Pharmazeutische Zeitung online

Auf der Höhe der Zeit

29.05.2006  10:53 Uhr

Auf der Höhe der Zeit

Der 44. Meraner Pharmacon war ein Fortbildungs-Highlight im Kongresskalender der deutschen Apotheker. Der rege Zustrom von etwa 800 Kolleginnen und Kollegen zeigte, dass die Apotheker ihre Verpflichtung, den Kunden und Patienten zu beraten und zu begleiten, ernst nehmen - trotz oder wegen aller Strukturveränderungen im Gesundheitswesen, die den Heilberuflern ihre alltägliche Arbeit oft so erschweren.

 

Die Zuhörer konnten viel lernen und mitnehmen. In Vorträgen zu Erkrankungen des Zentralnervensystems, zu Impfungen und zur Reisemedizin boten die Referenten nicht nur harte Daten und Fakten, sondern berichteten auch aus ihrer praktischen Erfahrung im Umgang mit Betroffenen. Denn die besten Studiendaten nützen nichts, wenn Menschen mit Morbus Parkinson, Alzheimer-Demenz oder MS im Alltag mit ihren Medikamenten nicht zurecht kommen, die Eltern Schutzimpfungen für ihre Kinder ablehnen oder Reisende die Vorsorgemaßnahmen nicht akzeptieren.

 

Mit Spannung erwartet wurde der Dienstag des Kongresses: der »Tag der Homöopathie«. Es ist den Veranstaltern und dem Wissenschaftlichen Beirat hoch anzurechnen, dass sie erstmals in der Geschichte des Meraner Pharmacon einer alternativmedizinischen Heilweise so breiten Raum gegeben haben. So wie viele Kunden in der Apotheke nach homöopathischen Mitteln fragen, so wünschten sich viele Kongressteilnehmer schon lange, dass dieses Thema ausführlich besprochen wird.

 

Herausgekommen ist eine naturwissenschaftlich fundierte, sachlich distanzierte Betrachtung der Methode. Es sprachen mehrheitlich Nicht-Homöopathen über die Homöopathie. Das »heiße Eisen« wurde betont »cool« dargeboten. Dies erlaubte eine akademische, wenig emotionale, wenn auch nicht emotionsfreie Debatte über die Methode. Zur inneren Konfrontation mit der Gedankenwelt der Homöopathie regte es nicht an. Dies geschah erst im Seminar, das damit den Naturwissenschaftlern reichlich Stoff für hitzige Diskussionen bot. Wie ein versöhnlicher Kompromiss mutete da die These eines Referenten an, dass Homöopathie als Regulationsmethode über unspezifische Effekte - nicht über Einbildung! - wirken könnte.

 

Viele im Auditorium mag es erstaunt haben zu hören, dass Hahnemann kein esoterischer Fantast, sondern ein promovierter Arzt auf der Höhe seiner Zeit war, der die Defizite der damaligen Medizin klar erkannte und benannte und eine neue Heilweise dagegensetzte. Er entwickelte seine Lehre im Kontext damaligen Wissens, genau wie es die naturwissenschaftliche Medizin des 20. und 21. Jahrhunderts tut. Die Medizinkonzepte des 18./19. Jahrhunderts erscheinen aus heutiger Sicht mitunter kurios und sind längst widerlegt. Auch wenn der kausal-mechanistische Denkansatz unserer Zeit weitgehend (noch) nicht angezweifelt wird, so weiß doch niemand, wie Wissenschaftler in 100 Jahren über heutige Denkmodelle und Therapiestrategien urteilen werden. Vielleicht erscheint das derzeit vertraute naturwissenschaftlich-abendländische Denken in Kausalketten dann zu einseitig und nicht mehr nachvollziehbar.

 

Es gibt keinen Grund, über Medizinkonzepte früherer Zeiten und ihre Anhänger zu lächeln, solange sie den alten Grundsatz »nil nocere« befolgen. Der »Tag der Homöopathie« in Meran bot keine Patentrezepte für die Beratung zur Homöopathie, aber fundiertes Wissen und vielfältige Anregungen zur Auseinandersetzung mit einer alten Heilmethode.

 

Brigitte M. Gensthaler

Ressortleitung Titel

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