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Im Mai vier neue Arzneistoffe

27.05.2013
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Von Brigitte M. Gensthaler, Kerstin A. Gräfe und Sven Siebe­nand  / Im Mai kamen vier neue Wirkstoffe auf den deutschen Markt. Bosutinib ist ein Medikament für Erwachsene mit einer bestimmten Leukämie-Form. Linaclotid ist zur Behandlung des mittelschweren bis schweren Reizdarmsyndroms mit Obstipation indiziert. Das Antipsychotikum Loxapin soll die Agitiertheit von Patienten mit Schizophrenie oder bipolaren Störungen kontrollieren. Ocriplasmin ist die erste medikamentöse Therapieoption für Erwachsene mit einer speziellen Augenerkrankung, der sogenannten vitreomakulären Traktion.

In Deutschland erkranken jährlich etwa 1200 Menschen an einer chronisch- mye­loischen Leukämie (CML), meist zwischen dem 55. und 60. Lebensjahr. Die langsam verlaufende Leukämieform entsteht durch die klonale Vermehrung einer pluripotenten myeloischen Stammzelle, was zur Ansammlung von Granulozyten und ihren unreifen Vorstufen im Knochenmark und später auch im peripheren Blut führt. Nach den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation unterscheidet man drei Stadien: die chronische Phase (CP, Anfang der Erkrankung), die akzelerierte Phase (AP) und das Endstadium der Erkrankung, die Blastenkrise (BK).

In allen drei Phasen werden heute Tyrosinkinase-Inhibitoren (TKI) eingesetzt, die die Funktion des Bcr-Abl-Fu­sionsproteins sowie weiterer Tyrosin­kinasen, zum Beispiel Src, c-KIT und PDGF, durch Blockade ihrer ATP- Bindungsstellen hemmen. Neben dem Erstlinien-Medikament Imatinib stehen als Zweit- und Drittlinien-Therapie Nilotinib und Dasatinib zur Verfügung. Die Wahl des Wirkstoffs orientiert sich an der Vorbehandlung und dem Mutationsstatus.

 

Bosutinib

 

Mit Bosutinib (Bosulif® 100/500 mg Filmtabletten, Pfizer) kam Anfang Mai ein weiterer oraler Tyrosinkinase-Inhibitor (TKI) zur Therapie von Erwachsenen mit Philadelphia-Chromosom-positiver CML (Ph+ CML) auf den Markt. Der Arzneistoff ist indiziert in allen drei Phasen (CP, AP und BK) bei Patienten, die mit mindestens einem TKI vorbehandelt wurden und bei denen Imatinib, Nilotinib und Dasatinib als nicht geeignet erscheinen. Dies kann auf Unverträglichkeitsreaktionen gegenüber dem bereits eingesetzten TKI, Komorbiditäten des Patienten oder bekannten Resistenzen beruhen, die eine geringere Wirksamkeit des jeweiligen TKI vermuten lassen. Das bedeutet, dass Bosutinib frühestens als Zweitlinien-Therapie eingesetzt werden darf. Das Orphan Drug hat eine bedingte Zulassung erhalten.

 

Bosutinib hemmt die pathologisch veränderte Bcr-Abl-Kinase, die zur Entwicklung einer CML führt, sowie die Aktivität von Kinasen der Src-Familie. Es wirkt bei den meisten Imatinib- resistenten Formen von Bcr-Abl sowie bei vielen Dasatinib- und Nilotinib- Resistenzen. Andere Tyrosinkinasen wie c-KIT und PDGF-Rezeptoren werden nur minimal gehemmt. Die empfohlene Dosis von einmal täglich 500 mg soll der Patient zusammen mit Nahrung einnehmen.

Die bedingte EU-Zulassung für Bosutinib basiert auf Daten einer einarmigen offenen multizentrischen Phase-I/II-Studie. Darin erhielten 570 Patienten mit Ph+ CML, die mit mindestens einem TKI (zuerst Imatinib, danach gegebenenfalls Nilotinib und/oder Dasatinib) vorbehandelt waren, den neuen TKI.

Die Patienten befanden sich in unterschiedlichen Phasen der CML (CP, AP, BK). Von den rund 110 Patienten in der chronischen Phase, die Bosutinib nach Imatinib und Dasatinib oder Nilotinib bekommen hatten, erreichten rund 40 Prozent ein gutes und 31 Prozent ein komplettes zytogenetisches Ansprechen. Letzteres ist als völliges Fehlen des Philadelphia-Chromosoms definiert. Fast drei Viertel erreichten ein komplettes hämatologisches Ansprechen. Das progressionsfreie Überleben und das Gesamtüberleben nach zwei Jahren betrugen laut Angaben der Fachinformation 75 und 84 Prozent.

 

Für die Zulassung wurden außerdem die Daten von 52 TKI-vorbehandelten Patienten retrospektiv evaluiert. Bei diesen Patienten bestand eine dokumentierte medizinische Versorgungslücke, da die verfügbaren TKI aufgrund von Resistenzen, Komorbiditäten oder Unverträglichkeiten nicht als angemessene Optionen bewertet wurden.

 

Die häufigsten Nebenwirkungen, die bei mehr als 20 Prozent der Patienten auftraten, waren Diarrhö (bei acht von zehn Patienten), Übelkeit, Thrombozytopenie, Erbrechen, Oberbauchschmerzen, Hautausschlag, Anämie, Fieber und erhöhte Leberenzyme (Alanin-Aminotransferase). Sechs von zehn Patienten erlitten mindestens eine schwere Nebenwirkung (Grad 3 oder 4). Am häufigsten waren dies Thrombo­zytopenie (ein Viertel der Patienten), Anämie, Neutropenie, erhöhte Alanin-Aminotransferase, Diarrhö, Hautausschlag, erhöhte Lipase und Aspartat-Aminotransferase.

 

Bosutinib wird hauptsächlich in der Leber metabolisiert. Gemäß In-vitro-Studien ist daran vor allem das Cytochrom-Isoenzym CYP3A4 beteiligt. Daher sind zahlreiche Interaktionen mit Substanzen möglich, die dieses Isoenzym hemmen oder induzieren.

 

vorläufige Bewertung: Analogpräparat

Linaclotid

 

Seit dem 1. Mai ist für Erwachsene mit mittelschwerem bis schwerem Reizdarm­syndrom mit Obstipation (RDS-O) eine Therapieoption auf dem Markt: Linaclotid (Constella® 290 µg Hartkapseln, Almirall). Die Zulassung erhielt der selektive Guanylatcyclase-C (GC-C)-Rezeptor-Agonist bereits im November 2012.

 

Das RDS-O ist ein Subtyp des Reizdarmsyndroms, einer organischen Erkrankung des Magen-Darm-Trakts. Typisch sind Bauchschmerzen, Blähungen und Stuhlunregelmäßigkeiten. Die Beschwerden sind oft so stark, dass die Lebensqualität deutlich beeinträchtigt ist. Eine Standardtherapie gibt es derzeit nicht. Linaclotid, ein aus 14 Aminosäuren bestehendes Peptid, ist der erste Vertreter der selektiven GC-C-Rezeptor-Agonisten. Der Wirkstoff sowie sein aktiver Metabolit binden im Darm gezielt an die GC-C-Rezeptoren und induzieren so intra- und extrazellulär die Produktion von cyclischem cGMP. Intrazelluläres cGMP führt über eine Aktivierung des Cystic Fibrosis Transmem­brane Conductance Regulators (CFTR) zu einer verstärkten Sekretion von Chlorid und Bicarbonat in das Darmlumen. In der Folge wird die Darmpassage beschleunigt und der Obstipation entgegengewirkt. Präklinische Daten zeigen zudem, dass extrazelluläres cGMP die Schmerzfaseraktivität senkt. Darauf führt der Hersteller die beo­bachtete Senkung der viszeralen Schmerzen zurück. Der duale Wirkmechanismus richtet sich also gegen die beiden Kardinalsymptome des RDS-O: Obstipation und Schmerz.

 

Die empfohlene Dosis ist einmal täglich eine Kapsel à 290 µg Wirkstoff. Sie sollte mindestens eine halbe Stunde vor einer Mahlzeit geschluckt werden. Die Patienten sollten darüber aufgeklärt werden, dass eine Diarrhö auftreten kann. Sollte diese schwer oder anhaltend sein, muss ein Arzt aufgesucht und der Arzneistoff eventuell abgesetzt werden. Besondere Vorsicht ist geboten bei älteren Patienten und bei Menschen, die eine Neigung zu Störungen des Wasser- oder Elektrolythaushaltes aufweisen. Nicht angewendet werden darf der Arzneistoff bei Patienten mit bekannter oder vermuteter mechanischer gastrointestinaler Obstruktion. Nicht empfohlen ist die Anwendung bei Morbus-Crohn- und Colitis-Ulcerosa-Patienten.

 

Linaclotid ist nach Gabe der empfohlenen klinischen Dosen kaum im Plasma nachweisbar. Die gleichzeitige Behandlung mit Protonenpumpen-Hemmern oder Laxanzien oder NSAID kann das Diarrhö-Risiko erhöhen. Bei schwerer oder anhaltender Diarrhö kann die Resorption von anderen oral angewendeten Arzneimitteln beeinträchtigt werden. Ebenfalls Vorsicht ist geboten bei Arzneimitteln mit engem therapeutischem Index, die im Darm resorbiert werden, da ihre Wirksamkeit herabgesetzt sein kann. Frauen, die mit der Pille verhüten, sollten zusätzlich andere Verhütungsmethoden nutzen.

 

Die Zulassung beruht auf zwei randomisierten doppelblinden placebokontrollierten Phase-III-Studien an jeweils 800 erwachsenen RDS-O-Patienten. Linaclotid wurde in einer Dosierung von täglich einmal 290 µg über 26 beziehungsweise 12+4 Wochen eingenommen. Kombinierter primärer Endpunkt war die Ansprechrate nach zwölf Wochen bezogen auf den Grad der Verbesserung der RDS-Symptome und bezogen auf die Besserung der abdominellen Schmerzen/Beschwerden. Als RDS-Symptom-Responder galt ein Patient, wenn er mindestens über die Hälfte der Behandlungszeit eine deutliche Verbesserung verspürte. Um als »Schmerz-Responder« zu gelten, musste der Patient über mindestens die Hälfte der Behandlungszeit eine Schmerzverbesserung um mindestens 30 Prozent verspüren. In beiden Studien war Linaclotid Placebo signifikant überlegen. Nach zwölf Wochen waren in Studie 1 in der Linaclotid-Gruppe 39 Prozent RDS-Symptom-Responder, verglichen mit 17 Prozent unter Placebo. Hinsichtlich der abdominellen Schmerzen waren in der Verumgruppe 54 Prozent Responder. Unter Placebo war dies bei 39 Prozent der Fall. Studie 2 zeigte ein ähnliches Ergebnis: 37 Prozent der mit Linaclotid behandelten Patienten waren RDS-Responder (Placebo 19 Prozent) und 55 Prozent »Schmerz-Responder« (Placebo 42 Prozent).

 

Insgesamt besserten sich Bauchschmerzen und Stuhlkonsistenz; die spontane Stuhlfrequenz stieg an. Die Wirkung wurde nach einer Woche erreicht und hielt über die gesamte Behandlungsperiode an. Auch die Lebensqualität, ermittelt anhand eines standardisierten Fragebogens, stieg signifikant an.

 

Die häufigste unerwünschte Wirkung waren leichte (43 Prozent) und moderate (47 Prozent) Diarrhöen. Schwerwiegende Diarrhöen wurden bei 2 Prozent beo­bachtet. Bei 5 Prozent führte diese Nebenwirkung zum Therapieabbruch. Nach dem Absetzen von Linaclotid treten die Beschwerden des RDS-O erneut auf. Es kam in den Studien aber nicht zu einem »Rebound« mit einer Verschlechterung gegenüber dem Ausgangszustand. Daneben traten Bauchschmerzen, Blähbauch, Blähungen, Schwindelgefühle und virale Gas­troenteritis auf. 

 

vorläufige Bewertung: Schritt­innovarion

 

Loxapin

 

Seit Mitte Mai ist mit Loxapin (Adasuve® 9,1 mg einzeldosiertes Pulver zur Inhalation, Trommsdorff) erstmals ein nicht zu injizierendes Medikament zur schnellen Kontrolle leichter bis mittelschwerer Agitation auf dem deutschen Markt. Es darf bei Patienten mit Schizophrenie oder bipolarer Störung zum Einsatz kommen, dies jedoch nur im Krankenhaus und unter Aufsicht von medizinischem Fachpersonal. Unmittelbar nach der Kontrolle von akuten Agitationssymptomen sollten die Patienten mit ihrer Standardtherapie weiterbehandelt werden.

 

Loxapin ist ein Antipsychotikum aus der Gruppe der Dibenzoxazepine. Es wird vermutet, dass die Wirksamkeit von Loxapin über einen hoch affinen Antagonismus von Dopamin-2-Rezeptoren und Serotonin-Rezeptoren vom Typ 5-HT2A vermittelt wird. Da diese beiden Neurotransmitter an der Agitiertheit bei Schizophrenie und bipolarer Störung beteiligt sind, hilft der neue Wirkstoff, die Gehirnaktivität zu normalisieren und dadurch die Agitiertheit zu reduzieren. Loxapin bindet zudem an noradrenerge, histaminerge und cholinerge Rezeptoren, was für die Wirkung ebenfalls eine Rolle spielen kann.

Das Antipsychotikum wird inhaliert und wirkt innerhalb von Minuten. Als Anfangsdosis sind 9,1 mg empfohlen. Falls erforderlich kann der Arzt nach zwei Stunden eine zweite Dosis von 9,1 mg veranlassen. Wurde die höhere Dosis nicht vertragen, kann der Arzt eine Dosis von 4,5 mg Loxapin anwenden. Da die Inhalation von Loxapin einen Bronchospasmus verursachen kann, muss immer ein kurz wirksames Betasympathomi­metikum wie Salbutamol zur Hand sein, um die Atemwege wieder weitstellen zu können.

Zudem müssen Patienten nach jeder Dosis eine Stunde auf Anzeichen oder Symptome eines Bronchospasmus überwacht werden. Gehäuft treten Bronchospasmen bei Patienten mit aktiven Atemwegserkrankungen auf. Bei Patienten mit Symptomen wie Keuchen und Kurzatmigkeit oder Lungenerkrankungen wie Asthma oder chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD) ist der neue Wirkstoff kontraindiziert. Gleiches gilt für Patienten mit Demenz-assoziierter Psychose. Vorsicht ist geboten bei Patienten mit beeinträchtigter Atemwegsfunktion, extrapyramidalen Symptomen und konvulsiven Störungen. Aufgrund seiner anticholinergen Wirkung ist ebenfalls Vorsicht geboten bei Patienten mit Glaukom oder einer Tendenz zum Harnverhalten. Nicht empfohlen wird der Wirkstoff bei Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen. Ein Absetzen sollte in Erwägung gezogen werden, wenn tardive Dyskinesien, Anzeichen eines malignen neuroleptischen Syndroms oder eine Hypotonie auftreten.

 

Loxapin ist ein Substrat für flavinhaltige Monooxygenasen (FMO) sowie einige CYP-P450-Isoenzyme. Vorsicht ist daher bei gleichzeitiger Anwendung mit Arzneimitteln geboten, die Hemmer oder Induktoren dieser Enzyme sind. Die gleichzeitige Anwendung von CYP1A2-Hemmern wie Fluvoxamin, Ciprofloxacin, Enoxacin, Propranolol oder Rofecoxib sollte vermieden werden. Vorsicht ist zudem geboten bei der Kombination mit ebenfalls die Anfallsschwelle herabsetzenden Arzneistoffen. Dazu zählen Phenothiazine oder Butyrophenone, Clozapin, Trizyklika oder SSRI, Tramadol und Mefloquin. Wenn zusätzlich ein Benzodiazepin verordnet wird, muss der Patient auf übermäßige Sedierung und orthostatische Hypotonie überwacht werden. Während einer Schwangerschaft sollte Loxapin nur eingenommen werden, wenn der potenzielle Nutzen das mögliche Risiko für den Fetus rechtfertigt. Stillende Mütter sollten bis 48 Stunden nach der Einnahme nicht stillen beziehungsweise die Milch verwerfen.

 

Die Zulassung beruht auf zwei Phase-III-Studien mit 344 Schizophrenie-Patienten und 314 Patienten mit bipolarer Störung. Beide Studien verglichen Loxapin 4,5 mg und 9,1 mg mit Placebo. Primärer Endpunkt für die Wirksamkeit war die Veränderung der Symptome zwei Stunden nach der Loxapin-Gabe, die anhand der sogenannten PEC-Skala (Erregungskomponente der Positiv- und Negativ-Syndrom-Skala) beurteilt wurde. Ein Rückgang auf der PEC-Skala bedeutet eine Symptomverbesserung. Zu Beginn der Studie hatten beide Patienten-Gruppen auf der Skala einen Wert von 17 bis 18. Die Werte im Einzelnen für die Schizophrenie-Patienten: Unter 4,5 mg Loxapin ging der Wert um durchschnittlich 8,0 Punkte zurück, unter 9,1 mg Loxapin um 8,7 Punkte. Im Vergleich hierzu betrug der Rückgang unter Placebo 5,8 Punkte. Für die Pa­tienten mit bipolarer Störung: Unter 4,5 mg Loxapin ging der Wert um durchschnittlich 8,2 Punkte zurück, unter 9,1 mg durchschnittlich um 9,2 Punkte (Placebo 4,7 Punkte).

 

In den Studien wurden Bronchospasmen als gelegentliche, aber schwere Nebenwirkung beobachtet. Bei Patienten mit einer aktiven Atemwegserkrankung kam es aber häufig zu solchen Zwischenfällen, die den Einsatz von Beta-Sympathomimetika nötig machten. Abgesehen davon waren die häufigsten Nebenwirkungen Geschmacksstörungen, Sedierung und Schläfrigkeit sowie Schwindel.

 

vorläufige Bewertung: Schritt­innovation

 

Ocriplasmin

 

Der Glaskörper ist eine gallertartige Substanz im Auge, die dafür sorgt, dass das Auge seine runde Form behält. Mit dem Alter verflüssigt sich der Glaskörper und löst sich von der Retina (Netzhaut), der lichtempfindlichen Schicht, die den Augenhintergrund auskleidet. Diese hintere Glaskörperabhebung ist Teil des natürlichen Alterungsprozesses und bei Menschen über 50 Jahren häufig. In einigen Fällen löst sich der Glaskörper jedoch nicht vollständig ab, sondern bleibt an der Retina – und vor allem an der Makula, also dem Teil der Netzhaut, der für das schärfste Sehen verantwortlich ist – haften. Dies bezeichnen Mediziner als vitreomakuläre Adhäsion. Sie kann einen Zug auf die Makula ausüben und zu verzerrtem Sehen führen. Dies bezeichnet man als vitreomakuläre Traktion (VMT). In Deutschland leiden schätzungsweise 30 000 bis 40 000 Menschen an dieser Erkrankung. In der Folge kann auch ein Loch in der Makula entstehen.

 

Im Anschluss an die Diagnose der Erkrankung durchlaufen die Patienten meist zuerst eine Phase der »aktiven Beobachtung«, bevor im Spätstadium der Erkrankung ein chirurgischer Eingriff erforderlich werden kann. In rund 10 Prozent der Fälle heilen VMT und Makulalöcher im Frühstadium von selbst aus. Während der Phase der »aktiven Beobachtung« setzt man daher auf die Hoffnung, dass die VMT von selbst ausheilt und kein chirurgischer Eingriff erforderlich wird. Eine längere Beobachtung des Patienten bis zur Verschlechterung des Sehvermögens geht jedoch auch mit der Gefahr des Fortschreitens der Krankheit und des Auftretens von Komplikationen sowie in einzelnen Fällen von schweren irreversiblen Schäden einher.

 

Ocriplasmin (Jetrea® 0,5 mg/0,2 ml Konzentrat zur Herstellung einer Injektionslösung, Alcon Pharma) ist die erste medikamentöse Therapieoption zur Behandlung von Erwachsenen mit VMT. Das Mittel ist seit Anfang Mai im Handel. Ocriplasmin ist eine verkürzte Form des humanen Plasmins, die mittels DNA-Rekombinationstechnik von Hefezellen produziert wird. Der Arzneistoff wirkt proteolytisch auf Protein­bestandteile des Glaskörpers und der vitreoretinalen Grenzschicht ein. Dadurch soll die vitreomakuläre Adhäsion reduziert werden.

 

Die empfohlene Dosis beträgt 0,125 mg, die einmalig in das betroffene Auge (intravitreal) injiziert wird. Die Injektion des im Gefrierschrank bei -20 Grad Celsius (plus/minus 5 Grad Celsius) zu lagernden Medikamentes in das zweite möglicherweise ebenfalls betroffene Auge wird zum gleichen Zeitpunkt oder innerhalb von sieben Tagen nach der ersten Injektion nicht empfohlen, um den Verlauf nach der Injektion inklusive der Möglichkeit einer Sehverschlechterung am behandelten Auge beobachten zu können. Zudem wird auch eine wiederholte Anwendung im selben Auge nicht empfohlen. Die Injektion beim Augenarzt muss unter aseptischen Bedingungen erfolgen. Nach Ermessen des Arztes können schon präoperativ Antibiotika-haltige Tropfen gegeben werden. Im Anschluss an die Injektion müssen die Patienten auf Nebenwirkungen, zum Beispiel intraokulare Entzündungen und Infektionen oder eine Zunahme des Augeninnendruckes, überwacht werden. Sie sollten mögliche Symptome einer Entzündung oder Infektion im Auge sowie Sehbeschwerden dem Arzt unverzüglich mitteilen, damit er gegebenenfalls rechtzeitig reagieren kann.

 

Kontraindiziert ist Ocriplasmin bei bestehender okularer oder periokularer Infektion oder wenn ein Verdacht da­rauf besteht. Bei bestimmten Patientengruppen ist der neue Wirkstoff nicht untersucht worden und wird daher nicht empfohlen. Dazu zählen zum Beispiel Patienten mit großen Makulalöchern (Durchmesser > 400 µm), mit starker Myopie (sphärische Korrektur größer als acht Dioptrien oder axiale Länge größer als 28 mm) oder kürzlich durchgeführter Augenoperation beziehungsweise Laserbehandlung.

 

Wirksamkeit und Sicherheit wurden in zwei sechsmonatigen placebokon­trollierten und randomisierten Doppelblindstudien bei etwa 650 Patienten mit VMT und verminderter Sehfähigkeit untersucht. Sie erhielten entweder 0,125 mg Ocriplasmin als einmalige intravitreale Injektion oder eine Placebo-Injektion. Primärer Endpunkt war in beiden Studien der Anteil an Patienten, bei denen bis zum Tag 28 nach der Injektion eine Auflösung der vitreomakulären Adhäsion erzielt werden konnte. Dieser Anteil war in beiden Studien in der Verumgruppe signifikant höher. Während sich die Adhäsionen bei 25 beziehungsweise 28 Prozent der Patienten in der Verumgruppe aufgelöst hatten, war dies unter Placebo nur bei 13 beziehungsweise 6 Prozent der Patienten der Fall. In beiden Studien war diese Differenz auch nach sechs Monaten noch statistisch signifikant.

 

Etwa 150 Patienten hatten zu Studienbeginn bereits ein Makulaloch. Der Großteil wurde mit Ocriplasmin behandelt. Bei etwa 40 Prozent dieser Patienten hatten sich am Tag 28 die Makulalöcher wieder geschlossen. Bei Patienten mit Makulalöchern, die Placebo erhalten hatten, gelang dies nur in rund 10 Prozent der Fälle.

 

Systemische Wechselwirkungen sind bei der Anwendung von Ocriplasmin nicht zu erwarten. Der Wirkstoff besitzt jedoch Serinprotease-Aktivität und ist nach der intravitrealen Injektion noch einige Tage im Auge nachweisbar. Die Verabreichung anderer Arzneimittel in dasselbe Auge mit geringem zeitlichen Abstand kann die Aktivität beider Arzneimittel beeinflussen und wird daher nicht empfohlen.

 

Alle berichteten Nebenwirkungen waren okularer Natur. Sehr häufig sind Glaskörpertrübungen (fliegende Mücken, mouches volantes), Augenschmerzen, Photopsie sowie durch das Injektionsverfahren ausgelöste Bindehautblutungen. Ein Expertengremium der europäischen Arzneimittelagentur EMA kommt im Hinblick auf die Sicherheit von Ocriplasmin zu dem Schluss, dass die häufigsten Nebenwirkungen von kurzer Dauer sind und als handhabbar betrachtet werden können. Das Risiko schwerwiegenderer Nebenwirkungen, wie eine nicht wiederherstellbare verminderte Sehfähigkeit oder sonstige Veränderungen der Netzhautfunktion, sei gering. /

 

vorläufige Bewertung: Sprung­innovation

Kommentar

Ein Analogpräparat, zwei Schrittinnovationen und eine Sprunginnovation

Der Tyrosinkinase-Hemmer Bosu­tinib, indiziert bei der chronisch-mye­loischen Leukämie, ist als Analogprodukt einzustufen. Zwar soll er erst eingesetzt werden, wenn Imatinib, Nilotinib oder Dasatinib nicht mehr ausreichend wirken. Jedoch ist eine Überlegenheit gegenüber den drei bisher eingesetzten Stoffen im direkten Vergleich nicht belegt.

 

Linaclotid, ein neuer Arzneistoff indiziert bei Reizdarmsyndrom mit Obstipation (RDS-O), kann dagegen als Schrittinnovation eingestuft werden. Zwar fehlen auch hier Vergleichsstudien gegenüber den bisher üblichen Therapieansätzen. Dennoch kann die Therapie mit Linaclotid als kleiner Fortschritt in der Therapie des RDS-O gewertet werden.

 

Mit dem gleichen Urteil schneidet Loxapin ab, ein zu inhalierendes Antipsychotikum zur schnellen Kontrolle von milder bis moderater Agitiertheit bei Erwachsenen mit Schizophrenie oder bipolarer Störung. Zwar ist es strukturverwandt mit Clozapin, Olanzapin und Quetiapin, jedoch aufgrund seiner pharmakokinetischen Eigenschaften innerhalb von wenigen Minuten wirksam und bietet damit gegenüber bisherigen Therapien eine schnelle Kontrolle der Agitation.

 

Ocriplasmin kann als Sprunginno­vation eingestuft werden, da es die erste medikamentöse Therapieoption zur Behandlung von Erwachsenen mit einer vitreomakulären Traktion ist.

 

Professor Dr. Hartmut Morck

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