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Demenzpatienten

Wenn die Nacht zum Tag wird

23.04.2014  10:36 Uhr

Von Brigitte M. Gensthaler / Die Umkehr des Schlaf-Wach-Rhythmus ist ein gefürchtetes Phänomen bei Demenzpatienten und ein häufiger Grund für eine Heimeinweisung. Nicht medikamentöse Maßnahmen und Melatonin können helfen, den normalen Rhythmus wiederzufinden.

Die Tag-Nacht-Umkehr zählt zu den herausfordernden Verhaltensweisen bei Demenzpatienten und belastet die Angehörigen und Pflegenden stark. Bei diesem Phänomen flacht die circadiane Rhythmik ab. Die Menschen sind tagsüber müde und schläfrig, abends und nachts aber wach und aktiv. Sie wollen spazieren gehen, essen, singen, rufen nach Bezugspersonen oder suchen Beschäftigung. Viele sind zudem leicht erregbar. Abendliche und nächtliche Erregungszustände werden auch als Sun-Downing-Syndrom bezeichnet. Die Tag-Nacht-Umkehr ist für die Pflegenden sehr kräftezehrend.

Ältere Demenzpatienten haben ein verändertes Schlafmuster mit verkürzten REM-Phasen und geringem bis fehlendem Tiefschlaf, informierte Pflegewissenschaftler Jürgen Georg beim Kongress »Dementia Care« in München. Sie nicken tagsüber häufig – bis zu 25 Mal – ein und brauchen abends länger zum Einschlafen, wollen aber oftmals früh ins Bett gehen. Georg sprach von einer »Vorverlagerung der Müdigkeits- und Schlafphasen«, die in eine Spätverlagerung umschlagen kann. Unbedingt sollte man auf körperliche Erkrankungen wie Schlafapnoe, Restless-Legs-Syndrom, Schmerzen oder Juckreiz achten. Werden solche Erkrankungen erkannt und behandelt, können die Menschen oft wieder schlafen.

 

Schlafkiller Langeweile, Angst und Medikamente

 

Die Tag-Nacht-Umkehr kann viele Gründe haben. Sehr häufig fehlen die sozialen und physikalischen Zeitgeber, sagte Georg. Sonnenlicht sei der stärkste Zeitgeber des Menschen, aber viele Demenzpatienten erleben kaum helles Licht. Zudem verhindern körperliche Inaktivität, Langeweile, eine als fremd empfundene Umgebung, Angst und Stress eine ruhige Nacht.

 

Auch Arzneimittel können Auslöser sein: Betablocker, lang wirksame Benzodiazepine, Haloperidol und Clonidin können den circadianen Rhythmus empfindlich stören, berichtete der Pflegeexperte. Dann sei mit dem Arzt zu klären, ob die Medikamente abgesetzt oder deren Dosierungen reduziert werden können.

 

Um den Tag-Nacht-Rhythmus wieder zu stabilisieren, empfahl Georg, einen klaren Tagesrhythmus mit regelmäßigen Essenszeiten und sozialen Kontakten zu schaffen. Wichtig sei, den Tagesschlaf schrittweise zu reduzieren und die Nickerchen auf die Zeit vor 13 Uhr zu begrenzen. Um Erschöpfung zu vermeiden, sollte man Ruhephasen anbieten, in denen der Demenzpatient aber nicht schläft. Der Referent plädierte für angepasste Aktivierungsangebote: »Es muss sich für die Menschen lohnen, tagsüber wach zu bleiben.«

 

Helles Licht und Melatonin

 

Ebenso wichtig sei viel helles Licht, beispielsweise durch Spaziergänge am Tag oder Sitzen am hellen Fenster (»Lichtdusche«). Lichttherapielampen mit 2500 bis 10 000 Lux können eine Stunde vor der Müdigkeitszeit eingeschaltet werden. Allerdings muss der Demenzkranke in der Lage sein, 30 bis 60 Minuten vor der Lampe zu sitzen und ins Licht zu schauen. Es gebe auch Kappen mit integrierten Lampen für Menschen mit Sitzunruhe und Laufdrang. Die Beleuchtungsstärke in Räumen muss mindestens 370 bis 550 Lux betragen.

 

Auch Melatonin kann den circadianen Rhythmus stabilisieren. Physiologisch steigt die Sekretion des Hormons aus der Zirbeldrüse kurz nach Einsetzen der Dunkelheit an, erreicht zwischen 2 und 4 Uhr nachts ihren Höhepunkt und fällt danach wieder. Bei älteren Menschen lässt die endogene Produk­tion häufig nach. Seit 2008 ist Melatonin als Retardarzneimittel zugelassen. Menschen mit Schlafstörungen sollen die 2-mg-Tagesdosis 60 bis 90 Minuten vor dem Schlafengehen einnehmen, erklärte Georg. Zum Vorverlagern einer späten Schlafzeit wird die Tablette entsprechend früher gegeben.

 

Regeln der Schlafhygiene beachten

 

Die Regeln der Schlafhygiene gelten natürlich auch für Demenzpatienten. Das Zimmer sollte gut temperiert sein, warme Hände und Füße erleichtern das Einschlafen. Der Pflegefachmann empfahl Wärme und durchblutungsfördernde Maßnahmen am Abend, zum Beispiel warme Wollsocken, heißen Tee oder ein Fußbad. Ihren Kaffee sollten die Menschen bis spätestens vier Stunden vor dem Schlafengehen trinken. Alkohol fördert zwar das Einschlafen, zerhacke aber die Schlafarchitektur in der zweiten Nachthälfte, sagte Georg. Ein beruhigendes Gespräch am Abend kann hilfreich sein. /

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