Pharmazeutische Zeitung online
Examensfeier Uni Mainz

13 Glückliche

22.05.2012  14:17 Uhr

Von Katrin Viertel, Mainz / In festlichem Rahmen fand Ende April die Übergabe der Zeugnisse zum erfolgreich bestandenen Zweiten Staatsexamen an 13 Pharmazeuten der Johannes-Gutenberg-Uni in Mainz statt.

Verstehen ist immer ein Weg und nicht das Ziel: Mit diesem Zitat gratulierte Professor Dr. Thomas Efferth den Absolventen im Namen des Instituts zum Ende eines erfolgreich abgeschlossenen Lebensabschnitts und zum Beginn eines neuen. Damit verdeutlichte er die Maxime des lebenslangen Lernens. Anschaulich legte Efferth den Wandel des Bildungsbegriffes von der Antike bis in die heutige Zeit sowie die gegenwärtig hauptsächlich praktizierten Lehrformen des Kognitivismus und Konstruktivismus dar. Letzteres habe die Alumni zu geistiger Reife geführt, sie auf selbstbewusstes und -bestimmtes zukünftiges Handeln vorbereitet.

 

Wichtiger Teil der Gesundheitsversorgung

 

Die Glückwünsche der Landesapothekerkammer Rheinland-Pfalz überbrachte deren Präsident, Pharmazierat Dr. Andreas Kiefer. Das durch die Lehre erlangte Wissen befähige die Absolventen zur verantwortungsvollen Ausübung ihres Berufes. »Die Ausbildung stellt einen auf zwei Füße, gehen muss man selber«, schlussfolgerte Kiefer und ermutigte die Pharmazeuten, ihre professionelle Tätigkeit als Teil der Gesundheitsversorgung im Dialog mit anderen Heilberuflern und nicht mit dem Ziel der Gewinnmaximierung wahrzunehmen. Apotheken seien keine reinen Verkaufsstellen. Arzneimittel stellten »Warengüter der besonderen Art« dar und bedürften daher spezieller Information und Beratung, um einen sicheren Umgang vonseiten der Kunden garantieren zu können.

Auch die Leiterin des Landesprüfungsamtes für Studierende der Medizin und Pharmazie in Rheinland-Pfalz, Cécile Lepper-Hasche, bekräftigte die Wichtigkeit einer umfangreichen Versorgung und Beratung der Patienten bezüglich der Arzneimittel. Das Wohl des Patienten stehe im Vordergrund. Dr. Michael Stein, Geschäftsführer der DPhG aus Frankfurt am Main, bemerkte in seinen Glückwünschen das schnelle Vergessen der Strapazen des Studiums, wie er aus Gesprächen mit Pharmazeuten im Praktikum erfahren habe.

 

Die Organisation der DPhG biete mit ihren jährlich rund 150 wissenschaftlichen Vorträgen in Deutschland, der Mitgliederzeitschrift, den Fachkreisen und Jahrestagungen eine große Unterstützung der wissenschaftlichen Pharma­zie und nehme auch Einfluss auf Gesetzesentscheidun­gen wie das Gendiagnostikgesetz oder die neue Apothe­kenbetriebsordnung.

 

Michael Jackson und die Sucht

 

Großes Interesse weckte der diesjährige Festvortrag »Michael Jackson – Die SehnSUCHT nach Schlaf« von Professor Dr. Theo Dingermann und Professor Dr. Dieter Steinhilber von der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Mithilfe musikalischer Untermalung verknüpften sie geschickt das Leben und Schaffen Michael Jacksons mit der pharmakologischen Erklärung der Verwendung, Wirkung und des Missbrauchspotenzials allgemeinüblicher Psychopharmaka wie Hypnotika, Narkotika, Sedativa und Tranquillanzien.

 

Zur Einführung präsentierte Steinhilber Hintergrundinformationen zu den Verhältnissen in Jacksons Kindheit. Der in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsene, schüchterne Junge trat bereits als Siebenjähriger als Leadsänger der »Jackson Five« auf und dominierte deren Auftritte. Die vordergründige Inszenierung des schillernden Lebens entsprach abseits der Bühne jedoch nicht den tatsächlichen Verhältnissen. Trotz einer engen Verbindung zur Familie fühlte sich Jackson der Kindheit beraubt, oft einsam und entwickelte eine von Angst geprägte Beziehung zu seinem gewalttätigen Vater. Nichtsdestotrotz gelang Jackson ausgehend von dem 1982 erschienen Album »Thriller« der Schritt an die Spitze des Musikolymps. Superlative schmückten fortan sein musikalisches Schaffen.

 

Vergiftung mit Narkosemittel

 

Schattenseite dieses Lebens waren jedoch neben Missgunst ständige psychische Belastungen und Stress, die Jackson nur mit medikamentöser Hilfe zu bekämpfen wusste. Trotz Comeback-Versuchs führten die Umstände letztendlich zu dem verfrühten Tod des 50-jährigen Musikers im Jahr 2009, ausgelöst durch eine akute Vergiftung mit dem Narkosemittel Propofol. Laut Obduktionsbericht befanden sich zum Todeszeitpunkt ein halbes Dutzend Beruhigungsmittel in seinem Körper.

 

Dingermann legte dar, dass man generell zwischen Alltagsdoping mit Lifestyle-Drogen, unter der Nutzung von Genusssubstanzen, Doping am Arbeitsplatz durch die Angst vor der »Non-Performance« und den steigenden Anforderungen unserer Dienstleistungsgesellschaft nach schneller Auffassungsgabe, guter Erinnerung und fokussierter Aufmerksamkeit sowie dem Neuroenhancement unterscheiden muss. Diese auch als »Gehirndoping« bezeichnete Verwendung therapeutischer Methoden unter fehlender medizinischer Notwendigkeit, stand dabei im Vordergrund. »Zwei zentrale Enhancementziele könnten unterschieden werden«, erklärte Dingermann. Dies seien die Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten sowie die Verbesserung des psychischen Wohlbefindens.

 

Wie niedrig die Hemmschwelle der nicht medizinisch indizierten Verwendung von Neuropharmaka bereits ist, verdeutlichte der DAK-Gesundheitsreport 2009: Sechs von zehn Personen würden Mittel zur Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit nehmen, wenn keine Nebenwirkungen zu befürchten sind und sie erhältlich wären. Zudem hätten zwei Millionen Menschen bereits Psychopharmaka geschluckt, um die Leistungsfähigkeit zu steigern, 800 000 täten dies sogar regelmäßig.

 

Nach der »Heroin- und Speedwelle« der 1980er-Jahre nähme zunehmend der Rausch mit Schlafmitteln, besonders den Benzodiazepinen, den Spitzenplatz der verwendeten wahrnehmungsbeeinflussenden Substanzen ein, so Dingermann. Nur 63 Prozent dieser Medikamente würden von Ärzten verschrieben, der Rest käme zum Beispiel aus der Szene oder von Bekannten.

 

Apothekers Rat gefragt

 

Die Gefahr der Einnahme der Benzodiazepine liege in Metabolisierungsverzögerungen, die bei wiederholter Verwendung zum Phänomen der Dosiseskalation und Abhängigkeit führten. Dingermann teilte den Gebrauch in drei Phasen ein: Wirkumkehr, Apathie und Sucht. Bei Michael Jackson könne das Allgemeinanästhetikum Propofol als Eskalation der Schlafmittelsucht angesehen werden.

 

4 bis 5 Prozent der abgegebenen Arzneimittel wiesen ein Abhängigkeitspotenzial auf. Problematisch seien hierbei besonders Tranquillanzien und Analgetika. Missbräuchlich würden häufig Diuretika und Laxanzien verwendet, jedoch ohne die Gefahr der Suchtentwicklung. Aufgrund der Simplizität des Abrutschens in eine Abhängigkeit liege laut Dingermann eine besondere Verantwortung auf- seiten der Apothekerschaft. Fragen zur Notwendigkeit einer Dosissteigerung oder Reaktionen auf Medikamentenabsetzung seien essenziell, um der Gefahr einer möglichen Arzneimittelabhängigkeit entgegenzuwirken. /

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