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Senioren

Besonderheiten der Krebstherapie

22.05.2012  14:19 Uhr

Von Annette Mende, Berlin / Da das Krebsrisiko mit dem Alter steigt, nimmt auch die Zahl älterer Krebspatienten kontinuierlich zu. Die körperliche und geistige Fitness dieser Patienten ist individuell sehr unterschiedlich. In der Praxis wird diesem Umstand noch zu selten Rechnung getragen, bemängelten Experten beim Krebskongress.

Krebs ist eine Erkrankung des höheren Lebensalters. Der viel zitierte demografische Wandel hat daher auch auf das onkologische Patientenkollektiv massive Auswirkungen. Heute erleben viele Menschen eine Krebserkrankung, die in früheren Zeiten bereits vorher an einer anderen Ursache gestorben wären. Betrachtet man nur die beiden häufigsten Krebsarten, wird dies sehr deutlich: Knapp ein Drittel der Brustkrebspatientinnen (30 Prozent) und fast jeder zweite Mann mit Prostatakrebs (44 Prozent) sind mittlerweile älter als 70 Jahre. Diese Zahlen nannte beim Krebskongress in Berlin Anna Arning von der Krebs­gesellschaft Nordrhein-Westfalen.

 

Alt und chronisch krank

 

»Viele ältere Patienten leiden zum Zeitpunkt ihrer Krebsdiagnose bereits an anderen Erkrankungen. Sie sind teilweise in ihrer Mobilität oder in ihrer kognitiven Kapazität eingeschränkt«, sagte Arning. Das könne sich negativ auf das Verständnis der Krebserkrankung und der Therapie auswirken und dadurch letztlich die Compliance gefährden. »Aber auch wenn keine erkennbaren Defizite vorliegen, weiß man inzwischen, dass viele physiologische Prozesse bei älteren Menschen anders ablaufen als bei den Patienten, an denen Krebsmedikamente üblicherweise getestet werden«, so Arning. Ein Missstand, auf den auch der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft im Interview mit der Pharmazeutischen Zeitung hinwies (lesen Sie dazu auch Neue Krebsmedikamente: Wir wissen definitiv zu wenig).

Außer den älteren Patienten mit bestehenden Komorbiditäten gibt es aber auch die sogenannten fitten Alten, sportlich aktive, bis zu ihrer Krebserkrankung ansonsten gesunde Menschen. »Gleiches chronologisches Alter bedeutet daher nicht automatisch gleiches biologisches Alter«, betonte Privatdozent Dr. Friedemann Honecker vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf. Letzteres sei aber ausschlaggebend für die Auswahl einer geeigneten Therapie.

 

Zurzeit gibt es noch keinen Labortest, mit dem man das biologische Alter eines Menschen bestimmen kann. Aus Honeckers Sicht ist der aber auch nicht nötig, um abzuschätzen, ob ein älterer Patient »fit for therapy« ist. »In der Geriatrie haben sich schon seit Jahren andere Instrumente etabliert«, sagte der Internist. Dort wende man sich dem Patienten in seinen vielen Dimensionen zu. Ein sogenanntes geriatrisches Assessment umfasse die Beurteilung des physischen, kognitiven, emotionalen, ökonomischen und sozialen Zustands des Patienten.

 

»Wir Onkologen sind gewohnt, uns krankheitsspezifische Parameter anzuschauen, zum Beispiel CT-Bilder oder Tumormarker«, erklärte Honecker. Bei alten Tumorpatienten genüge diese Betrachtungsweise jedoch nicht, um Ressourcen und Defizite eines Individuums zu erfassen. Erst allmählich setze sich im Klinikalltag die Erkenntnis durch, dass verschiedene Einschränkungen wie ein schlechter Allgemeinzustand oder eine Komorbidität nicht unbedingt dieselben Auswirkungen auf den Verlauf und den Erfolg einer Therapie haben.

 

Alter und Krankheit ist nicht dasselbe

 

Als Beleg dafür zitierte Honecker zwei Studien: In einer Metaanalyse mit mehr als 6000 Darmkrebspatienten hatte sich ein schlechter Allgemeinzustand sowohl auf das Gesamtüberleben als auch auf das progressionsfreie Überleben negativ ausgewirkt. Ebenfalls in der Indikation Darmkrebs hatten da­gegen in einer kanadischen Studie mit 525 Patienten diejenigen mit einer Komorbidität besser abgeschnitten als diejenigen ohne eine weitere Erkrankung. »Ob das ein zufälliger statistischer Effekt war oder ob vielleicht auch andere Faktoren wie eine Medikation mit Betablockern oder Cholesterolsenkern eine Rolle gespielt haben, weiß man nicht. Aber man sieht daran, dass ein schlechter Allgemeinzustand und eine Komorbidität sich unterschiedlich auf das Therapieergebnis auswirken können«, so Honecker.

 

Ein geriatrisches Assessment älterer Krebspatienten erfülle daher nicht nur einen akademischen Zweck. Es diene vielmehr der Beantwortung »der drei Gretchenfragen der Krebstherapie beim älteren Patienten: Welche Therapie ist machbar? Wie wird der Patient voraussichtlich durch die Therapie kommen? Und wie hoch ist die Überlebenswahrscheinlichkeit?« Um die Behandlung möglichst optimal auf den einzelnen Patienten zuzuschneiden, sei eine solche Vorgehensweise daher häufig besser geeignet als teure Genchips oder Biomarker.

 

Ältere leiden nicht weniger

 

Dass nicht nur die körperliche Verfassung, sondern auch die psychische Belastung älterer Krebspatienten oft falsch eingeschätzt wird, berichtete Dr. Thomas Schulte, Ärztlicher Direktor der onkologische Rehaklinik Bad Oexen in Bad Oeyenhausen. »Entgegen einer weitverbreiteten Meinung ist eine Krebserkrankung für Ältere nicht per se weniger belastend als für Jüngere«, sagte Schulte. Im Gegenteil: Eine eigene Studie habe sogar ergeben, dass bei Älteren die subjektive Krankheitsbewältigung am schlechtesten ist.

Das Vorurteil, dass Ältere weniger litten, halte sich aber dennoch hartnäckig, und zwar deshalb, weil »diejenigen Patienten, die in den Augen der Krebsforscher ältere Krebspatienten sind, es eigentlich gar nicht sind.« In den allermeisten Studien sei ein Alter über 69 Jahre ein Ausschlusskriterium. Dadurch würden die 60- bis 69-Jährigen die älteren Patienten. »Das sind sie aber de facto nicht. Sie gehören eher zu den Jüngeren der Älteren«, so Schulte. Nicht nur in seiner Untersuchung, sondern auch in vielen anderen Stu­dien habe sich aber gezeigt, dass gerade die 60- bis 69-Jährigen im Vergleich zu anderen Altersklassen das beste seelische Befinden zeigen.

 

Alte Menschen mit einer Krebserkrankung hätten zudem teilweise andere Sorgen als jüngere. Neben den Progredienzängsten, die in allen Altersgruppen gleich ausgeprägt seien, ist das vor allem die Furcht vor Abhängigkeit von anderen. Jüngere Krebs­patienten quälen dagegen häufig berufliche und finanzielle Sorgen.

 

Einen Grund für die Unsicherheit vieler älterer Patienten sah Schulte darin, dass sie häufig nicht genügend über ihre Erkrankung wüssten. »Ältere bekommen weniger verständliche Informationen als Jüngere, weil sie weniger aktiv nachfragen, teilweise schwer­hörig sind und unter Umständen Probleme mit der selbstständigen Informa­tionsbeschaffung im Internet haben«, sagte der Internist.

 

Keine Bitte um Hilfe

 

Zudem ließen sich viele Vertreter der älteren Generation nicht anmerken, wie sie sich in Wirklichkeit fühlen. Es falle ihnen schwer, psychosoziale Unterstützung einzufordern, weil sie ihre privaten Sorgen nicht mit Außenstehenden teilen wollen. Um einen Hilfebedarf bei älteren Patienten überhaupt zu entdecken, müssten Ärzte und Psychologen daher gezielt nachfragen. / 

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