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Krankenversicherung

Kampf der Systeme

08.05.2012  18:28 Uhr

Von Anna Hohle / Seit Wochen diskutieren Politik und Versicherer darüber, ob das duale System aus Privater und Gesetzlicher Krankenversicherung noch zukunftsfähig ist. GKV und PKV spielen sich dabei wechselseitig den Schwarzen Peter zu – und behaupten, das jeweils andere System habe ausgedient.

Die Debatte ist nicht neu, an Schärfe zugelegt hat sie allerdings seit Ende März. Der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn bezeichnete die Trennung beider Systeme in einem Interview mit der Tageszeitung »Die Welt« als »nicht mehr zeitgemäß«. Steigende Kosten und Beiträge würden insbesondere der Privaten Krankenversicherung (PKV) »existenzielle Probleme« bereiten (lesen Sie dazu auch Private Krankenversicherung: Spahn stellt die Systemfrage, PZ 12/2012).

Kurz darauf erschien eine Studie der Verbraucherzentralen, die Privat­ver­sicherten eklatante Beitrags­stei­gerungen ankündigte. Der Vorstand des Bundesverbands der Verbrau­cher­zentralen, Gerd Billen, wagte angesichts der Zahlen die Prognose, die PKV werde »sich selbst abschaf­fen«. Vertreter der PKV bezweifelten jedoch die Seriosität der Untersu­chung und hielten eigene Zahlen dagegen, die nur einen leichten Beitragsanstieg voraussagen.

 

Unterschiede verschwinden

 

Vertreter der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) nahmen die Kritik an der PKV bereitwillig auf. Anfang April veröffentlichte die Techniker Krankenkasse (TK) ein eigenes Gutachten, in dem sich Gesundheitsökonomen für eine Angleichung beider Systeme aussprechen. Der TK-Vorsitzende Norbert Klusen sagte angesichts der Veröffentlichung, der Unterschied zwischen Privatpatient und Kassenpatient müsse »verschwinden«. Auch AOK-Chef Jürgen Graalmann bezeichnete das Geschäftsmodell der PKV als »gescheitert« und forderte einen einheitlichen Versicherungsmarkt.

 

In der vergangenen Woche erschien nun eine Studie von McKinsey – diesmal im Auftrag der AOK. Demnach fehlen den privaten Krankenversicherungen jährlich 24 Milliarden Euro, um ihre Beiträge in den kommenden Jahren stabil zu halten. Um die hohen finanziellen Belastungen durch die steigende Lebenserwartung, den medizinischen Fortschritt und schlechtere Kapitalerträge auszugleichen, müssten die Privatversicherungen laut Studie die Beiträge jedes Mitglieds um 2700 Euro pro Jahr erhöhen.

 

PKV-Vertreter kritisieren die Untersuchung vehement und reagierten ihrerseits mit Zweifeln an der Zukunftsfähigkeit der Gesetzlichen Krankenversicherung. »Die AOK selbst bildet keinerlei Vorsorge für die steigende Lebenserwartung und die steigenden Gesundheitsausgaben«, sagte der Direktor des PKV-Verbandes, Volker Leienbach. Die PKV halte 150 Milliarden Euro Kapital bereit, während die AOK über keine Rücklagen verfüge. Außerdem kassiere die GKV milliardenschwere staatliche Zuschüsse. Ein eher zweifelhaftes Argument, denn der staatliche Zuschuss ist ein Ausgleich für versicherungsfremde Leistungen, die die Krankenkassen übernehmen. Die PKV ist daran überhaupt nicht beteiligt.

 

Laut AOK-Studie sind die Beiträge der PKV seit 1997 mit durchschnittlich 4,1 Prozent im Jahr doppelt so stark gestiegen wie die der GKV (2,2 Prozent). In den Jahren 2000 bis 2010 stiegen sie laut einer dpa-Meldung sogar um 74,6 Prozent. Leienbach relativierte diese Zahlen jedoch mit Blick auf die langfristige Entwicklung: Seit 1967 habe sich auch der Beitrag der GKV nahezu verzehnfacht.

 

Die bessere Alternative

 

In Stellungnahmen werfen sich Leienbach und Graalmann nun gegenseitig vor, mit dem jeweiligen Versicherungssystem nicht zukunftsfähig zu wirtschaften. Beide werten das eigene System als deutlich bessere Alternative. »Wir wollten die Frage beantworten, welches System die Menschen künftig unabhängig von Alter, Einkommen und gesundheitlicher Verfassung am besten versorgen kann. Und die Kassen stehen in diesem Wettbewerb nicht schlecht da«, sagte Jürgen Graalmann.

 

Volker Leienbach zufolge ist dagegen »nur die private Krankenversicherung nachhaltig und generationengerecht finanziert«, wie er sagte. »Je mehr Menschen und Leistungen kapitalgedeckt in der PKV abgesichert werden, desto besser für die Zukunft des Gesundheitswesens.« / 

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