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Stiftung Warentest

Apothekenberatung gut bis ausreichend

30.04.2014  10:31 Uhr

Von Daniela Biermann / Die Stiftung Warentest hat wieder einmal stichprobenartig die Beratung in Apotheken überprüft. Das Ergebnis ist besser als beim letzten Mal, aber immer noch nicht rühmlich. Medien und Krankenkassen nahmen die Kritik wieder gern auf.

Geschulte Tester besuchten im Auftrag von Stiftung Warentest mehrmals 21 Apotheken im Raum Dresden, Hannover und Frankfurt am Main. Außerdem bestellten sie bei 15 deutschen und zwei europäischen Versandapotheken. Vier Vor-Ort-Apotheken schnitten gut, zwölf befriedigend und fünf nur ausreichend ab. Bei den Internetapotheken sieht das Ergebnis ähnlich aus: Vier gelten als gut, sieben als befriedigend, fünf als ausreichend und eine als mangelhaft. Die genauen Ergebnisse wurden in der Mai-Ausgabe des Magazins »Test« sowie unter www.test.de veröffentlicht.

Zu wenige Nachfragen

 

Schwerpunkt der Bewertung war die fachliche Beratung. So überprüften die Tester drei Szenarien zu Wechselwirkungen, drei zur Selbstmedikation und forderten eine falsch dosierte Rezeptur an. Nach Aussage von Stiftung Warentest erkannte nur eine Apotheke alle wichtigen Wechselwirkungen, die teils nur auf Nachfrage festzustellen waren. Größter Kritikpunkt: Das pharmazeutische Personal vor Ort und an den Telefonhotlines hakte zu wenig nach, sowohl bei den Patienten als auch bei den verschreibenden Ärzten. Tatsächlich waren die Testszenarien dieses Mal äußerst realitätsnah und das Wissen zu Wechselwirkungen war bei den Apothekern vermutlich vorhanden (siehe Kasten) – das nutzt nur leider nichts, wenn man Rezept oder Selbstmedikationswunsch des Patienten nicht hinterfragt.

Die Aufgaben der »Test«-Redaktion

Im Fall eins ging es um die Wechselwirkung zwischen Tamoxifen und Paroxetin, beides auf einem Rezept verordnet (von zwei lokalen und sieben Versandapotheken erkannt). Tamoxifen soll nach einer überstandenen Brustkrebserkrankung ein erneutes Tumorwachstum verhindern. Der Serotonin-Reuptake-Hemmer Paroxetin hemmt das CYP2D6-Enzym, welches das Prodrug Tamoxifen in seine aktive Wirkform Endoxifen überführt. Der Arzt sollte auf ein anderes Antidepressivum wie Citalopram ausweichen.

 

Bei Fall zwei sollte eine Medikationsliste mit sieben Präparaten überprüft werden, darunter Rivaroxaban (Xarelto®), Johanniskraut, Itraconazol und ASS. Vier Offizinen und fünf Versandapotheken erkannten, dass Johanniskraut über das CYP-System sowie das P-Glykoprotein die Wirksamkeit des Gerinnungshemmers Rivaroxaban senkt, während das Antimykotikum Itraconazol über dieselben Mechanismen das Blutungsrisiko steigert. Auch ASS stand auf der Liste. Hier sind Paracetamol oder Ibuprofen bessere Alternativen, um schwere Blutungen in Kombination mit Rivaroxaban zu vermeiden.

 

Im dritten Fall ging es um eine Osteoporose-Patientin. Das vom Arzt empfohlene Calcium stört die Resorption der verschriebenen Alendronsäure. Einfache Maßnahme: Zeitlich versetzt mit mindestens 30 Minuten Abstand einnehmen. Acht Apotheken lieferten diesen Hinweis nicht einmal auf Nachfrage.

 

Bei Aufgabe vier war der Wunsch nach einem Isoflavon-Präparat gegen Wechseljahrbeschwerden zu hinterfragen. Die Testerin litt vorgeblich unter starkem Schwitzen und, wie sich erst durch Nachfragen ergab, an einer Schilddrüsenfunktionsstörung, die das Schwitzen erklärt. Ein Isoflavon-Präparat hilft hier nicht. Nur vier Vor-Ort- und drei Versandapotheken fanden das heraus. Ein Drittel der Präsenz- und die Hälfte der Internetapotheken riet zum Arztbesuch. Die meisten empfahlen das Präparat (Femi Flavon) nicht oder nur kurzfristig.

 

In Fall fünf forderten die Tester Umckaloabo gegen Halsschmerzen. Für diese Indikation ist es nicht zugelassen und hat keinen Wirksamkeitsnachweis. Noch dazu stellte sich auf Nachfrage heraus, dass die Halsschmerzen schon länger bestehen und schlimmer werden. 15 von 21 lokalen Apotheken empfahlen passendere Alternativen, bei den Versendern taten dies nur 6 von 17. Hinweise auf mögliche Interaktionen und Nebenwirkungen sowie der Verweis an einen Arzt aufgrund der Symptome fehlten bei vielen.

 

Im sechsten Fall ging es um Vomex-A-Suppositorien für ein zweieinhalbjähriges Kind mit Brechdurchfall. Die meisten lokalen Apotheken fragten gründlich nach Symptomen, Dauer und Flüssigkeitsaufnahme und gaben gute Empfehlungen. Die Versender waren nicht so gründlich. Vier örtliche Apotheken empfahlen jedoch die fünffach höhere Erwachsenendosis. Insgesamt wurde zu selten von dem Mittel abgeraten. /

 

Daniela Biermann

Im Erkennen von Wechselwirkungen waren die Versandapotheken insgesamt besser, während die lokalen Pharmazeuten umfassender zu rezeptfreien Medikamenten informierten. Vor allem bei der Rezeptur besteht Nachholbedarf: Zwei lokale und sieben Versandapotheken verweigerten die Anfertigung, zum Teil mit der Begründung, die Ausgangsstoffe seien beim Großhändler nicht lieferbar. Gefordert war eine im DAC/NRF verzeichnete Lösung zur Wundbehandlung auf Privatrezept, die verschriebene Konzentra­tion war jedoch zu hoch. Vier lokale und eine Versandapotheke fertigten die Lösung in falscher Konzentration an, zwei gaben eine höher konzentrierte industrielle Lösung ab. Neun Apotheken lieferten korrekt hergestellte und beschriftete Rezepturen. Der Preis variierte zwischen 7 und 65 Euro.

 

Kassen pochen auf Beratung

 

Viele Medien und die Krankenkassen nahmen die Kritik an den Apotheken auf. So pochte der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung da­rauf, Apotheker müssten ihrer Beratungspflicht angemessen nachkommen. »Die Versicherten haben das Recht auf eine gute Beratung durch den Apotheker«, sagte Verbandssprecher Florian Lanz. Schließlich erhielten die Apotheker für jedes verschreibungspflichtige Arzneimittel »gutes Geld aus den Portemonnaies der Beitragszahler«.

 

Die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände begrüßt Testkäufe grundsätzlich. »Wir werden die Ergebnisse intern intensiv diskutieren und jede berechtigte Kritik ernst nehmen, da wir an einer stetigen Qualitätsverbesserung arbeiten«, betonte die ABDA. Sie verwies darauf, dass 71 Prozent der Apotheken ein »gut« oder »befriedigend« erhielten, beim Testkauf im Jahr 2010 waren es nur 54 Prozent gewesen.

 

Die »Test«-Autoren geben den Patienten auch Tipps, wie sie selbst eine bessere Beratung einfordern können. Demnach sollten sie zum Beispiel Zeit und eine Liste ihrer Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel in die Apotheke mitbringen. Die Stiftung Warentest selbst hält die Beratung durch pharmazeutisches Personal für überaus wichtig. Zur Polymedikation schreibt sie: »Jemand sollte den Mix im Blick behalten. Wer könnte das besser als die Arzneimittelexperten in Apotheken?« /

Kommentar

Fairplay

Testkäufe in der Apotheke sind grundsätzlich eine gute Sache, solange die Regeln der Fairness dabei eingehalten werden. Das ist leider nicht immer der Fall. Bei den aktuellen Einkäufen der Stiftung Warentest gibt es am Fairplay aber nichts auszusetzen. Deshalb sollte man das nun veröffentlichte Ergebnis als Status quo hinnehmen und es als Chance begreifen, das Abschneiden beim nächsten Mal noch weiter zu verbessern. Dass Testeinkäufe offenbar etwas bringen und die Apotheker auf dem richtigen Weg sind, zeigt die Tatsache, dass sich die Beratungsqualität im Vergleich zu den Stiftung-Warentest-Einkäufen im Jahr 2010 schon deutlich verbessert hat. Luft nach oben gibt es aber offenbar noch.

 

Weniger fair ist dagegen die Interpretation der Ergebnisse in den meisten Tageszeitungen. Logischerweise steht das Ergebnis zur Beratung im Fokus der medialen Berichterstattung. Die anhaltende Rosinenpickerei der Versandapotheken geht aber leider in vielen Kommentaren vollkommen unter. Man hätte deutlicher darauf hinweisen dürfen, dass fast die Hälfte der Versender die Anfertigung einer individuellen Rezeptur schlichtweg ablehnte. Die Apothekerkammern sind hier gefordert, die Einhaltung berufsrechtlicher Verpflichtungen zu überprüfen. Zudem müsste der Gesetzgeber ein Interesse daran haben, dass das, was er von den öffentlichen Apotheken fordert, auch von den Versandapotheken geleistet wird.

 

Sven Siebenand
Stellvertretender Chefredakteur

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