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Suchterzeugende Medikamente

Kritischer Gebrauch bei Frauen

Zigaretten sind out, dafür sind Wasserpfeife und Co. im Kommen. Das und anderes zeigt der Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung 2018. Alkohol bleibt demnach das größte Problem in Deutschland. Auch psychoaktive Medikamente führen viele Menschen in die Abhängigkeit, vor allem Frauen.
Anna Pannen
18.10.2018
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Marlene Mortler (CSU), Drogenbeauftragte der Bundesregierung, hatte diese Woche gute Nachrichten im Gepäck: Kinder und Jugendliche in Deutschland rauchen immer seltener und trinken auch immer weniger Alkohol, erklärte sie bei der Vorstellung des jährlichen Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung am Donnerstag. 2017 sei ein weiterer Rückgang festgestellt worden.

Die junge Generation geht also bewusster mit Suchtmitteln um. Was laut Mortler allerdings kein Grund ist, sich auszuruhen. Denn noch immer kosten Suchterkrankungen die deutsche Volkswirtschaft jedes Jahr mehr als 120 Milliarden Euro und stürzen Millionen Menschen ins Unglück. Jeder sechste Deutsche etwa trinkt Alkohol in gesundheitsschädlichem Ausmaß. Und so mancher Tabakfreund, der keine Zigaretten mehr raucht, steigt einfach auf E-Zigarette oder Wasserpfeife um, gerade auch Jüngere.

»Wir können noch nicht sagen, dass wir am Ziel sind«, erklärte Mortler. »Ich will weniger Alkoholkonsum, weniger Drogentote, weniger Raucher und mehr Hilfe für Kinder aus suchtbelasteten Familien«, stellte die Politikerin klar. Sie forderte, das Thema Sucht dürfe nicht nur in Fachkreisen diskutiert werden. Das Sprechen darüber solle vielmehr auch im Alltag kein Tabu sein, schließlich wirkten Abhängigkeitserkrankungen sich auch auf Arbeit und Freizeit aus.

Junge Frauen nehmen häufiger Psychopharmaka

Laut Bericht verändert sich der Konsum von Medikamenten mit Abhängigkeitspotenzial. Zwar hat sich der Gesamtverbrauch dieser Mittel bei den 60- bis 79-Jährigen in den vergangenen Jahrzehnten nicht signifikant erhöht. Allerdings steigt die Zahl der jüngeren (18- bis 59-jährigen) Patienten, die Psychopharmaka klinisch relevant konsumieren. Vor allem Frauen sind betroffen. Gebrauchten im Jahr 2000 noch 4 Prozent der Frauen dieser Altersklasse psychoaktive Arzneimittel kritisch, waren es 2015 schon 5,5 Prozent. Auch nehmen mehr dieser Patientinnen die Mittel nicht nur ab und zu, sondern mindestens einmal wöchentlich ein. Ihr Anteil stieg von 20 auf 37 Prozent.

Insgesamt zeigen die Statistiken, dass immer mehr Menschen in Deutschland Antidepressiva einnehmen, was den Autoren des Suchtberichts zufolge auch Folge einer besseren Diagnostik und Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen ist. Statt Benzodiazepinen verordnen Ärzte häufiger Z-Substanzen wie Zolpidem, obwohl auch diese ein Abhängigkeitspotenzial aufweisen.

Sorge macht den Autoren, dass Mediziner mehr Patienten mit nicht tumorbedingten chronischen Schmerzen  Opioide verschreiben, obwohl sie für diese Erkrankungen in der Regel nicht indiziert sind. Einer Studie aus dem Jahr 2017 zufolge lang der Anteil der Schmerzpatienten ohne Tumor mit Opioid-Langzeitverschreibungen unter allen gesetzlich Versicherten zuletzt bei 1,3 Prozent. Das seien zu viele, so die Fachleute. Bei 0,56 Prozent dieser Menschen war bereits ein Missbrauch oder eine Abhängigkeit festgestellt worden. Allerdings waren die für die Untersuchung verwendeten Zahlen nicht ganz neu, sondern stammten aus dem Jahr 2012.

Hat ein Patient erst einmal eine Abhängigkeit von einem Arzneimittel entwickelt, kommt er davon oft nur mit Hilfe einer monatelangen Therapie wieder los. Im Jahr 2017 haben laut Deutscher Rentenversicherung allerdings nur 572 Versicherte eine stationäre Entwöhnungsbehandlung wegen einer Medikamentenabhängigkeit begonnen, obwohl viele Weitere betroffen sein müssten. 119 Patienten beantragten 2017 einen ambulanten Entzug.

Die medizinische Verwendung von Cannabis taucht im Drogen- und Suchtbericht ebenfalls auf, allerdings nur am Rande. Die Autoren weisen lediglich darauf hin, dass es nur für einige Krankheiten eine gute Studienlage zur positiven Wirkung von Cannabis-Arzneimitteln gebe, etwa für Spastiken infolge einer Multiplen Sklerose und für Schmerzen aufgrund von rheumatischen Erkrankungen. Für viele weitere Diagnosen werde Cannabis zwar bereits verordnet, hier sei Studienlage aber moderat bis schwach, so die Experten. Von einer grundsätzlichen Legalisierung von Cannabis will Drogenbeauftragte Mortler weiterhin nichts wissen. Stattdessen müsse man die Menschen besser zur Wirkung der Pflanze beraten, sagte sie.

Foto: Shutterstock/MikeDotta

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