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Medication Therapy Management

Profilierungschance gegenüber Versandapotheken, dm und Co.

07.05.2008  12:50 Uhr

Medication Therapy Management

Profilierungschance gegenüber Versandapotheken, dm und Co.

Von Jochen Pfeifer

 

Im Westen viel Neues. Das sogenannte Medication Therapy Management wurde in den USA erfolgreich in Apotheken eingeführt und wird nach einer Gesetzesänderung unter bestimmten Umständen extra vergütet. Das Modell stellt auch hierzulande eine Möglichkeit zur Stärkung der Präsenzapotheken dar.

 

Spätestens nach der Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts vom 13. März 2008  im »dm-Fall« (1) könnte sich das Tätigkeitsprofil des öffentlichen Apothekers entscheidend ändern. Die bisher in Deutschland sehr erfolgreich in der öffentlichen Apotheke praktizierte Struktur hat sich durch das Auftreten von neuen Mitbewerbern, neuen Formen der Arzneimittelversorgung und den Fokus auf extreme Preissensitivität im OTC-Bereich derart geändert, dass eine Fortführung des bisherigen Zustandes in den nächsten Jahren nicht mehr garantiert werden kann. Fraglich ist daher, wie sich der Offizinapotheker auf diese veränderte Wettbewerbssituation kurzfristig einstellen soll.

 

Ein internationaler Vergleich der Tätigkeiten von Apothekern zeigt auf, dass die Pharmazeutische Beratung eines öffentlichen Apothekers in sechs Kategorien unterteilt werden kann. (2) Dabei werden zurzeit in Deutschland in der öffentlichen Apotheke nur die Kategorien eins bis drei angeboten. Zu prüfen ist, inwieweit die Kategorien vier bis sechs flächendeckend eingeführt werden könnten.

Gliederung der möglichen pharmazeutischen Leistungsstufen

 

Kategorie 1

­allgemeine Hinweise zu Medikamenten

Erklärung des Beipackzettels

Abgabe von schriftlichem Informationsmaterial

Nutzen von Informationssystemen wie etwa der Lauer-Taxe

 

Kategorie 2

Interaktions-Check

Maßnahmen zur Sicherung der Medikamenteneinnahme

 

Kategorie 3

Rücksprache mit dem Arzt

Pharmazeutische Beratung

 

Kategorie 4

Home Medication Review (nach englischem und australischem Modell) in Kooperation mit dem behandelnden Arzt

 

Kategorie 5

Medication Therapy Management (MTM) in Kooperation mit dem behandelnden Arzt

 

Kategorie 6

Apotheker wird involviert, bevor Arzt Arznei verordnet

direkte und fortlaufende Kommunikation zwischen Arzt und
Apotheker bei der Behandlung des Patienten

 

Das Medication Therapy Management (MTM) stellt ein Beispiel für die Kategorie fünf der pharmazeutischen Leistungen dar. In den Kategorien vier bis sechs werden die Beratungsleistungen des Apothekers von der Abgabe des Arzneimittels getrennt. Das gleiche gilt auch für die Bezahlung des Apothekers, die unabhängig von der Abgabe von Packungen erfolgt.

 

Die Gefahr einer Honorierung der pharmazeutischen Leistung ausschließlich über den Abgabepreis einer Arznei, wie sie im gegenwärtigen System in Deutschland praktiziert wird, liegt in der Minimierung der Leistung des Apothekers zum reinen Logistiker nach Einführung eines deregulierten Marktes.

 

Die in Deutschland unter vielen Kollegen festzustellende Tendenz zur Profilierung ausschließlich über den Preis eines OTC-Arzneimittels ist zu kritisieren. Vielmehr sollte sich der Apotheker auf seine Kompetenz als Arzneimittelfachmann konzentrieren und diese auch kommunizieren. Ein Mittel hierzu ist die Durchführung von MTM-Beratungen. MTM kann ausschließlich von beratungsaktiven Apotheken durchgeführt werden, über Drogeriemärkte und Callcenter ist ein solcher Service grundsätzlich nicht möglich.

 

MTM als »All-inclusive-Paket«

 

MTM wird definiert als ein Service, der die Optimierung individueller therapeutischer Ergebnisse für einen Patienten zum Ziel hat. (3) Dieser Service kann als Teil einer Medikamentenversorgung und auch unabhängig von der Abgabe eines Arzneimittels durchgeführt werden. MTM besteht aus folgenden Schritten: Medication Therapy Review (MTR), Personal Medication Record (PMR), Medication Action Plan (MAP), interdisziplinäre Kommunikation und Dokumentation.

Bestandteile des Medication Therapy Managements in der pharmazeutischen Praxis

 

MTR: Medication Therapy Review

systematischer Prozess der Patientendaten-Aufnahme einschließlich
Diagnose und Labordaten

Analyse der möglichen Medikationsprobleme

konkrete Beratung des Patienten über die weitere Vorgehensweise

 

PMR: Personal Medication Record

Name jedes Medikaments und Nahrungsergänzungsmittels

Dosierung

Art und Dauer der Anwendung

bekannte Allergien

bekannte Arzneimittelprobleme

Jede Änderung muss vermerkt werden.

 

MAP: Medication Action Plan

Durchführung individueller Schulungen des Patienten in Bezug
auf die korrekte Einnahme seiner Medikamente

Koordination der Therapie mit Ärzten, Physiotherapeuten

 patientenspezifische und individualisierte Serviceleistungen

 

interdisziplinäre Kommunikation

Arzt

Krankenhaus

Reha

Physiotherapeut

Behörde

Selbsthilfegruppe

 

Dokumentation

Sämtliche Leistungen innerhalb des MTM müssen dokumentiert
werden.

ohne Dokumentation keine Möglichkeit der Honorierung

 

MTM darf nicht mit den bisher bereits im Rahmen der Pharmazeutischen Beratung durchgeführten Serviceleistungen in der öffentlichen Apotheke verwechselt werden. Der reine Abgleich von medikamentenbezogenen Problemen beim Kauf von Arzneimitteln sowie die hieraus resultierende Patientenberatung wird in den USA »Brown-Bag-Review« genannt und ist eine erste Vorstufe eines MTM.

 

Es handelt sich beim MTM vielmehr um ein »All-inclusive-Paket« der Pharmazeutischen Betreuung in der öffentlichen Apotheke in enger Zusammenarbeit mit dem Patienten und dem behandelnden Arzt.

 

Ebenso darf auch nicht die Durchführung eines MTR mit der bisherigen Pharmazeutischen Beratung verwechselt werden. Beim MTR sind sämtliche Patienteninformationen, einschließlich Diagnosen und Labordaten, in Zusammenarbeit mit dem Arzt und dem Patienten zusammenzustellen. Dies wird in Deutschland auch ein Umdenken bei den Ärzten erfordern. Der Apotheker ist hierbei nicht der Konkurrent des Arztes, sondern sein gleichberechtigter Partner bei der optimalen Versorgung des Patienten. Daher sollte diese Art der Zusammenarbeit zwischen Arzt und Apotheker, die bereits im Krankenhaus erfolgreich praktiziert wird, auch zwischen Hausarzt und Offizinapotheker in Zukunft zur Selbstverständlichkeit werden.

 

Im MTR muss der Apotheker insbesondere untersuchen, ob die verordneten Medikamente bei dem einzelnen Patienten für die diagnostizierte Erkrankung die optimale Medikation darstellen, ob die Dosierung zutreffend ist, ob eventuell notwendige Medikamente im Therapieplan fehlen oder verordnete Medikamente überflüssig sind und ob die verordnete Medikation auch unter Kosten-Nutzen-Aspekten die optimale Lösung darstellt.

 

Danach sollte der Apotheker mit dem behandelnden Arzt das Ergebnis dieser Analyse besprechen und ein gemeinsamer Ansatz gefunden werden. Dabei liegt die Therapiehoheit immer beim Arzt. Apotheker und Arzt dürfen dem Patienten gegenüber nur gemeinsam auftreten. Besonders wichtig ist dabei die Erhaltung des Vertrauensverhältnisses zwischen Arzt, Patient und Apotheker.

 

Hiernach erstellt der Apotheker einen individuellen Medikationsplan für den Patienten, den er dann gemeinsam mit dem Patienten auf seine Alltagssituation abstimmt. Sämtliche MTM-Leistungen des Apothekers sind dokumentationspflichtig (4). Eine derartige Dokumentation könnte wie in in der folgenden Tabelle dargestellt aussehen.

Aufbau einer MTM Dokumentation in der öffentlichen Apotheke

Kategorie Beispiele
Patientendetails persönliche Daten
subjektive Daten Beschreibung des Missstandes durch den Patienten (Allergien, Familiengeschichte)
objektive Daten bekannte Vorerkrankungen, Labordaten, ärztliche Diagnose
Analyse Bewertung der Medikationsprobleme
Plan Zielsetzung und Planung der therapeutischen Vorgehensweise
Patientenschulung Erläuterung des Plans und Abstimmung mit dem Patienten
interdisziplinäre Koordination Empfehlung und Überweisung mittels SOAP-Schema
PMR Verzeichnis aller eingenommenen Produkte (inklusive Nahrungsergänzungsmittel)
MAP plan- und patientenspezifische Erläuterungen
Folgetermin Vereinbarung neuer Beratungstermine
Abrechnung in Deutschland derzeit noch nicht möglich

Voraussetzungen für MTM

 

MTM stellt hohe Anforderungen an die Beratungskompetenz des öffentlichen Apothekers, insbesondere werden fundierte Kenntnisse in Klinischer Pharmazie vorausgesetzt. (5)  Daher ist zu empfehlen, Schulungen für diejenigen Apotheker anzubieten, die im Moment noch nicht in der Lage sind, MTM-Leistungen zu erbringen. Die Voraussetzungen für die Durchführung von MTM in der öffentlichen Apotheke sind im folgenden Kasten aufgelistet.

Voraussetzungen für die Durchführung von MTM in der öffentlichen Apotheke

 

Klinische Pharmazie

­fortgeschrittene Kenntnisse in Pharmakologie, Klinischer Pharmazie und Pathophysiologie

­Arbeiten mit Patientenfällen

Monitoring

Kenntnisse des SOAP-Schemas

 

interdisziplinäre Kommunikation

Kommunikation mit Arzt, Patient, Angehörigen

Kommunikationstechnik

Verhandlungskompetenz

 

ethische Anforderungen 

Datenschutz

Apotheker als Berater des Arztes, Therapiehoheit verbleibt beim Arzt

Verpflichtung zur ständigen Fortbildung

 

Practice Management 

Dokumentation, vorzugsweise elektronisch

Beratungsplätze

strukturiertes Beratungsprogramm für den Patienten

strukturiertes Beratungsprogramm für die interdisziplinäre Kommunikation

 

Qualitätsmanagement

Zertifizierung nach DIN EN ISO 9001/2000

ständige Verbesserung

Verpflichtung zur Evaluation des Erreichten

 

Hierdurch könnte aufgrund der Leistung des Apothekers als Fachmann für medikamentöse Therapie eine individuell optimal gestaltete Medikation für den Patienten und die Kostenträger erreicht werden. In den USA konnte nachgewiesen werden, dass durch diesen Ansatz die Kosten der Krankenkassen für diesen Sektor erheblich gesenkt wurden. (6) Vergleichbares könnte auch in Deutschland erreicht werden. Allerdings setzt das auch eine zusätzliche Vergütung des Apothekers für diese Dienstleistung voraus.

 

Literatur beim Verfasser

 

E-Mail: pfeifer(at)adlerapo.com

 

Dank an Professor Dr. Jeffrey C. Delafuente, Virginia Commonwealth University School of Pharmacy, sowie der American Pharmacists Association und der American Society of Consulting Pharmacists für die freundliche Unterstützung.

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