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Drogenbericht

Kein Grund zur Entwarnung

06.05.2008
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Drogenbericht

Kein Grund zur Entwarnung

PZ Die Zahl der Kampagnen gegen die Gesundheit gefährdende und süchtig machende Stoffe nimmt zu. Gegen den Missbrauch von Drogen scheint dennoch kein Kraut gewachsen. Der diesjährige Drogenbericht gibt wenig Anlass zur Freude. Das gilt auch für den Arzneimittelmissbrauch.

 

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing (SPD), hatte keine guten Botschaften: Ungeachtet aller Appelle gefährden sich immer noch Millionen Menschen in Deutschland durch Zigaretten, Alkohol und Medikamente. Die Zahl der Drogentoten steigt wieder. Der Drogen- und Suchtbericht 2008, den Bätzing am Montag in Berlin vorstellte, gibt wenig Anlass zur Freude.

 

Zu den vielfältigen Ursachen zähle das gestiegene Alter der Abhängigen, heißt es in dem Bericht. Im Vorjahr war die Zahl der Drogentoten auf den niedrigsten Stand seit 1989 gesunken. Der Konsum illegaler Drogen insgesamt ist rückläufig. Zuletzt nahmen noch 5,4 Prozent der 18- bis 59-Jährigen mindestens einmal im Jahr solche Rauschmittel. Immerhin greifen etwas weniger Menschen zu harten Drogen. Im vergangenen Jahr konsumierten 200.000 Menschen Opiate, Cocain, Amphetamine oder Halluzinogene. Nach Jahren des Rückgangs stieg die Zahl der Drogentoten seit 2006 wieder um 98 auf 1394 Menschen an.

 

Dramatisch entwickelt sich weiterhin der Alkoholkonsum von Jugendlichen. Jeder vierte Jugendliche betrinkt sich einmal im Monat hemmungslos. Die Zahl der mit Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingelieferten Kinder und Jugendlichen verdoppelte sich seit 2000 auf zuletzt 19.500 Patienten im Jahr, sagte Bätzing. »Die problematischen Konsummuster nehmen vor allem bei jungen Menschen zu«, erläuterte sie.

 

Nach der höheren Besteuerung süßlicher Alkopops 2004 seien viele Jugendliche auf Bier, bier- und weinhaltige Mixgetränke und Spirituosen ausgewichen, sagte Bätzing. So tranken 12- bis 17-Jährige 2007 durchschnittlich 50,4 Gramm Alkohol pro Woche - fast vier 0,3-Liter-Flaschen Bier. 2005 waren es noch 34,1 Gramm. Alkoholexzesse wie »Koma-Saufen« oder »Binge Drinking« gebe es in allen Schichten.

 

Bätzing machte vor allem unbekümmerte Alkoholwerbung für das Problem verantwortlich. Sie forderte eine wirkungsvollere Selbstkontrolle der Alkoholwirtschaft. Zudem beklagte sie Mängel bei der Umsetzung des Jugendschutzes. So müsste das Verkaufsverbot an Minderjährige strenger kontrolliert werden, auch der umstrittene Plan von jugendlichen Testkäufern sei »noch nicht komplett abgeschrieben«. Laut Bericht sterben 42.000 Menschen jährlich an den Folgen ihres Alkoholmissbrauchs. »Wir müssen hier handeln«, sagte Bätzing.

 

Die Bundesregierung will ihr Engagement gegen den Alkoholmissbrauch grundsätzlich weiter ausbauen. Sabine Bätzing: »Derzeit bereiten wir ein nationales Aktionsprogramm zur Alkoholprävention vor, das in den nächsten Monaten beraten wird. Dort werden auch die jugendlichen Konsumentinnen und Konsumenten besonders berücksichtigt. Ein Beispiel für gesetzliche Maßnahmen ist das im letzten Jahr eingeführte Alkoholverbot für Fahranfängerinnen und Fahranfänger in der Probezeit. Ebenso wichtig sind aber auch Aufklärungskampagnen.«

 

Weniger jugendliche Raucher

 

Etwas besser als beim Alkohol sieht es beim Rauchen aus. Nachdem die Entwicklung bei der Zahl junger Raucher noch vor einigen Jahren Anlass zur Sorge gab, scheinen die umfangreichen Anti-Raucher-Kampagnen in Deutschland erfolgreich zu sein. Weniger Erwachsene lebten Tabakkonsum vor. Jugendliche rauchen wieder weniger. Bätzing bezeichnete es als »sehr erfreulich«, dass der Anteil der Raucher unter den Jugendlichen in den vergangenen sechs Jahren von 28 auf 18 Prozent gesunken ist. Mit dem Raucheranteil habe auch die Zahl junger Gelegenheitskiffer abgenommen: 13 Prozent der Jugendlichen probierten Cannabis schon einmal - nach 22 Prozent drei Jahre zuvor.

 

Trotz der Rauchverbote bleibt die Zigarette der Killer Nummer eins unter den Drogen. Nach dem Drogen- und Suchtbericht starben im Jahr 2007 rund 140.000 Menschen in Deutschland durchs Rauchen und 3300 durch Passivrauchen. Immer noch rauchen 16 Millionen Menschen in Deutschland. 9,5 Millionen Menschen trinken laut Bericht zu viel Alkohol. 1,3 Millionen sind abhängig.

 

Weiterhin erschreckend hoch ist auch die Zahl der Medikamentenabhängigen. Fast 1,5 Millionen Menschen sind abhängig von Medikamenten, vorwiegend von Schlafmitteln. Rund 70 Prozent der Abhängigen sind Frauen. Nach dem Drogenbericht haben 5 bis 6 Prozent der verordneten Arzneimittel ein hohes Suchtpotenzial.

 

Nach wie vor sind die meisten Menschen von Benzodiazepinen abhängig. Ihre Zahl ist jedoch rückläufig, da die Substanzen seltener verordnet werden. Allerdings werde dies durch die zunehmenden Verordnungen der Benzodiazepinrezeptoragonisten Zolpidem und Zopiclon weitgehend kompensiert. Besonders stark betroffen von der Sucht sind Senioren, da ihnen diese Präparate am häufigsten verordnet werden. So erhalten nach Angaben des Suchtberichts bis zu 8 Prozent der Frauen über 70 Jahren eine Langzeitmedikation von Benzodiazepinen. Nach einer Untersuchung von 1998 nehmen sogar 20 Prozent der Menschen zwischen 61 und 79 Jahren psychotrope Medikamente. Die volkswirtschaftlichen Kosten des Medikamentenmissbrauchs beziffert Bätzing mit Verweis auf eine Untersuchung der Bundesärztekammer auf 14 Milliarden Euro.

 

Kampf gegen Arzneiabhängigkeit

 

Die Bundesregierung will das Problem in Zukunft stärker bekämpfen und den Betroffenen besser helfen. So sollen mit neuen Wohnformen und Mehrgenerationenhäusern Strukturen gefördert werden, die Senioren wieder stärker in die Gesellschaft einbinden und so ihre psychosoziale Belastung, einer der Hauptgründe für Psychopharmaka-Abhängigkeit, reduzieren.

 

In dieselbe Richtung zielt auch der im November 2007 vorgestellte Aktionsplan des Bundesministeriums für Gesundheit zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) in Deutschland. Er sieht Maßnahmen und ein Forschungsprojekt vor, mit dem die AMTS in Alten- und Pflegeheimen analysiert und anschließend Möglichkeiten einer schnellen und effizienten Intervention bei Missbrauch entwickelt werden.

 

Die Bundesregierung will aber auch die Heilberufler in die Pflicht nehmen. Der erste Schritt bei der Bekämpfung der Arzneimittelsucht sei eine sorgfältige Diagnostik und Beratung, um das Problem der Medikamentenabhängigkeit frühzeitig zu erkennen und passend zu reagieren. Ärzten und Apothekern komme hier eine besondere Verantwortung zu, heißt es im Drogenbericht. Die Heilberufler kontrollierten den Zugang zu den Medikamenten mit Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial.

 

Ziel aller Bestrebungen sei es, medikamentenabhängige Menschen frühzeitig zu erreichen und ihnen eine adäquate Hilfe in den Beratungs- und Behandlungseinrichtungen der Suchtkrankenhilfe und der medizinischen Versorgung zu vermitteln.

 

Hier gibt es allerdings Nachholbedarf. Zwar verfüge Deutschland über ein großes Netz an Suchthilfeeinrichtungen, die auch den Arzneimittelabhängigen offen stünden. Spezielle Einrichtungen für Medikamentensucht seien bislang jedoch selten.

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