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HIV-Therapie

HAART hilft

27.05.2008
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Pharmacon Meran 2008

HIV-Therapie: HAART hilft

25 Substanzen in 25 Jahren: Dank intensiver wissenschaftlicher Bemühungen konnte die Lebenserwartung von HIV-Patienten nicht nur um Jahre, sondern um Jahrzehnte verlängert werden. Den Durchbruch brachte HAART, die hoch aktive antiretrovirale Therapie. Wovon die individuelle Therapie abhängt, erklärte HIV-Experte Jan van Lunzen.

 

Im Jahr 1983, als das HI-Virus als Ursache von Aids entdeckt wurde, kam die Erkrankung noch einem Todesurteil gleich. Heute kann man die Infektion als lebensbedrohliche, chronische Infektionskrankheit einstufen. »Ein adäquat therapierter HIV-Patient hat eine nahezu normale Lebenserwartung«, informierte Privatdozent Dr. Jan van Lunzen, Mediziner am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Keine Krankheit sei in so kurzer Zeit so gut erforscht worden. Insgesamt 25 Substanzen seien derzeit für die HIV-Therapie zugelassen. Diese greifen an unterschiedlichen Stellen des HIV-Lebenszyklus an. So gibt es nukleosidische und nicht-nukleosidische Reverse-Transkriptase-Hemmer, Protease- und Integrase-Inhibitoren sowie Entry-Inhibitoren.

 

Ziel der Therapie ist es, die Vermehrung der HI-Viren zu hemmen, um das Fortschreiten des Krankheitsverlaufs aufzuhalten. Angestrebt wird die Absenkung der Viruslast unter die Nachweisgrenze von 50 HIV-RNA-Kopien pro Milliliter Blut. »Dieses Ziel kann heute bei bis zu 90 Prozent der Patienten erreicht werden«, sagte van Lunzen. Mit der Einführung der Proteasehemmer gelang Mitte der 1990er-Jahre der Durchbruch. Denn fortan war die hoch aktive antiretrovirale Therapie (HAART), eine Kombinationstherapie mit mehreren antiretroviralen Arzneistoffen aus unterschiedlichen Substanzklassen, möglich. Häufig eingesetzte Kombinationen bestehen aus zwei Nukleosid-analogen Reverse-Transkriptase-Hemmern, die entweder mit einem nicht-nukleosidischen Reverse-Transkriptase-Hemmer oder einem geboosteten Proteasehemmer kombiniert werden. Bei Letzterem erhöht Ritonavir die Halbwertzeit des Proteasehemmers.

 

»Die beste Therapie gibt es nicht, sondern nur die jeweils beste für den einzelnen Patienten«, plädierte der Referent für individuelle Therapieentscheidungen. HAART sei hoch effektiv, wenn die Medikamente richtig eingenommen werden, fügte der HIV-Experte hinzu. Die Therapietreue muss bei mindestens 95 Prozent liegen. Noch vor wenigen Jahren war das kaum zu schaffen, da die Einnahmeschemata mit vielen Tabletten an mehreren Einnahmezeitpunkten pro Tag den Patienten einiges abverlangten. Die Einführung von Kombinationspräparaten ermögliche eine bessere Compliance. Erstmals in der HIV-Behandlung steht mittlerweile auch eine Fixkombination aus Tenofovir, Emtricitabin und Efavirenz zur Verfügung, bei der die Patienten nur eine einzige Tablette pro Tag einnehmen müssen.

 

Weitere wichtige Faktoren für die Auswahl der individuellen Therapie seien neben Wirksamkeit, Nebenwirkungen und Komorbiditäten auch das Geschlecht sowie Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. Tipp: Informationen zu Interaktionen mit antiretroviralen Substanzen finden sich unter www.hiv-druginteractions.org. Als Beispiel für eine häufig beobachtete Interaktion nannte van Lunzen die gleichzeitige Gabe von Atazanavir und Omeprazol. Dies führe unweigerlich zu einer suboptimalen Therapie und erhöhe das Resistenzrisiko, da der Protonenpumpenhemmer die Bioverfügbarkeit des HIV-Mittels drastisch herabsetzt.

 

Apropos Resistenzen: »Vor Therapiebeginn, auch vor der Initialtherapie, muss unbedingt eine Resistenz-Testung erfolgen«, betonte der Mediziner. In etwa 10 Prozent der Fälle könne man auch bei bisher unbehandelten Patienten Resistenzmutationen feststellen. Der Grund: Der Patient hat sich mit einem Virus infiziert, der von einem Patienten stammt, der schon mit antiviralen Subs-tanzen behandelt wurde.

 

Während man früher bei einer Multiresistenz so gut wie nichts mehr tun konnte, bieten neue Substanzen heute weitere Therapieoptionen. In diesem Zusammenhang nannte der Referent den kürzlich eingeführten ersten Integrase-Hemmer Raltegravir sowie die Entry-Inhibitoren Enfuvirtid und Maraviroc. »Therapeutischer Nihilismus ist heute nicht mehr vertretbar«, betonte van Lunzen.

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