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Hörsturz

Versorgungsengpass im Innenohr

08.05.2012  13:08 Uhr

Von Ulrike Viegener / Eine Mangelversorgung der sensiblen Hörzellen wird als wahrscheinlichste Ursache für den idiopathischen Hörsturz angesehen. Als Risikofaktoren gelten Diabetes mellitus, Bluthochdruck und Gerinnungsstörungen, aber auch Rauchen und Stress.

Ein Hörsturz kommt meist aus heiterem Himmel: Plötzlich und schlagartig ist das Hörvermögen eingeschränkt, und zwar in aller Regel nur auf einem Ohr. Ausmaß und Beschwerdebild variieren. In leichten Fällen kann es passieren, dass der Hörsturz erst gar nicht bemerkt wird, in seltenen, schweren Fällen kann von jetzt auf gleich völlige Taubheit eintreten. Oft wird auf dem erkrankten Ohr ein dumpfer Druck empfunden. Viele Patienten beschreiben übereinstimmend, es fühle sich an, als stecke ein Wattepropf im Ohr. Auch ein pelziges Gefühl um die Ohrmuschel kann vorhanden sein.

 

Echo, Tinnitus, Schwindel, aber keine Schmerzen

 

Die infolge des Hörsturzes asymmetrische Hörkapazität kann zu einem Echo führen. Häufig, nämlich in 80 Prozent der Fälle, wird der Hör­sturz von Ohrgeräuschen – Pfeifen, Klingeln, Rauschen – begleitet, und auch Schwindel kann auftreten. Ohrenschmerzen kommen bei einem Hör­sturz dagegen so gut wie nie vor.

Da bleibende Schäden drohen, sollen Betroffene bei Verdacht auf einen Hörsturz umgehend einen Arzt aufsuchen, und zwar am besten gleich einen HNO-Arzt. Die Diagnose wird per Ausschlussverfahren gestellt. Zunächst muss geprüft werden, ob die Schallleitung oder die Schallempfindung gestört sind. Anschließend wird der Arzt versuchen, den Defekt zu lokalisieren und eine Ursache aufzuspüren.

 

Einbußen des Hörvermögens können eine Vielzahl von Gründen haben: So kann zum Beispiel ein Ohrenschmalzpropf den äußeren Hörgang verstopfen, oder der Grund kann ein Paukenerguss, eine Flüssigkeitsansammlung im Mittelohr, sein. Oder aber die Sinneszellen im Innenohr wurden durch Lärm oder durch eine Virusinfektion geschädigt.

 

Ein idiopathischer Hörsturz liegt per Definition dann vor, wenn keine Ursache für den Hörverlust erkennbar ist. Ätiologie und Pathogenese sind mit vielen Fragezeichen behaftet. Fest steht nur: Der pathologische Prozess spielt sich im Innenohr ab. Man geht davon aus, dass die hochempfindlichen Hörzellen im Innenohr akut nicht ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werden. Versorgungsengpässe, so das pathogenetische Konzept, können in den englumigen Kapillargefäßen durch Schwellung des Gefäß­endothels, Mikrothromben oder auch durch Gefäßspasmen entstehen.

Für dieses Konzept gibt es ein indirektes Indiz: Erkrankungen, die entsprechende Gefäßprozesse begünstigen, sind offenbar mit einem erhöhten Risiko für einen Hörsturz verbunden. Als Risikofaktoren gelten Diabetes mellitus, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und eine erhöhte Blutgerinnungsneigung. Auch Stress steht seit Langem im Verdacht, einen Hörsturz auslösen zu können. Was genau die Ursachen und Risikofaktoren sind, ist jedoch noch nicht abschließend geklärt.

 

Der idiopathische Hörsturz ist ein häufiges Pathophänomen: Aktuelle Erhebungen beziffern die Inzidenz in Deutschland auf 160 bis 400 von 100 000 pro Jahr. Der Erkrankungsgipfel liegt um das 50. Lebensjahr. Die Spontanheilungsrate ist hoch, die Literaturangaben bewegen sich zwischen 40 und 70 Prozent.

 

In puncto Therapie fordern die aktuellen Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde ein differenziertes Vorgehen. Der Hörsturz, so heißt es da, sei kein Notfall. Bei der Entscheidung zur Therapie seien Ausmaß des Hörverlusts, Begleitsymptome, Vorschäden und der subjektive Leidensdruck wegweisend.

 

Während definierte Ursachen einer Hörzellschädigung spezifisch behandelt werden – also zum Beispiel eine Herpesinfektion mit Virustatika –, zielt man beim idiopathischen Hörsturz in erster Linie darauf ab, den Blutfluss zu verbessern und/oder eine vermutete Schwellung im Innenohr zu beseitigen. Um die Chancen zu optimieren, sollte die Behandlung möglichst zügig nach Symptombeginn eingeleitet werden.

 

Obwohl valide Studien zur klinischen Wirksamkeit weitgehend fehlen, haben sich folgende Therapieansätze etabliert:

 

intravenöse Gabe von Rheologika wie Pentoxifyllin,

Hämodilution mit Plasmaersatzstoffen wie Hydroxyethylstärke (HES),

Plasmapherese zur Beseitigung rheologisch ungünstiger Blutbestandteile (Gerinnungsstoffe, Fettpartikel),

Gabe von Antioxidanzien wie α-Liponsäure,

antiödematöse Therapie mit Glucocorticoiden.

 

Kein Stress und keine Zigaretten

 

Ein wichtiger Aspekt bei der Therapie beziehungsweise Sekundärprävention des Hörsturzes ist die Ausschaltung von Risikofaktoren. Liegt ein Diabetes mellitus vor, muss die Stoffwechsel­einstellung optimiert werden. Dasselbe gilt für Fettstoffwechselstörungen, und auch ein Bluthochdruck muss bei Hörsturz-Patienten besonders konsequent behandelt werden. Bei Rauchern sollte forciert auf eine Tabakabstinenz hingewirkt werden. Zudem sollten alle Möglichkeiten der Stressreduktion beziehungsweise Stressbewältigung ausgeschöpft werden. / 

Tipps für das Beratungsgespräch

Patienten mit Hörsturz sollten viel trinken und auf eine ausreichende Nährstoffzufuhr achten.

Die Patienten sollten Stress möglichst vermeiden und sich keinem starken Lärm aussetzen.

Die Patienten sollten darüber aufgeklärt werden, dass auch etablierte Therapien oft nicht von den Kassen übernommen werden.

Hörsturz-Patienten sollten auf die Vielzahl unseriöser Therapieangebote hingewiesen werden.

 

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