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Der Bogen ist überspannt

30.04.2012  18:44 Uhr

Es war keine positive Bilanz, die der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbands, Fritz Becker, angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage vieler Apotheken zog. Umso schärfer waren seine Forderungen an die Politik.

Das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) hat viele Apotheken hart getroffen. Ende 2011 habe es in Deutschland insgesamt 203 Apotheken weniger gegeben als zu Jahresbeginn, sagte Becker. »Die Lage der Apotheken ist nicht nur angespannt, sie ist überspannt.« Mit dem AMNOG sollten bei den Apotheken 2011 und 2012 ursprünglich je 200 Millionen Euro eingespart werden. Dafür wurde der Kassenabschlag für diese Jahre auf 2,05 Euro angehoben. Doch bereits im vergangenen Jahr hätten die Apotheker aufgrund deutlich schlechterer Einkaufsbedingungen beim pharmazeutischen Großhandel den geforderten Gesamtbetrag von 400 Millionen Euro erbracht, sagte Becker. 2012 hätten sich die Konditionen noch einmal verschärft. »Sie haben einen noch nie dagewesenen, historischen Tiefstand erreicht.« Die Apotheken würden kaputtgespart und mit ihnen die gute Arzneimittelversorgung in Deutschland. Der Politik seien die Probleme bekannt, sie schaue jedoch bewusst weg. »Die Situation der rund 150 000 Apothekenmitarbeiter wird schlichtweg ignoriert.«

Angesichts der schwierigen Lage sprach sich Becker erneut für eine bessere Honorierung der Apotheker aus. »Seit neun Jahren sind wir von jeglichem wirtschaftlichen Wachstum abgekoppelt«, sagte er. Für jede abgegebene Arzneimittelpackung erhalten Apotheker seit 2004 eine Pauschale von 8,10 Euro sowie einen Zuschlag von 3 Prozent auf den Herstellerabgabepreis. Kosten und Aufwand seien in den vergangenen Jahren zum Teil deutlich gestiegen, das Honorar hingegen nicht. Hinzu kämen eine unzureichende Vergütung von Notdiensten und Rezepturen sowie ein zu geringes Honorar bei der Abgabe von Betäubungsmitteln, so Becker. »Mehrarbeit dürfen wir gerne leisten, aber eine gerechtfertigte Honoraranpassung billigt man uns nicht zu.«

 

Der DAV-Vorsitzende forderte klare Zuständigkeiten bei den Verhandlungen über eine bessere Vergütung. Diese müssen Bundeswirtschafts- und Bundesgesundheitsministerium gemeinsam regeln. Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) und Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) schöben die Verantwortung für eine Honoraranpassung aber hin und her und den Schwarzen Peter damit dem jeweils anderen zu. »Das Ergebnis: In unserer Sache tut sich nichts.« Für Ärzte, Zahnärzte und Krankenhäuser gebe es darüber hinaus automatische Anpassungsvorschriften beim Honorar. Becker verlangte eine solche Regelung auch für Apotheker. Dabei müsse es eindeutige Anpassungsfaktoren geben, an denen sich das Apothekenhonorar orientiert.

 

Als »richtig und politisch unterstützenswert« lobte Becker das Votum der Bundesländer für ein Verbot des Versandhandels mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln. »Auch eine späte richtige Erkenntnis ist eine gute Erkenntnis.« Die Regierungskoalition habe nun noch einmal die Chance, ihr Versprechen aus dem Koalitionsvertrag einzulösen und die Auswüchse des Versandhandels und damit die Pick-up-Stellen zu verbieten. Die Bundesregierung hat allerdings bereits erklärt, dass sie dem Vorstoß der Länder aufgrund verfassungsrechtlicher Bedenken nicht folgen will. Auch einen Vorschlag der ABDA für ein Verbot der umstrittenen Medikamenten-Abholstellen hatte die Koalition zuletzt abgelehnt.

 

Lob fand Becker auch für die anstehende AMG-Novelle. Darin will die Koalition klarstellen, dass deutsche Preisvorschriften auch für ausländische Versandapotheken gelten. Mit dieser Neuregelung gäbe es »wieder gleichlange Spieße zwischen den Präsenzapotheken in Deutschland und den Versendern aus dem Ausland«, so Becker. Er begrüßte zudem, dass sich die Regierung mit der neuen Apothekenbetriebsordnung letztendlich doch gegen Kiosk-Apotheken entschieden habe. »Diese Entscheidung war keine Klientelpolitik, es war eine Entscheidung für den Verbraucher und für die Arzneimittelsicherheit.«

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