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Apotheke international

Made in Taiwan

26.05.2015
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Von Sven Siebenand / Längst sind die Zeiten vorbei, in denen das Label »Made in Taiwan« als Synonym für billige Massenware herhalten musste. Heute produziert der Inselstaat vor allem High-Tech-Produkte. Auch die Pharmazie befindet sich im Wandel. Professor Dr. Yen-Huei (Tony) Tarn von der taiwanischen Apotheker­vereinigung gibt einen Einblick in Apotheke made in Taiwan.

PZ: Wie sieht der Weg zum Apothekerberuf in Taiwan aus?

 

Tarn: Es gibt in Taiwan acht Universitäten, an denen man Pharmazie studieren kann. Das Studium dauert vier Jahre. Danach folgt ein Examen und nach dessen Bestehen ist man Apotheker. Auch ein Praktikum mit 640 Stunden in einer Krankenhausapotheke, 200 Stunden in einer öffentlichen Apotheke und 200 Stunden in der Industrie ist vor der Prüfung zu absolvieren. Jedes Jahr schließen insgesamt circa 1000 Absolventen ab. An vier Universitäten ist man kürzlich zu einem sechsjährigen Studium übergegangen mit einer Prüfung nach drei Jahren und einer zweiten nach sechs Jahren.

 

PZ: Aus welchem Grund haben Sie Pharmazie studiert?

Tarn: Nach Abschluss der Highschool müssen wir in Taiwan eine Prüfung ablegen, um an einer Universität studieren zu dürfen. Meine Punktzahl dabei ermöglichte es mir, Pharmazie zu studieren. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine Ahnung, was Apotheker alles machen.

 

PZ: Das hat sich im Laufe Ihrer langjährigen Tätigkeit als Apotheker grundlegend geändert. Wie war Ihr Werdegang?

 

Tarn: Nach dem Studium und einem Auslandaufenthalt in den USA habe ich als Professor insgesamt 24 Jahre Pharmakoökonomie und Pharmaceutical Care an der Universität gelehrt. Danach war ich Generaldirektor der Apotheke des Taipei City Hospitals, zu dem damals zehn Krankenhäuser mit jeweils einer Apotheke gehörten. Seit sechs Jahren arbeite ich nun bei der taiwanischen Apothekervereinigung als verantwortlicher Direktor des Centers for Pharmaceutical Care Development.

 

PZ: Was sind dort ihre Aufgaben?

 

Tarn: Vor einigen Jahren hat die nationale Krankenversicherung der Apothekervereinigung ein Budget zur Verfügung gestellt, um apothekerliche Homecare-Dienstleistungen zu entwickeln. Ich bin für die Planung und Implementierung dieses Projekts verantwortlich und zudem für die dafür benötigten Trainings der Kollegen.

 

PZ: Wie weit ist das Projekt fortgeschritten?

 

Tarn: Das Projekt startete im Jahr 2010. Seitdem sind die Aktivitäten in der Pharmaceutical Care in drei Bereichen gewachsen: im Homecare-Sektor, in Einrichtungen für die Langzeitpflege und auch in den öffentlichen Apotheken. Wir haben sozusagen mittlerweile in zwei weitere Bereiche expandiert. Dieses Jahr habe ich ein Budget von etwa 100 Millionen Neue Taiwan Dollar (etwa 3 Millionen Euro, Anmerkung der Redaktion), um diese Projekte der Apotheker voranzutreiben. Ich hoffe, dass wir die Entscheidungsträger davon überzeugen können, dass sie im kommenden Jahr in die Routinepraxis übergehen.

 

PZ: Die Krankenversicherung unterstützt die Entwicklung apothekerlicher Dienstleistungen. Das klingt nach guten Rahmenbedingungen für die öffentlichen Apotheken. Ist dem so?

 

Tarn: Nein, so ist es leider nicht. Denn der Großteil der Rezepte wird immer noch von den Apotheken im Krankenhaus beliefert. Die Rate an Rezepten, die in öffentlichen Apotheken eingelöst wurde, lag schon unter 10 Prozent. Vor etwa zehn Jahren wurde mit dem Gesundheitsministerium vereinbart, dass zumindest Folgeverordnungen für chronisch Kranke über die öffent­lichen Apotheken dispensiert werden. Selbst diese Regelung ist noch nicht vollständig umgesetzt. Die Krankenhäuser wollen die Rezeptbelieferung über ihre Apotheken unbedingt behalten. Der Grund ist das Entlohnungs­modell der nationalen Krankenversicherung. Danach verdient man umso mehr, je mehr Dienstleistungen man anbietet. Zudem wollen auch die Ärzte an diesem Modell festhalten. Pharmaceutical Care durch den Apotheker könnte dazu führen, dass empfohlen wird, die Verordnung zu ändern. Eine gemeinschaftliche Zusammenarbeit von Apothekern und Ärzten findet bislang nicht wirklich statt.

 

PZ: Also doch keine Idealbedingungen für öffentliche Apotheken. Wie versuchen Sie, das zu verbessern und wie teilt sich der Markt der öffentlichen Apotheken eigentlich auf?

 

Tarn: Lichtblicke sind einige Pilotprojekte, etwa jenes von uns, das ich beschrieben habe. Um das Ansehen der öffentlichen Apotheken zu stärken, haben wir in den vergangenen Jahren zudem unter anderem daran gearbeitet, neue Dienstleistungen dort einzuführen, die Beratungsleistung weiter zu erhöhen und auch die Computer-Ausstattung zu verbessern. Die meisten öffentlichen Apotheken sind inhabergeführt, es gibt aber auch vier Apothekenketten in Taiwan. Ihr Marktanteil liegt aber nur bei 20 Prozent.

 

PZ: Sie reisen im Herbst zum FIP-Kongress nach Düsseldorf. Was sind ihre Erwartungen?

 

Tarn: Ich hoffe, dass auf dem Kongress andere Pharmaceutical-Care-Projekte präsentiert werden und die Teilnehmer voneinander lernen können. Hoffentlich werden für die Kollegen aus dem Ausland auch Besuche in öffentlichen Apotheken und Krankenhausapotheken organisiert. /

Der FIP-Kongress

Der Kongress des Weltapothekerverbands FIP (Fédération International Pharmaceutique) findet in diesem Jahr vom 29. September bis 3. Oktober in Düsseldorf statt. Für deutsche Apotheker gibt es einen Frühbucherrabatt: Wer sich bis 31. August unter https://b-com.mci-group.com/ Registration/FIP2015/GERMAN.aspx registriert, zahlt 400 Euro und damit nicht einmal die Hälfte der regulären Teilnahme­gebühr für FIP-Nichtmitglieder. Das Kongressprogramm finden Interessierte unter www.fip.org/dusseldorf2015

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