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Orphan-Drug-Forschung

Finanzielle Vorteile als Köder

11.05.2010
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Von Sven Siebenand, Frankfurt am Main / Lange Zeit bestand wenig Interesse, Arzneimittel für seltene Leiden zu entwickeln. Mit einer EU-Verordnung und einem Bündel von Anreizen hatte die stiefmütterliche Behandlung der Orphan Drugs ein Ende. Die Bilanz nach zehn Jahren Orphan-Drug-Act fällt positiv aus, ebenso die Prognose.

»Selten ist gar nicht so selten«, sagte Dr. Renate Dörner von Genzyme auf einer Pressekonferenz des Unternehmens in Frankfurt am Main. Immerhin gebe es zwischen 5000 und 7000 unterschiedliche seltene Erkrankungen, und in der Europä-ischen Union seien etwa 30 Millionen Menschen davon betroffen. In Deutschland lebten etwa vier Millionen Patienten. Noch in den 1990er-Jahren habe es für die Entwicklung von Orphan Drugs wenige Perspektiven gegeben. Aufgrund hoher Kosten und eines vergleichsweise kleinen Absatzmarktes zeigten große Firmen aus wirtschaftlichen Gründen nur geringes Interesse, kleine Unternehmen besaßen nicht mal ausreichend Kapital, ein Orphan Drug bis zur Marktreife zu entwickeln, so Dörner.

Der Orphan-Drug-Act aus dem Jahr 2000 hatte Auswirkungen: Mittlerweile sind Dörner zufolge 59 Orphan Drugs in Euro­pa zugelassen, mehr als 700 Projekte sind zudem noch als Orphan-Drug-Ent­wicklung angemeldet. Ausschlaggebend für diesen positiven Trend dürften die geschaffenen Anreize sein. So ködert die europäische Arzneimittelagentur EMA zum Beispiel mit dem direkten Zu­gang zum zentralisierten Genehmi­gungsverfahren und reduzierten Zulas­sungsgebühren. Normalerweise liegen diese sonst bei mehreren Hunderttau­send Euro, so Dörner. Ein weiteres Bon­bon für Pharmafirmen: Sie können Bera­tung und Hilfestellung bei der Erstellung von Zulassungsdossiers oder der Kon­zeption von klinischen Studien erhalten. Sehr attraktiv dürfte aber vor allem das zehnjährige Exklusivrecht bei der Ver­marktung in der zugelassenen Indi­kation sein, welches ab Zulassung gilt.

 

Kiloschwere Milz

 

Rund zwei Drittel aller zugelassenen Orphan Drugs kommen bei seltenen Krebsformen oder Stoffwechselerkran­kungen zum Einsatz. »Es gibt alleine mehr als 40 lysosomale Speicherkrank­heiten«, informierte Professor Dr. Claus Niederau von den Katholischen Kliniken Oberhausen. In seinem Vortrag ging der Gastroenterologe und Internist auf die bekannteste und häufigste Form, Morbus Gaucher, ein. Diese Erkrankung beruht auf einem genetisch bedingten Mangel oder auf einer verminderten Aktivität des lysosomalen Enzyms Glucocerebrosidase. Dieses ist für die Aufspaltung von Glucocerebrosiden verantwortlich. Diese Glykolipide werden beim Abbau der Membranen von Erythrozyten und Leukozyten freigesetzt. Bei fehlender oder unzureichender Aktivität des Enzyms reichern sich die nun nicht mehr abbaubaren Glucocerebroside in den Lysosomen der Makrophagen als Speichersubstanz an. Charakteristisch sind unter anderem die krankhaften Vergrößerungen von Milz und Leber. Niederau zufolge kann die Milz bis zu 50-mal größer sein als normal und macht bei einigen Betroffenen ein Drittel des gesamten Körpergewichts aus.

 

Mit Imiglucerase (Cerezyme®) steht seit den 1990er-Jahren eine rekombinant hergestellte Glucocerebrosidase zur langfristigen Enzymersatztherapie bei Morbus Gaucher zur Verfügung. Das Mittel wird alle zwei Wochen in der Haus- oder Kinderarztpraxis per Infusion verabreicht, so Niederau. Ein bis zweimal pro Jahr sollten die Patienten seiner Meinung nach zum Checkup zu einem Spezialisten in ein sogenanntes Gaucher-Zentrum kommen.

 

Prinzip der Substratverarmung

 

Für erwachsene Gaucher-Patienten, bei denen die Enzymsubstitutionstherapie nicht infrage kommt, gibt es seit einigen Jahren mit Miglustat (Zavesca®) eine weitere Therapieoption, die sogar oral verfügbar ist. Mit dieser verfolgt man das Prinzip der Substratverarmung. Der Wirkstoff blockiert das an der Synthese der Glucocerebroside beteiligte Enzym Glucosylceramidsynthase. Somit entstehen weniger Glucocerebroside. Die bei Gaucher-Patienten vorhandene Restmenge der körpereigenen Glucocerebrosidase reicht dann möglicherweise sogar aus, die nun in geringerer Menge entstehenden Glucocerebroside abzubauen. »Das erste Präparat dieser Klasse hat unter anderem Nervenschäden verursacht«, informierte Niederau. Es sehe aber nicht nach einem Klasseneffekt aus. Denn eine andere, in der Entwicklung befindliche Substanz dieser Gruppe, Eliglustat, sei in den bisherigen Untersuchungen allgemein gut verträglich gewesen. Eine Phase-II-Studie sei erfolgreich abgeschlossen worden. Im Februar 2010 hatte Genzyme bereits gemeldet, dass das Unternehmen bereits mit der Patientenrekrutierung für zwei globale Multicenterstudien der Phase III mit Eliglustat begonnen hat. Auf Nachfrage der PZ konnte das Unternehmen jedoch noch keine Auskunft dazu geben, wann es mit der Zulassung des Präparates rechnet und dieses dann tatsächlich auf dem Markt zur Verfügung gestellt werden kann. Enzymersatztherapie oder orale Substratreduktionstherapie? »Theoretisch könnte man beide Therapieformen auch kombinieren. Das fände ich einen interessanten Ansatz«, gab Niederau einen Ausblick auf weitere, mögliche Therapieformen der Zukunft. /

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