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Sieben-Tage-Irrtum

22.05.2017  16:45 Uhr

Sieben-Tage-Irrtum

Manche Überzeugungen halten sich besonders hartnäckig, obwohl sie längst widerlegt sind. Die Sieben-Tage-Regel zur Antibiotika-Einnahme ist so eine. »Die Packung auf jeden Fall ganz aufbrauchen, auch wenn sich die Beschwerden vorher schon gebessert haben«, schärfen Apotheker ihren Patienten bei jeder Abgabe eines Antibiotikums ein. Die Begründung, eine zu kurze Einnahmedauer leiste der Bildung von Resistenzen Vorschub, leuchtet vordergründig ein – ist aber falsch (Antibiotikatherapie: Kürzer ist besser).

 

Eine möglichst lange Einnahmedauer wäre nämlich nur dann sinnvoll, wenn damit auch noch das letzte krank machende Bakterium abgetötet werden sollte. Das kann und muss eine Antibiotika-Therapie aber nicht leisten. Ihr Ziel ist es vielmehr, schnell möglichst viele Erreger zu beseitigen; den Rest erledigt dann das Immunsystem des Patienten. Dafür ­reichen in der Regel wenige Tage – vorausgesetzt, der Erreger ist sensibel gegen den eingesetzten Arzneistoff und dieser wird ausreichend hoch ­dosiert. Eine unnötig lange Therapie fördert dagegen Resistenzen, weil sie den Bakterien, die unempfindlich gegen das Antibiotikum sind, einen ­Vorteil verschafft, indem sie deren Konkurrenz beseitigt.

 

Obwohl es mittlerweile überzeugende Studiendaten gibt, die diese Zusammen­hänge belegen, halten Ärzte vielfach noch an der Sieben-Tage-Regel fest. Um mit ihr aufzuräumen, ist noch viel Überzeugungsarbeit zu ­leisten. Doch der Einsatz lohnt sich, will man die Wirksamkeit dieser ­wichtigen Arzneistoffklasse langfristig erhalten.

 

Einen Beitrag dazu haben diese Woche auch die Gesundheitsminister der G20-Staaten geleistet. In ihrer Berliner Erklärung einigten sie sich darauf, dass Antibiotika künftig weltweit nur noch auf Rezept abgegeben werden dürfen (G20-Staaten: Antibiotika nur auf Rezept). Damit soll der unkontrollierten Anwendung ein Riegel vorgeschoben werden. Den Ärzten als Verordnern kommt damit freilich eine noch größere Verantwortung zu. Gut, wenn da auch Apo­theker über die Regeln für einen rationalen Antibiotika-Einsatz Bescheid wissen und entsprechend beraten können.

 

Annette Mende 

Redakteurin Pharmazie

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