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Demenzprävention

Geistig aktiv bleiben

11.05.2010
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Von Annette Immel-Sehr / Was können Gesunde tun, um in späteren Jahren nicht an Demenz zu erkranken? Viele validierte Präventionsmöglichkeiten gibt es nicht. Fest steht aber, dass geistige und körperliche Aktivität das Demenzrisiko senken.

Immer mehr Menschen werden immer älter und in der Folge nimmt auch die Zahl von Demenz-Erkrankungen zu. Wie lässt sich einer Demenz vorbeugen oder zumindest der Krankheitsbeginn hinausschieben? Das wissenschaftliche Interesse an dieser Fragestellung hat in den letzten Jahrzehnten stetig zugenommen und umfasst heute ein breites Spektrum von Forschungsansätzen.

Neurologen, Psychologen, Sport­mediziner und Ernährungswissen­schaftler suchen mit dem Blick ihrer Fachrichtung nach Lösungen. Um es vorwegzunehmen: Die Da­tenlage ist uneinheitlich und zum Teil widersprüchlich. Klar ist aber, dass es nicht einen einzigen An­satz gibt, sondern eine Vielzahl möglicherweise präventiver Faktoren.

 

Ein wichtiges Thema ist die sogenannte adulte Neurogenese. Anders als früher angenommen entstehen täglich Tausende neue Neuronen aus Stamm- und Vorläuferzellen, vernetzen sich mit dem umliegenden Gewebe und unterstützen den Informationsfluss. Diese neuen Erkenntnisse haben die Vorstellungen von Struktur und Funktionsweise des Gehirns nachhaltig verändert. Noch ist unklar, welche Rolle den neu gebildeten Neuronen zukommt. Die Frage ist, ob sie in der Behandlung der altersbedingt nachlassenden Gedächtnisleistung oder sogar in der Kompensation demenzieller Veränderungen nützlich sein können. Derzeit ist dies jedenfalls eine zentrale Forschungshypothese. Anregen lässt sich die Neurogenese nach aktuellem Kenntnisstand durch körperliche und vor allem durch geistige Aktivität.

 

Prävention durch geistige Arbeit

 

Dementsprechend scheint ein geistig anspruchsvoller Beruf und ein hoher Schulabschluss ein Schutzfaktor gegen die Entwicklung einer Demenz zu sein. Darauf weisen große Altersstudien hin. Dabei ist allerdings fraglich, ob Menschen mit höherer Bildung tatsächlich ein niedrigeres Demenzrisiko besitzen oder ob sie auftretende Defekte einfach nur eine Zeit lang besser kompensieren können. Auch noch im höheren Lebensalter können Gedächtnistraining und intellektuelle Stimulation demenzpräventiv sein. Erste Hinweise auf das präventive Potenzial von strukturiertem Gedächtnistraining gab die 1991 begonnene Längsschnitt-Studie »Bedingungen der Erhaltung und Förderung von Selbstständigkeit im höheren Lebensalter« (SimA). Die Studie wurde von Professor Dr. Wolf D. Oswald und seinen Mitarbeitern in Nürnberg durchgeführt. Die Testpersonen, 375 selbstständig lebende Männer und Frauen im Alter von 75 bis 93 Jahren, nahmen ein Jahr lang entweder an einer Therapiegruppe (Gedächtnis-, Psychomotorik- und Kompetenztraining), einer Kombination der Therapiemodule oder in der Kontrollgruppe an keinem Training teil. Vor und nach den Trainingsabschnitten beziehungsweise im Abstand von zwölf Monaten wurden die Teilnehmer ausführlich untersucht. In den Gruppen mit Gedächtnistraining und der Kombination von Gedächtnis- und Psychomotoriktraining verbesserten sich die Gedächtnisleistungen, die Selbstständigkeit und die demenziellen Prozesse wurden verzögert (1).

 

Auch eine neuere randomisierte Studie aus Minnesota zeigt, dass gezieltes Training die Gedächtnisleistung und Konzentrationsfähigkeit von alten Menschen (über 65 Jahre) verbessert. Die knapp 500 Studienteilnehmer ohne Demenz waren in eine Testgruppe und eine aktive Kontrollgruppe aufgeteilt. Die Testgruppe führte an fünf Tagen pro Woche täglich eine Stunde ein Trainingsprogramm durch. Die Trainingseinheit endete nach acht Wochen mit einem erfreulichen Ergebnis für die Testgruppe: Sie zeigte signifikant bessere kognitive Leistungen als die Kontrollgruppe (2).

 

Die Suche nach der Evidenz von solchen Trainingsprogrammen ist allerdings etwas ernüchternd. In einer Meta-Analyse aus Zürich wurden 24 Studien ausgewertet, in denen gesunde ältere Menschen strukturierte Gedächtnistrainingsprogramme absolviert hatten. In der Gesamtauswertung zeigte sich zwar eine verbesserte Gedächtnisleistung der Testpersonen. Sie war jedoch nicht signifikant höher als bei den aktiven Kontrollgruppen, die nicht in strukturierten Programmen trainiert, sondern andere Aufgaben absolviert hatten (3). Eine australische Arbeitsgruppe kam bei der Auswertung von sieben randomisierten Studien zu dem Ergebnis, dass kognitives Training bei gesunden alten Menschen zu einer Steigerung der neuropsychologischen Leistungsfähigkeit führt (4). Welchen Einfluss dies allerdings auf den Ausbruch einer Demenz hat, wurde nicht festgestellt. Verschiedene andere Meta-Analysen zum Effekt von kognitivem Training finden keine Evidenz hinsichtlich Demenz. Doch die Wissenschaftler schließen daraus nicht, dass geistige Aktivität im hohen Lebensalter oder gar gezieltes Training einzelner Hirnfunktionen keinen protektiven Effekt haben. Die verschiedenen Studien, die sich mit den Fragestellungen befasst haben, sind so unterschiedlich im Ansatz, vor allem in der Dauer und der Art der durchgeführten Trainingsprogramme, dass daraus keine statistisch abgesicherten, allgemein gültigen Aussagen abgeleitet werden können.

 

Körperliche Fitness schützt

 

Belegt ist allerdings der Nutzen von Sport für die geistige Fitness. Zahlreiche tierexperimentelle Untersuchungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass körperliche Aktivität die Genexpression verschiedener neurotropher Faktoren induziert und unter anderem Einfluss auf die Neurogenese und die Eigenschaften von Synapsen, Nervenzellen und Hirnarealen (Neuroplastizität) nimmt. Diese neuroplastischen und neuroprotektiven Effekte sind insbesondere im Bereich des Hippocampus zu registrieren, eines der ersten Areale, das bei einer Alzheimer-Erkrankung Schaden nimmt. Menschen, die schon im mittleren Erwachsenenalter regelmäßig sportlich aktiv sind, senken offenbar ihr Demenzrisiko erheblich. Fünf von sieben prospektiven Studien, die den Zusammenhang zwischen Bewegungsgewohnheiten und Demenzrisiko bei älteren Menschen untersuchten, kamen zu diesem Ergebnis (5). Doch es ist nie zu spät: Auch wer erst im höheren Lebensalter mit regelmäßiger Bewegung beginnt, scheint sich noch einen gewissen Demenzschutz erarbeiten zu können.

Die oben zitierte SimA-Studie ergab übrigens, dass gerade die Kombination von gezielten Gedächtnisprogrammen mit psychomotorischem Training den besten Effekt zum Erhalt der geistigen Leistungsfähigkeit und der Alltagskompetenz bewirkte. Das relative Demenzrisiko war in der Gedächtnis-Psychomotorikgruppe 2,5-fach niedriger als in der untrainierten Kontrollgruppe.

 

Im Austausch mit anderen bleiben

 

Weitere Faktoren, die unter dem Begriff Lebensstil subsumiert werden können, scheinen Einfluss auf die Entstehung einer Demenz zu haben. Beispielsweise ist das menschliche Miteinander von großer Bedeutung. Bei fehlenden oder als unbefriedigend erlebten Kontakten zu Verwandten, Freunden, Bekannten und Betreuern zeigt sich ein deutlich erhöhtes Demenzrisiko – letztlich ist der Austausch mit anderen eben auch ein Training für das Gehirn.

 

Mittlerweile gibt es auch zahlreiche Hinweise, dass Polyphenole nicht nur vor kardiovaskulären Erkrankungen schützen, sondern auch neuroprotektiv wirken. Diese Substanzen sind in vielen Lebensmitteln enthalten, besonders reichlich in Obst und Gemüse. Der protektive Effekt geht vermutlich über die bekannte antioxidative Wirkung dieser Substanzen hinaus. Unklar ist noch, was die bisherigen In-vitro- und In-vivo-Befunde konkret für die Prävention und Therapie neurodegenerativer Erkrankungen bedeuten. Einige Ernährungsstudien zeigen jedoch, dass sich die Forschung in dieser Richtung lohnt. Eine amerikanische Studie (6) untersuchte den Zusammenhang zwischen Obstkonsum und dem Auftreten einer demenziellen Erkrankung bei über 65-jährigen japanisch-stämmigen Amerikanern. Nach sechsjähriger Beobachtungszeit hatten Personen, die mindestens dreimal in der Woche Früchte aßen oder Fruchtsaft tranken, signifikant seltener eine Demenz entwickelt als diejenigen, die diese Menge nicht erreicht hatten. In eine ähnliche Richtung weisen auch die Ergebnisse einer schwedischen Zwillingsstudie. Diese zeigte, dass ein hoher Verzehr von Obst und Gemüse im mittleren Erwachsenenalter das Demenzrisiko im Alter senkt (7). Weitere Aspekte des Lebensstils scheinen einen schützenden Einfluss vor demenziellen Erkrankung zu haben: Normalgewicht, regelmäßiger Coffein- und mäßiger Alkoholgenuss sowie ausreichend Schlaf. /

 

 

Literatur

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Oswald, W.D., Hagen, B., Rupprecht, R., Die SIMA-Studie: Training des Gedächtnisses und der Psychomotorik im Alter. Handbuch kognitives Training. Göttingen: Hofgrefe (2001): 467–490.

Smith, G.E., et al., A cognitive training program based on principles of brain plasticity: results from the Improvement in Memory with Plasticity-based Adaptive Cognitive Training (IMPACT) study. J Am Geriatr Soc (2009) 57(4): 594-603.

Zehnder, F., et al., Memory training effects in old age as markers of plasticity: a meta-analysis. Restof Neurol Neurosci (2009) 27(5): 507-520

Valenzuela, M., Sachdev, P., Can cognitive exercise prevent the onset of dementia? Systematic review of randomized clinical trials with longitudinal follow-up. J Am Geriatr Soc (2009) 17(3): 179-187.

Neumann, N.U., Frasch, K., Neue Aspekte zur Lauftherapie bei Demenz und Depression – klinische und neurowissenschaftliche Grundlagen. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin (2008) 59(2): 28-33.

Dai, Q., Fruit and Vegetable Juices and Alzheimer’s disease: The Kame Project. The American Journal of Medicine (2006) 119(9): 751-759.

Hughes, T.F., Midlife fruit and vegetable consumption and risk of dementia in later life in Swedish twins. Am J Geriatr Psychiatry (2010) 18(5): 413-420.

 

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