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Chronische Rhinosinusitis

Wieder Luft bekommen

25.05.2010
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Von Elke Wolf, Wiesbaden / Rhinosinusitis ist nicht gleich Rhinosinusitis. Das klingt banal. Doch dahinter steckt die relativ neue Erkenntnis, dass es in der Pathologie der chronischen Nasennebenhöhlenentzündung von Patient zu Patient Unterschiede gibt. Das hat Auswirkungen auf die Therapie.

»Bei Patienten, die auf die übliche medikamentöse Behandlung nicht ansprechen, lohnt es sich, gewissermaßen eine Phänotypisierung vorzunehmen. Denn in der letzten Zeit ist es gelungen, unterschiedliche patho-biochemische Regelkreise bei der chronischen Nasennebenhöhlenentzündung aufzudecken«, erklärte Professor Dr. Werner Hosemann, Direktor der Universitätsklinik für HNO-Krankheiten in Greifswald, auf der Jahresversammlung der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Daraus ergeben sich individuelle Behandlungsansätze.

 

Um einen operativen Eingriff, der heute minimalinvasiv über die Nasenöffnung vorgenommen wird, kommen die Betroffenen zwar auch heute noch nicht herum. »Der Fortschritt besteht aber darin, dass operative Methoden heutzutage besser mit individuell erforderlichen Arzneistoffen kombiniert werden können«, informierte Hosemann.

 

Einen großen Stellenwert bei der polypösen Variante der Erkrankung stellen heute »vor, bei und nach der Operation« nasal zu applizierende Glucocorticoide dar. Durch die topische Applikation werde die Nebenwirkungsrate gering gehalten.

 

Gute Behandlungserfolge erzielt man Hosemann zufolge heute bei Patienten, die neben ihrer polypenbildenden Rhinosinusitis eine Analgetika-Intoleranz aufweisen. Diese Patienten werden nach der Operation nach und nach an langsam steigende Dosen von Acetylsalicylsäure gewöhnt. Die Erhaltungsdosis betrage lebenslang täglich rund 300 mg ASS. »Der Arzneistoff beeinflusst den Entzündungsstoffwechsel günstig und reduziert die Polypenneubildung. Die Patienten müssen signifikant weniger erneut operiert werden«, so der HNO-Experte. Die fortgesetzte Gabe von ASS bezeichnet man auch als adaptive Desaktivierung. Hosemann: »Im Prinzip ist die Vorgehensweise ähnlich einer Desensibilisierung. Da das Ganze aber nicht auf immunologischer Ebene abläuft, wählte man den umständlichen Begriff der adaptiven Desaktivierung.«

 

Menschen mit einer Analgetika-Intoleranz weisen Anomalien im Arachidonsäurestoffwechsel auf. Durch eine Fehlsteuerung der Cyclooxygenase werden verstärkt Peptid-Leukotriene gebildet, die überschießende Entzündungsreaktionen triggern können und den Asthma-Anfall provozieren. Das Ungleichgewicht zwischen Leukotrienen und Prostaglandinen gilt auch als wichtigster Faktor für die Pathogenese der polypenbildenden Rhinosinusitis. Die ständige Befeuerung der fehlregulierten Cyclooxygenase mit ASS scheint das Enzym aber wieder in die richtigen Bahnen lenken zu können.

 

Eine weitere Therapieoption stellte Hosemann für Betroffene vor, die keine Polypen haben. So greifen manche Antibiotika wie Makrolide und Tetrazykline unabhängig von ihrer antimikrobiellen Wirkung auch in den Immun- und Entzündungsstoffwechsel ein und können die Entzündungsmediatoren in der Nasennebenhöhlenschleimhaut dämpfen. »Dann empfiehlt sich beispielsweise Roxithromycin mindestens über sechs Wochen in niedriger Dosierung.« Eine andere Untergruppe, die bislang durch extrem schlechte Heilungsergebnisse nach der Operation aufgefallen war, profitiere von Tetrazyklinen wie Doxycyclin. Mögliche Erklärung: Doxycyclin ist in der Lage, besonders MMP9-Spiegel zu drücken. Und das Nasenschleimhautgewebe dieser Patientengruppe weist hohe Werte von Matrixmetalloproteinasen (MMP) auf.

 

Bei fortwährenden Rezidiven lohne es sich, das immunologische Profil der Patienten zu testen. So scheinen manche Patienten mit polypöser chronischer Rhinosinusitis auf die wiederholte Gabe des Anti-IgE-Antiköpers Omalizumab gut anzusprechen. Das sind dann diejenigen Patienten, bei denen man die Entstehung der Rhinosinusitis bestimmten Mikroorganismen zuschreibt. Die von diesen freigesetzten Enterotoxine stimulieren das menschliche Immunsystem zur Bildung von Immunglobulin E. Große klinische Studien stehen noch aus. /

Auf einen Blick

Rund 5 Prozent der Deutschen haben eine chronische Rhinosinusitis. Dabei sind die Schleimhäute, die die Wände der Nasennebenhöhlen überziehen, chronisch entzündet.

Die Beschwerden sind chronisch, wenn sie lange Zeit anhalten oder wenn es pro Jahr zu mehr als vier Krankheitsattacken kommt, ohne dass dazwischen symptomfreie Intervalle liegen.

Die Beschwerden beschränken sich nicht nur auf eine verstopfte Nase. Verminderter Geruchssinn, häufige Kopfschmerzen mit diffuser Erschöpfung und häufige Infekte sind oft die Folge.

Etwa ein Viertel der Betroffenen hat zusätzlich Polypen, also gutartige Schleimhautwucherungen, die in den Nebenhöhlen entstehen, dann aber in die Haupthöhle einwachsen und dadurch die Nasenatmung mehr oder minder behindern. HNO-Ärzte unterscheiden deshalb die polypöse oder die nicht polypöse Rhinosinusitis.

Mit oder ohne Polypen: In jedem Fall ist im gesamten System die Luftzirkulation und der Transport von Nasensekret beeinträchtigt. Immerhin 30 Prozent der Patienten mit einer polypenbildenden Rhinosinusitis haben gleichzeitig ein Asthma bronchiale, 15 Prozent ein Analgetika-induziertes Asthma (Analgetika-Intoleranz). Umgekehrt haben 70 Prozent der Asthmatiker zusätzlich auch eine Rhinosinusitis.

 

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