Pharmazeutische Zeitung Online
AMK
Arzneimittelgeschichte

Louis Friedländer und die Ampulle

03.05.2012
Datenschutz bei der PZ

Von Axel Helmstädter / Nach gängiger Lehrmeinung wurde die Ampulle als Behälter für sterile Injektabilia im Frühjahr 1886 gleichzeitig in Paris und Berlin eingeführt. Die Erfindung wird in Verbindung gebracht mit dem berühmten französischen Apotheker Stanislas Limousin (1831–1887) und seinem deutschen Kollegen Dr. Friedländer, über den bisher nur wenig bekannt ist.

Während Versuche zur intravenösen Gabe von Arzneistoffen bis ins Jahr 1656 zurückreichen (1), setzte sich die subkutane Gabe erst Mitte des 19. Jahrhunderts durch. Wirkstoffe »hypodermatisch« zu injizieren war vor allem für die damals in kurzer Folge neu entdeckten Alkaloide attraktiv, hatte man doch Stoffe gefunden, die in geringer Dosierung stark wirkten und aus denen sich konzentrierte wässrige Lösungen leicht herstellen ließen.

PZ-Originalia

In der Rubrik Originalia werden wissen­schaftliche Untersuchungen und Studien veröffentlicht. Eingereichte Beiträge sollten in der Regel den Umfang von zwei Druckseiten nicht überschreiten und per E-Mail geschickt werden. Die PZ behält sich vor, eingereichte Manuskripte abzulehnen. Die veröffentlichten Beiträge geben nicht grundsätzlich die Meinung der Redaktion wieder.

Das bedeutendste Beispiel ist das als erstes Alkaloid 1804 von Sertürner entdeckte Morphin, das bis heute in großem Umfang subkutan gegeben wird. Geeignete Injektionsspritzen standen spätestens ab 1853 zur Verfügung. Ihre genaue Entstehungsgeschichte ist unklar, eine Priorität des französischen Arztes Charles Gabriel Pravaz (1791 bis 1853) gilt als unwahrscheinlich (2). In den ersten Jahrzehnten wurden die Injektionslösungen jeweils kurz vor der Applikation frisch hergestellt, beispielsweise durch Auflösen alkaloidhaltiger Tabletten in Wasser.

Entsprechende Produkte wurden bis zum Siegeszug sterilisierter Lösungen in Ampullen kommerziell angeboten (Abbildung 1). Frühe Einsichten zur Bakteriologie und Hygiene, etwa in Zusammenhang mit den Erkenntnissen Ignaz Semmelweis’ (1818 bis 1865) und Joseph Lister’s (1827 bis 1912, 3), führten zu Diskussionen über die Hygiene derartiger Injektionslösungen. Insbesondere gab es eine Reihe Vorschläge, die Lösungen mit antiseptisch wirkenden Zusätzen zu versehen, die weitgehende Keimfreiheit garantieren sollten. Hierzu gehörten Salicylsäure, Styrol, Benzaldehyd, Thymol und Zimtsäure (4). Auch zur Qualität des zur Herstellung der subkutanen Lösungen verwendeten destillierten Wassers wurden Vorschläge gemacht (5). Den an sich naheliegenden Weg, nämlich eine Abfüllung steriler Lösungen in Einmalbehälter, verfolgten Limousin und Friedländer, der noch 1885 ein Spritzenset mit Tabletten zum Auflösen bestückt hatte (Abbildung 1), ab April 1886.

 

Stanislas Limousin

 

Der französische Apotheker Stanislas Limousin (6) veröffentlichte im April 1886 eine Arbeit, in der er seine »Ampules hypodermique« als neue Methode zur Aufbewahrung hypodermatischer Arzneistofflösungen beschrieb (7). Über das Verfahren wurde sogleich auch in der deutschen Fachpresse berichtet. Danach empfahl Limousin, »die Lösungen in kleinen, etwas mehr als 1 ccm fassenden Kölbchen, die vorher steri­lisiert werden, einzuschmelzen. Das Sterilisieren dieser leicht herzustellenden Ballons geschieht in der Weise, dass man dieselben einige Stunden auf 200 °C erhitzt, dann die Injektionsflüssigkeit auf bekannte Weise einfüllt und das Kölbchen nun vor der Lampe zuschmilzt« (8, Abbildung 2). Zur Sicherheit empfahl Limousin, die Ampullen an drei aufeinander folgenden Tagen je eine halbe Stunde im Dampfbad zu erhitzen.

Offensichtlich von diesen Berichten veranlasst, reklamierte der Berliner Apotheker Friedländer seine unabhängig erfolgte, gleichsinnige Erfindung in der internationalen Fachpresse, insbesondere in einem Interview, das er Ende April 1886 dem Berliner Korrespondenten der in Detroit, USA, erscheinenden Zeitschrift »The Therapeutic Gazette« gab. Dort heißt es, Friedländer habe bisher die Öffentlichkeit gemieden, weil er seine Produkte erst im September 1886 auf der 59. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte in Berlin vorstellen wollte (9). Der Journalist kommt zu dem Schluss, Friedländer und Limousin seien zeitgleich aber unabhängig voneinander als Erfinder anzusehen (10). Dieser Meinung schloss sich auch die Redaktion der »Pharmaceutischen Centralhalle« an, die sich Friedländer zwecks Prioritätssicherung gewandt hatte (11).

 

Louis Friedländer

 

In den Berichten werden keine näheren Angaben zu dem Berliner Apotheker, auch nicht zu seinem Vornamen gemacht, was bis heute einige Verwirrung mit sich bringt. Viele Quellen verzichten ganz auf eine Nennung des Vor­namens, andere verwenden falsche Initialen. Insbesondere handelt es sich nicht um den Bakteriologen Carl Friedländer (1847–1887) (12), der als Erforscher der Pneumonieerreger bekannt ist (13).

 

Miterfinder der Ampulle war tatsächlich der jüdische Apotheker Louis Leopold Friedländer, geboren am 16. Oktober 1856 in Osterode (Ostpreußen). Ausweislich eines zur Promotion eingereichten lateinischsprachigen Lebenslaufes (14) besuchte er zunächst die Grundschule in seinem Geburtsort, danach die Realschule Elbing. Anschließend begann er seine Apothekerausbildung, die ihn sechs Jahre lang durch verschiedene Städte führte, bevor er an der Universität Berlin ein dreisemestriges Studium aufnahm. Dort legte er im Mai 1880 das Examen ab.

Am 23. Januar 1882 wurde er mit einer in Berlin bei Johann Karl Wilhelm Ferdinand Tiemann (1848–1899) durchgeführten, aber in Freiburg verteidigten chemischen Arbeit, promoviert (15). Bereits zum 1. Januar 1881 allerdings hatte Friedländer gemeinsam mit Hans Hermann Joseph Sachs die Strauß-Apotheke, Berlin übernommen (16); entsprechend ist der Promotionsantrag mit »Louis Friedländer, Apothekenbesitzer« unterschrieben (17). 1884 verließ er Sachs, der die Apotheke alleine weiter betrieb und übernahm Simon’s Apotheke (18), in der er seine Injektabilia produzierte. Friedländer war bis mindestens 1891 Inhaber der Apotheke (19), bevor sich seine Spur wiederum verliert.

 

Methoden und Produkte

 

Friedländers Verfahren unterschied sich ein wenig von demjenigen Limousin’s. Der Korrespondent der »Gazette«, der der Herstellung persönlich beiwohnte, beschrieb das Vorgehen wie folgt: Zunächst wurden die »little glass balloons of an equal size, with an elongated neck and a somewhat flattened bottom« drei Tage hintereinander für jeweils drei Stunden auf einem Olivenölbad auf 200 °C erhitzt. Das Gefäß war dabei nach oben hin mit einem Sublimat-imprägnierten Wattebausch verschlossen, um das Eindringen von Keimen zu verhindern. Das Wasser zur Zubereitung der Alkaloidlösung wurde abgekocht und erkalten gelassen. Der Wirkstoff wurde darin gelöst. In die Lösung gab Friedländer »aus gelbem Glas gefertigte Glaskügelchen«, die sich daraufhin mit der Lösung füllten. Sie wurden herausgehoben und »rasch vor der Lampe verschmolzen« (9, 11). Der Journalist gab dem Friedländerschen Verfahren eindeutig den Vorzug, weil er es für hygienischer hielt. Als zusätzlichen Vorteil sah er die farbliche Unterscheidung der Ampullen, die der Berliner Apotheker eingeführt hatte: Morphin war rot, Atropin schwarz und Cocain weiß gekennzeichnet (9). Eine heute übliche Sterilisation im Endgefäß fand allerdings, wie bei Limousin, wohl aus Gründen besserer Haltbarkeit der Lösung, nicht statt. Tatsächlich konnte Friedländer wie geplant auf der Ausstellung zur Naturforschertagung im September 1886 eine Reihe Produkte präsentieren, zu denen auch »sterilisirte subkutane Lösungen in ampoules u. dergl. mehr« (20) gehörten. Limousin und Friedländer blieben indes nicht lange die einzigen Anbieter, in schneller Folge brachten andere Apotheken und Industriebetriebe Ampullen auf den Markt (21). Hier tat sich insbesondere der ebenfalls in Berlin wirkende Apotheker Franz Albert Lutze (1857–1923) hervor. Er hatte im April 1886 »Dr. Kade’s Oranienapotheke« erworben, die er zum bekannten pharmazeutischen Familienunternehmen Dr. Kade ausbauen sollte (22). Auch Lutze füllte zuvor sterilisierte Lösungen von die zum Beispiel Apomorphin, Atropin, Chinin, Cocain, Morphin, Pilocarpin, Strychnin oder Quecksilberchlorid in Glasbehälter ab (23).

Anmerkungen und Literatur

<typolist type="1">

Helmstädter, A., 350 years of intravenous injection. Pharm. Historian 36 (2006) 6-8.

Helmstädter, A.: Injektionsspritzen – Kurze Geschichte langer Nadeln. Pharm. Ztg. 152 (2007) 4706-4708. Zur Geschichte der Injektabilia vgl. insbes. Schramm, G., Zur Geschichte der subkutanen Injektionen und Injektabilia in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit besonderer Berücksichtigung der Quecksilbertherapie. Stuttgart 1987 und Rosales, P.A., A history of the hypodermic syringe, 1850’s – 1920s. Diss. Harvard University, Cambridge, MA 1997.

Lister, J., On the antiseptic principle in the practice of surgery. Brit. Med. J. 21 (1867) 256-248.

Vulpius, G., Zur Sterilisirung von Lösungen. Pharm. Centralhalle 27 (1886) 331-332.

Schneider, Antisepsis in der Pharmacie.Pharm. Centralhalle 27 (1886), 651-654.

Chast, F., Euphrasie-Stanislas-Alexis-Arsène Limousin. In: Chast, F., Julien, P., Cinc Ciècle Pharmacie Hospitalière. Paris 1995, S. 322-323 ; http://www.shp-asso.org/index.php?PAGE=limousin (29.4.2012)

Limousin, M., Ampoule hypodermiques. Nouveau mode de préparation des solutions pour les injections hypodermiques. Bull. Gen. Therap. Med. Chirurg. No. 110 (1886), 316-319.

e., Subcutane Injectionen. Pharm. Ztg. 31 (1886), 274.

On sterilized hypodermic injection fluids. Ther. Gazette 10 (3rd Ser., Vol. II, No.3) (1886), 541-542.

»Dr. Friedländer, of Berlin, and M. Limousin, of Paris, will be entitled to equal shares of the credit of this invention.«, a.a.O.

s., Sterilisierte Subcutan-Injektionen. Pharm. Centralhalle 29 (1888) 189-190. Gottfried Schramm (wie Anm. 2, S. 93) bietet ein auf 1883 datiertes Literaturzitat, das die Ampulle präzise beschreibt. Damit wäre die Erfindung bereits mindestens drei Jahre vor Limousin und Friedländer gemacht worden. Das Zitat ließ sich allerdings bisher nicht verifizieren, die a.a.O. genannte Quelle ist offensichtlich falsch. Auch Einsicht in den Nachlass des Autors konnte keine Klärung bringen. Vgl. Schriftl. Auskunft Frau Hertha Schramm v. 12.1.2012.

So fälschlich www.personenlexikon.net/d/friedlaender-carl/friedlaender-carl.htm (1.5.2012) und https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Friedländer (1.5.2012). www.kugener.com/abfrage.php?id=0073 (1.5.2012) nennt einen Paul Friedländer (1857-1923).

Kohler, W., Mochmann, H., Carl Friedländer (1847–1887) und die Entdeckung des »Pneumoniecoccus« –Zum Gedenken an seinen 100. Todestag. Zschr. Ärztl. Fortb. 81 (1987) 615-618.

Universitätsarchiv Freiburg B42/636. Für die Hilfe bei den Nachforschungen bedanke ich mich bei Herrn Aljoscha Harmsen, Freiburg, recht herzlich.

Friedländer, L., Beitrag zur Kenntnis der aus Cyanhydrinen von Aldehyden und Ketonen darstellbaren Amidosäuren. Freiburg 1882 (Druckfassung Berlin 1882). Univ.-Archiv Freiburg D29/2/966. Warum die Promotion in Freiburg erfolgte, ist unklar. Tiemann war ursprünglich Apotheker, zu Leben und Werk vgl. Schwarz, H.-D., in: Dt. Apoth.-Biogr. II (1978), 678-679.

Pharm. Ztg. 25 (1880) 727; Apothekensitzverhältnisse in Berlin, Pharm. Ztg. 31 (1886) 487. Zur Strauß-Apotheke vgl. Reinhard, F., Apotheken in Berlin. Von den Anfängen bis zur Niederlassungsfreiheit 1957. Eschborn 1998, S. 87.

Univ.-Archiv Freiburg B42/636; die im Anlagenverzeichnis zum Promotionsantrag aufgeführte Kopie der Apothekenkonzession fehlt in den Unterlagen.

Apothekenbesitzverhältnisse (wie Anm. 16); Reinhard (wie Anm. 16), S. 70-72.

Gelder, H., Zur Geschichte der privilegierten Apotheken Berlins. Pharm. Ztg. 70 (1925) 108-111, 471-473, 490-492, hier S. 492.

Die wissenschaftliche Ausstellung der 59. Versammlung deutscher Naturforscher und Aertze in Berlin, IV. Schluss. Pharm. Ztg. 31 (1886), 1310. Hier fälschlicherweise C. Fried­länder.

Zur Übersicht vgl. Schramm (wie Anm. 2), 94-101.

Vgl. hierzu jüngst ausf. Friedrich, C., Dr. Kade. Die Geschichte eines pharmazeutischen Familienunternehmens. Berlin 2012.

s., Sterilisierte Subcutan-Injectionen. Pharm. Centralhalle 29 (1988), 122-123.

 

Kontakt

Privatdozent Dr. Axel Helmstädter

Govi-Verlag

Carl-Mannich-Straße 26

65760 Eschborn

 

zugleich Institut für Geschichte der Pharmazie

Universität Marburg

helmstaedter(at)govi.de

Mehr von Avoxa