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Drogen- und Suchtbericht

S3-Leitlinie zu Medikamentensucht soll Anfang 2020 kommen

Der neue Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung thematisiert auch wieder die Abhängigkeit von Medikamenten. Neben Schmerz- und Beruhigungsmitteln sind es die hohen Psychopharmaka-Raten bei Älteren, die den Autoren Sorgen machen. Auch auf die geplante S3-Leitlinie zu medikamentenbezogenen Störungen weisen sie hin.
Daniela Hüttemann
06.11.2019
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Das Kapitel zu den Medikamenten beginnt mit Altbekanntem: »4 bis 5 Prozent aller verordneten Arzneimittel besitzen ein eigenes Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial«, lautet der erste Satz. Es werden teils ältere, teils neue Daten für spezifische Altersgruppen oder Medikamentenklassen genannt. Dabei bezieht sich der Drogen- und Suchtbericht 2019 auf Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI), der DEGS1-Studie mit Daten aus den Jahren 2008 bis 2011, sowie des Münchener Instituts für Therapieforschung (IFT) auf Basis von Daten des Epidemiologischen Suchtsurveys (ESA) 2018.

Insgesamt konstatiert der Bericht, dass der klinisch relevante Medikamentengebrauch seit dem Jahr 2000 gestiegen sei. Er liege bei Frauen weiterhin höher als bei Männern. In der wichtigsten Gruppe potenziell abhängig machender Medikamente, den Schmerzmitteln sowie den Schlaf- und Beruhigungsmitteln, zeigten sich bei den 18- bis 20-jährigen Frauen höhere Prävalenzen als bei den gleichaltrigen Männern. Mit zunehmendem Alter steige die Prävalenz für die beiden Arzneimittelgruppen bei den Männern an, während sie bei den Frauen sinke. In dem im September  veröffentlichten Suchtsurvey im »Deutschen Ärzteblatt« war von 1,6 Millionen Schmerzmittelabhängigen in Deutschland die Rede gewesen.

Ein Abschnitt befasst sich mit dem Arzneimittelgebrauch bei älteren Menschen. Demnach stieg der Anteil der Personen mit Polypharmazie an. »Dem Anstieg in der Prävalenz des Gebrauchs synthetischer Antidepressiva, Antidementiva, opioidhaltiger Analgetika und Antiepileptika könnten eine effizientere Diagnostik, eine größere Auswahl verfügbarer Arzneimittel, eine verbesserte Gesundheitsversorgung der Älteren und eine bessere Umsetzung von medizinischen Leitlinien zugrunde liegen«, heißt es im Drogen- und Suchtbericht. »Die Abnahme der Benzodiazepin-Anwendungsprävalenz und die Verschiebung in Richtung Z-Substanzen könnten die wachsende Sorge bezüglich der Nebenwirkungen von Benzodiazepinen und eine vermehrte Anwendung der Leitlinien widerspiegeln.«

Vorsicht bei Psychopharmaka

Der Bericht empfiehlt, vor allem den Gebrauch von Psychopharmaka bei älteren Menschen kontinuierlich zu beobachten und in regelmäßigen Abständen sorgfältig zu überprüfen. Dies sei nicht nur angezeigt, weil einige Psychopharmaka wie Neuroleptika ein enges therapeutisches Fenster haben, sondern auch, weil Psychopharmaka wie Benzodiazepine und Opioide ein hohes Abhängigkeits- und Missbrauchspotenzial aufweisen. Der Bericht weist auch daraufhin, dass ein wesentlicher Anteil von Psychopharmaka, der älteren Menschen verschrieben wird, gemäß den Kriterien für unangemessenen Arzneimittelgebrauch als nicht geeignet für diese Altersgruppe anzusehen sei.

Aufgrund der Verbreitung und der medizinischen Bedeutung des Medikamentenmissbrauchs werde seit Mai 2018 eine S3-Leitlinie zu medikamentenbezogenen Störungen entwickelt. Gegen Ende des Jahres soll eine letzte Konsensuskonferenz stattfinden mit anschließender öffentlicher Konsulation. Die neue Leitlinie soll dann Anfang 2020 veröffentlicht werden. Auch die Apothekerschaft ist durch die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) stimmberechtigt vertreten.

Von medizinischem Cannabis bis zu Heroin

Im Bereich zum Medizinalcannabis findet sich nicht viel Neues. Eine erste Auswertung habe gezeigt, dass vor allem Schmerzpatienten im Alter von 50 bis 59 Jahren Cannabis auf Rezept erhalten. 69 Prozent der Patienten mit Cannabis-Verordnung erhielten diese aufgrund von Schmerzen, 11 Prozent wegen einer Spastik sowie 8 Prozent wegen einer Anorexie oder ungewollter Gewichtsabnahme. Insgesamt lag bei 22 Prozent der Cannabis-Patienten eine Tumorerkrankung vor.

Am häufigsten mit 63 Prozent wurde Dronabinol verordnet, gefolgt von den Blüten (23 Prozent) und dem Fertigarzneimittel Sativex (12 Prozent). Als häufigste unerwünschte Wirkungen traten Müdigkeit (15 Prozent), Schwindel (11 Prozent), Übelkeit (7 Prozent), Schläfrigkeit (7 Prozent), Aufmerksamkeitsstörungen (6 Prozent) und Gleichgewichtsstörungen (4 Prozent) auf.

Illegal konsumiertes Cannabis bleibt nach wie vor die am häufigsten konsumierte Droge, sowohl bei den Jugendlichen als auch den Erwachsenen. »19 Prozent der Jugendlichen gaben an, in ihrem Leben Cannabis konsumiert zu haben, bei den jungen Erwachsenen (18 bis 25 Jahre) waren dies 42,5 Prozent«, heißt es in der Pressemitteilung zum Drogen- und Suchtbericht.

Heroin, neue psychoaktive Stoffe und Kokain seien dagegen insgesamt weniger konsumiert worden. Opioid-haltige Substanzen seien aber weiterhin die Hauptursache für Todesfälle. Die Zahl der Drogentoten blieb mit 1.276 Personen im Jahr 2018 relativ konstant zum Vorjahr mit 1.272 Personen.

Die neue Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig (CSU), sprach sich für eine flächendeckende Substitution aus. »Hierfür müssen wir mehr Ärzte gewinnen und erreichen, dass auch die nächste Generation der Ärzteschaft sich für die Gesundheit aller Menschen in diesem Land stark macht.« Die Legalisierung eines Eigenbedarfs harter Drogen wie Heroin und Kokain lehnte sie dagegen entschieden ab.

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