell eintretende körperliche beziehungsweise geistige Erschöpfung vorliegen. Diese Symptome müssen mindestens drei Monate bestehen. Die Schmerzen äußern sich als Muskel- und Gelenkschmerzen wechselnder Lokalisation und Rückenschmerzen. Patienten klagen zudem oft über Morgensteifigkeit, Berührungsempfindlichkeit, Konzentrationsschwäche, Antriebsschwäche, geringe Leistungsfähigkeit und Vergesslichkeit. Das Fibromyalgiesyndrom (FMS) kann mit Depressionen und Angststörungen einhergehen.

 

Mögliche Ursache Bindungsstörung

 

Die Ätiologie ist weitgehend unklar. Physischer und psychischer Stress gilt als Risikofaktor. »Wenn in der Kindheit oder Jugend körperliche Misshandlung oder sexueller Missbrauch vorkamen, kann sich das später mit einem FMS äußern«, sagt der Psychosomatiker Professor Dr. Ulrich Tiber Egle aus Freiburg der PZ. »Eine unterschätzte Ursache sind Bindungsstörungen. Zusammenhänge mit der Ausbildung von FMS konnten sogar im Tierversuch gezeigt werden.« Laut Leitlinie können auch entzündlich-rheumatische Erkrankungen, Genpolymorphismen des 5HT2-Rezeptors oder Vitamin-D-Mangel ebenso wie Rauchen, Übergewicht und mangelnde körperliche Aktivität mit FMS assoziiert sein. Das gleiche gilt für psychische Faktoren, zu denen neben dem bereits genannten sexuelle Gewalt auch weitere psychische Traumatisierungen im Erwachsenenalter oder depressive Störungen zählen.

 

Bei Betroffenen sind oft hormonelle Vorgänge, die beispielsweise von Cortisol und Oxytocin vermittelt werden, gestört. Die genauen kausalen Zusammenhänge sind jedoch noch Gegenstand der Forschung. Eine funktionelle Störung der Schmerzverarbeitung im Gehirn sowie eine erhöhte Vulnerabilität gegenüber Stress könnten zur Ausprägung der Symptome führen. Es sind unterschiedliche Schweregrade des Sndroms bekannt. Die Diagnose stellt der Arzt anhand des klinischen Bildes und muss Krankheiten mit ähnlichen Symptomen ausschließen können. Weder Ergebnisse von üblichen Labor­untersuchungen noch Röntgenbilder sind auffällig. Als spezifisches Diagnoseinstrument steht der Fibromyalgie- Symptom-Fragebogen zur Verfügung.

FMS verkürzt weder die Lebens­erwartung noch führt es zur Invalidität. Auch wenn es kausal wirkende Maßnahmen derzeit nicht gibt, lassen sich viele Beschwerden dennoch lindern. Die Behandlung sollte durch einen mit FMS erfahrenen Arzt festgelegt und koordiniert werden. Sie richtet sich nach dem Schweregrad und den individuell vorliegenden Symptomen.

 

Bei leichten Verläufen empfiehlt die Leitlinie körperliche und geistige Aktivität sowie die Pflege von Hobbys und sozialen Kontakten. Eine multimodale Behandlung, die gemäß Leitlinie mindestens aus einem körperlich aktivierenden und einem psychotherapeutischen Verfahren besteht und mindestens 24 Therapiestunden umfasst, ist bei schweren Verläufen angezeigt. Die besten Erfolge lassen sich mit aerobem Ausdauertraining erzielen. Geeignet sind schnelles Spazierengehen, Walking, Fahrradfahren oder Ergometertraining, Tanzen, Trocken- oder Wassergymnastik, Krafttraining oder Aquajogging. Patienten sollten ihr Programm zwei- bis dreimal wöchentlich über mindestens 30 Minuten absolvieren und das körperliche Training bei einem Ansprechen langfristig beibehalten.

 

Studien zeigen, dass Bewegung Schmerzen bei FMS ähnlich wirksam wie Arzneimittel behandeln kann und einen vergleichbaren Effekt auf die gesundheitsbezogene Lebensqualität hat. »Betroffene müssen allerdings dazu motiviert werden, trotz ihrer schmerzenden Muskeln Sport zu treiben. Natürlicherweise neigen sie sonst eher zur Schonhaltung«, erklärt der Psychosomatiker. Zudem könne anfänglicher Muskelkater als Symptomverschlechterung aufgefasst werden. Patienten­edukation spiele eine entsprechend große Rolle.

 

Als psychotherapeutische Maßnahme empfiehlt die Leitlinie ein Schmerzbewältigungstraining, das aus den Anfängen der kognitiven Verhaltenstherapie stammt. »Diese Behandlungsform führt allerdings nicht zu einer anhaltenden Schmerzlinderung. Vor allem bei Patienten mit einer Stressverarbeitungs­störung gilt es mit aufwendigeren Psychotherapieverfahren die zugrundeliegenden Mechanismen des FMS zu therapieren. Das kann zu anhaltender Schmerzfreiheit führen«, sagt Egle.

 

Es gibt in Deutschland kein explizit bei FMS zugelassenes Medikament. Arzneimittel als nicht obligaten Bestandteil der multimodalen Therapie setzen Ärzte meist nur vorübergehend und unterstützend zu anderen Behandlungsmethoden ein. Erfahrungen liegen für die zeitlich befristete Anwendung von Amitriptylin, Duloxetin und Pregabalin vor. Weitere Optionen sind Quetiapin und Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Allerdings sollte der Arzt das im Einzelfall vorliegende Nutzen-Risiko-Verhältnis genau abschätzen. »Die zur Behandlung empfohlenen Arzneimittel bringen zahlreiche, darunter auch schwerwiegende Nebenwirkungen mit sich«, sagt Egle. »Die Wirkung bei FMS bewegt sich hingegen leider oft nur auf Placeboniveau.«

 

Falls eine medikamentöse Therapie initiiert wird, sollte die Dosis nach spätestens sechs Monaten reduziert und die Einnahme vor allem im Falle von Antidepressiva und Antikonvulsiva nicht abrupt abgesetzt, sondern langsam ausgeschlichen werden. Sprechen Patienten auf die multimodale Behandlung und die zeitlich befristete Applikation von Medikamenten bei schweren Verläufen nicht ausreichend an, stehen noch (teil-)stationäre Programme als Option zur Verfügung.

 

Alternative Ansätze

Vor allem im Winter können Ganzkörperwärmeanwendungen die Beschwerden lindern. Erleichterung verschaffen kann zudem eine zeitlich befristete Physiotherapie, bei der Betroffene Übungen lernen, die sie später eigenständig fortführen können. In der Ergotherapie lernen sie, ihren Lebensstil an die Krankheit anzupassen, wieder am sozialen Leben teilzunehmen und üben Maßnahmen zur Stressbewältigung. Zudem entwickeln sie in der Therapie neue Routinen, bauen etwa regelmäßigen Sport in ihren Alltag ein, und bekommen die notwendige Unterstützung, um ihre Arbeitsfähigkeit zu erhalten beziehungsweise wiederherzustellen.

 

Wer alternative Heilverfahren bevorzugt, kann meditative Bewegungstherapien wie Tai-Chi, Qigong oder Yoga ausprobieren. Auch die Elektroakupunktur könnte einzelnen Patienten dieser sehr heterogenen Gruppe Erleichterung verschaffen. Bei Adipositas kann eine Gewichtsabnahme die gesundheits­bezogene Lebensqualität bessern.

 

FMS-Selbsthilfegruppen und -organisationen, qualitativ hochwertige Internetseiten, Broschüren zum Thema oder auch die Patientinnenleitlinie können beim Umgang mit der Krankheit helfen. Betroffene bekommen hier auch die für sie wichtige Rückmeldung, dass ihre Beschwerden legitim sind. »FMS ist keine Einbildung der Patienten, sondern eine ernste und belastende Krankheit«, bekräftigt Egle. /

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