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Dialyse

Patienten fordern finanzielle Hilfe

11.05.2010
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Von Nils Franke, Berlin / Deutschland hat doppelt so viele Dialyse- patienten wie die Niederlande oder Großbritannien. Tendenz steigend. Kosten: 2,5 Milliarden Euro jährlich. Die Dialyse ist damit eine der teuersten Behandlungen. Patienten fordern, die Heimanalyse attraktiver zu machen.

Deutschland hat mit einem enormen Anstieg der Dialysepatienten zu rechnen. Von heute rund 70 000 könne die Zahl 2020 schon auf 100 000 steigen, sich dann bis 2050 noch einmal verdoppeln, sagte Professor Dr. Jan Galle, Pressesprecher der Gesellschaft für Nephrologie, bei einer Podiumsdiskussion in Berlin. Zu dieser hatte das Bündnis Niere geladen, ein Interessenverband, dem der Bundesverband Medizintechnologie und Anbieter von Dialyseprodukten und -dienstleistungen wie Baxter und Fresenius angehören.

 

Grund seien die immer ältere Gesellschaft mit immer mehr multimorbiden Patienten, erläuterte Galle. »Drei bis vier Prozent Anstieg pro Jahr haben wir vermutlich auch im Moment,« sagte er mit Blick auf den Bericht zur Nierenersatztherapie QuaSi Niere 2007.

 

Seine Folgerung: Die Prävention ausbauen, Transplantationen von Nieren fördern und die Finanzierung der Dialyse sichern. Auch organisiere sein Verband bereits zahlreiche Fortbildungen für Ärzte, die Nachholbedarf hätten, Nierenversagen rechtzeitig zu erkennen.

 

Die Zahlen aus QuaSi Niere zeigten aber noch etwas ganz anderes, intervenierte Professor Dr. Günter Neubauer, Direktor des Instituts für Gesundheitsökonomik in München. 2003 habe die Politik zwar die Wochenpauschale für Dialysebehandlungen eingeführt. Dies habe zunächst auch einen Kostendämpfungseffekt gehabt. Seitdem stiegen die Kosten pro Patient durch immer höhere Sachkosten der Behandlung aber weiter. 2,5 Milliarden Euro geben die Kassen jedes Jahr für Dialysepatienten aus, sagte Neubauer.

 

Auffällig viele Dialysepatienten

 

»Auffällig ist, dass Deutschland sehr viele Dialysepatienten hat«, betonte der Ökonom, ohne sich auf eine Ursache festzulegen. Die Niederlande und Großbritannien hätten halb so viele Fälle. »Da muss was anders ablaufen. Wir haben hier offensichtlich einen Sonderstatus, über den man nachdenken muss.« Andere Länder hätten mehr Transplantationen und auch statt der geräteaufwendigen Hämodialysen mehr von den günstigeren Peritonealdialysen (PD).

 

Auch die Heimdialyse sei in Deutschland unterentwickelt. »5000 Euro Transportkosten pro Patient im Jahr zu den Dialysezentren müssen nicht sein.« Neubauer schlug vor, dem Patienten ein Budget zu geben und ihn selbst die Behandlung mit dem Arzt zusammen organisieren zu lassen. Was er einspare, solle er behalten. Mehrere Kassen hätten die rechtliche Machbarkeit bereits bestätigt. Aber keine tue es.

 

Hier widersprach jedoch Harald Möhlmann, Vorstandsbeauftragter der AOK Berlin-Brandenburg. Erstens seien die Ärzte keine Befürworter solcher Ideen. »Und sich mit den Ärzten zu prügeln, ist unbefriedigend.« Außerdem sei ein solches Budget derzeit in der Gesetzlichen Krankenversicherung nicht machbar. Sonst hätten die Kassen es längst getan. »Es muss hier erst eine Änderung durch die Politik erfolgen, damit man den Versicherten für die Selbstproduktion von Gesundheit Geld in die Hand geben kann.« Auch habe sich die Politik von der Umstellung auf die Pauschale erhofft, dass sich die PD stärker durchsetze. Dies habe sich nicht bestätigt.

Wolfgang Zöller (CSU), Patientenbeauf­tragter der Bundesregierung, räumte ein, die Gesetze seien bisher oft eher mit der Intention entstanden, Arztpraxen und Krankenhäuser zu erhalten, statt im Sinne der Patientenversorgung. Da müsse die Politik umdenken. Auch befürwortete er, die Prävention auszu­bauen. Er warnte jedoch davor, die Zahlen überzubewerten. In anderen Ländern seien die Patienten zum Teil bereits gestorben, bevor sie überhaupt Dialyse benötigten.

 

Peter Gilmer, Vorsitzender des Bundesverbandes Niere, prangerte als Patientenvertreter vehement falsche Anreize im System an. Heimdialyse setze voraus, dass ein Angehöriger dem Patienten helfe. Da aber Dialysepatienten automatisch verrentet würden, sei das Einkommen der Angehörigen umso wichtiger. Berufstätige Familienmitglieder könnten die Patienten jedoch nicht pflegen. Hier müsse die Politik einen finanziellen Ausgleich bereitstellen und Angehörige für die Pflegehilfe bezahlen.

 

Viele Wortmeldungen aus dem Publikum unterstrichen die Forderungen nach einer attraktiveren Heimdialyse. Wer die Dialyse zu Hause durchführe, müsse die dennoch gelegentlich nötigen Fahren zu Zentren dann selbst zahlen. Obwohl die Kasse durch die Heimdialyse spare. /

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