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Klima und Gesundheit

Die Dickmacher

24.04.2012
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Von Dieter Kaag / Falsche Ernährung und Bewegungsmangel führen nicht nur in den Industrienationen zu immer mehr fettleibigen Menschen. Die »Übergewichtspan­demie« ist gefährlich für Mensch und Umwelt.

An nichtübertragbaren Krankheiten sterben mittlerweile mehr Menschen als durch Infektionskrankheiten. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass von den 57 Millionen Todesfällen im Jahr 2008 63 Prozent auf das Konto von Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall, Krebs, chronische Bronchitis, Asthma und Diabetes gingen. Als Risikofaktoren für diese Krankheitsgruppen nennt die WHO hauptsächlich Tabak- und Alkoholkonsum, ungesunde Ernährung und Bewegungsarmut. Während weltweit immer noch etwa eine Milliarde Menschen Hunger leiden müssen, sind laut WHO gleichzeitig mehr Menschen, nämlich 1,3 Milliarden, zu dick.

In Deutschland sind nach Informationen der International Association for the Study of Obesity (IASO) über 18 Prozent der Kinder und über 60 Prozent der Erwachsenen übergewichtig. Am Beispiel Großbritanniens lässt sich die histori­sche Entwicklung des zunehmenden durch­schnittlichen Körpergewichts veranschaulichen. Während in den 1970er-Jahren etwa 3,5 Prozent der Menschen fettleibig waren, traf dies 1994 schon auf 14 Prozent zu und laut IASO im Jahr 2009 auf circa 24 Prozent.

 

Boyd Swinburn vom australischen WHO-Kollabo­rationszentrum für Übergewichts-Prävention und seine Kollegen betonen in »The Lancet« den Zusammenhang von falscher, das heißt in der Hauptsache zu kalorienhaltiger Ernährung, Bewegungsmangel und dem daraus folgenden Übergewicht und seinen Folgekrankheiten. In einem Buch zusammen mit dem australischen Professor für Gesundheitsförderung, Garry Egger, setzen die Autoren die zunehmende »Überge­wichts-Pandemie« in Beziehung zur wirtschaftlichen Entwicklung, dem vermehrten Ausstoß von Treibhausgasen und letztlich zum von Menschen gemachten Klimawandel. Darin betonen sie, dass Übergewicht keineswegs ein individuelles Problem willensschwacher Menschen darstellt, die sich der »Schlemmerei und Faulheit« hingeben, sondern »eine natürliche Antwort auf eine unnatürliche, das heißt dickmachende Umwelt«. Auch die Suche nach dem »Übergewichts-Gen« lenke von den eigentlichen Ursachen ab, so die Autoren.

 

Dass der Klimawandel auf menschliche Ursachen zurückzuführen ist, ist heute unter Wissenschaftlern unumstritten. Aber dass Klimawandel etwas mit Gesundheit zu tun haben könnte, ist noch nicht so sehr in das öffentliche Bewusstsein vorgedrungen. Dabei sind die Verknüpfungen vielfältig. So ist es sehr wahrscheinlich, dass die Erderwärmung zu einem beschleunigten Artensterben führen wird, was sich auch auf die Entdeckung neuer Arzneistoffe negativ auswirken kann. Infektionskrankheiten wie Malaria werden sich weiter ausbreiten, extreme Wetterereignisse weiter zunehmen und die landwirtschaftliche Produktion wird sich in den meisten Regionen der Erde verschlechtern.

 

Umgekehrt kann jedoch auch eine abnehmende Gesundheit durch übermäßige Gewichtszunahme den Klimawandel verstärken. Phil Edwards und Ian Roberts von der London School of Hygiene and Tropical Medicine konnten mit einer Modellrechnung zeigen, dass eine deutliche Zunahme an Fettleibigkeit mit signifikant höheren Treibhausgasemissionen verbunden ist. Das liegt zum einen daran, dass dickere Menschen in der Regel einen erhöhten Konsum von Nahrungsmitteln haben. Zum Zweiten gingen die Autoren davon aus, dass übergewichtige Menschen häufiger größere Autos fahren und vermehrt Wege zu Fuß oder per Rad durch Autofahrten ersetzen. Beides erhöht den Verbrauch fossiler Treibstoffe und heizt die Erdatmosphäre auf. Dabei gehe es laut Roberts und Edwards nicht darum, übergewichtige Menschen für alle Übel verantwortlich zu machen oder zu stigmatisieren, sondern den gemeinsamen Ursachen des Trends zu immer mehr Menschen mit Übergewicht einerseits und steigenden globalen Temperaturen andererseits auf die Spur zu kommen.

 

Der Erdöl-Ernährungs- Komplex

 

Fossile Brennstoffe, insbesondere das Erdöl, haben nicht nur das Bewegungs- und Transportverhalten revolutioniert, sie haben auch eine nie zuvor gekannte Steigerung der Nahrungsmittelproduktion ermöglicht: durch Motorisierung und Mechanisierung der Landwirtschaft und künstliche Dünge- und Schädlingsbekämpfungsmittel. In der Folge verfügen die reichen Länder über ein riesiges Angebot an billigen, energiedichten Nahrungsmitteln. Vertrieben werden sie auf der »grünen Wiese« außerhalb der Stadt von Supermarktkonzernen, die wissen, dass im Pkw mehr Lebensmittel transportiert werden können, als etwa auf dem Fahrrad. Eine Tankstelle gleich nebenan fördert den Absatz von beidem – Nahrungsmitteln und Treibstoff. Die Gewinne steigen, wenn die Menschen durch dieses gewollte Einkaufsverhalten bequemer und dicker werden und in der Folge noch mehr Nahrung und Kraftstoff verbrauchen. Dabei ist es der Nahrungsmittelindustrie gleichgültig, ob ihre Produkte in den Mägen der Verbraucher oder auf dem Müll landen. Tatsächlich werden in den reichen Ländern unvorstellbare Mengen an Lebensmitteln weggeworfen. Wie umfassend Unternehmen aus den Branchen der Nahrungsmittel-, Automobil- und Ölindustrie unseren Alltag und unser Konsumverhalten bestimmen zeigt sich daran, dass zu ihnen die umsatzstärksten Konzerne weltweit zählen. In ihrem Buch sprechen Roberts und Edwards in diesem Zusammenhang auch von dem »petro-nutritional-complex«, also vom »Erdöl-Ernährungs-Komplex«, der eingedämmt werden müsse, um eine weitere Erderwärmung und die Zunahme von Übergewicht mit seinen Folgekrankheiten abzubremsen.

Auch hätten es die Global Player dieser Branchen bisher erfolgreich geschafft, von den Risiken ihrer Produkte abzulenken. So behaupten diese etwa immer wieder, dass gesundheitliche Schäden durch Soft-Drinks und Fast Food wissenschaftlich nicht belegt seien. Gerne deutet man stattdessen mit dem Finger auf den Mangel an körperlicher Aktivität als Ursache für Übergewicht und Krankheit. Desinformation der Öffentlichkeit wie das jahrzehntelange Leugnen des Zusammenhangs von Tabakrauch und Krebs scheint in der Nahrungsmittel- und Autoindustrie ebenso gut zu funktionieren wie deren Einflussnahme auf die Politik.

 

Wirtschaftsmotor fossile Brennstoffe

 

Während Wirtschaftwachstum in den Industrienationen früher zu deutlichen Verbesserungen der Lebensbedingungen führte und auch gegenwärtig in den Ländern des Südens führen kann, trifft dies auf die wirtschaftlich stärker entwickelten Länder immer weniger zu. Die Menschen ernähren sich in den reichen Ländern zunehmend von stark industriell verarbeiteten, hochkalorischen Nahrungsmitteln, leiden verstärkt unter Stress, zu wenig Schlaf, Konsumdruck und bewegen sich zu wenig. Vor allem der Ersatz von Muskelkraft durch benzingetriebene Fahrzeuge in den letzten 100 Jahren war es, der das Körpergewicht weltweit nach oben trieb. Die Menschen in den Industrienationen – allen voran den USA – mit ihrem höheren Benzinverbrauch, sind dicker als die Menschen in Ländern mit geringerem Kraftstoffverbrauch wie die Schwellenländer und die ärmeren Länder des Südens. Ein höherer Benzinverbrauch bedeutet mehr gefahrene Kilometer in einem Kraftfahrzeug und weniger eigene Bewegung.

 

In den Ballungszentren trauen sich als Folge des zunehmenden Verkehrs Fußgänger und Radfahrer immer weniger auf die für sie feindlichen Straßen, Eltern bringen ihre Kinder sicherheitshalber mit dem Auto in die Schule. Wer genügend Geld hat, fährt Auto, der Rest lebt gefährlicher, so gefährlich, dass die UN sich genötigt sah, eine Aktions-Dekade für Straßensicherheit von 2011 bis 2020 auszurufen. Dazu hat sie unter anderem auch Partnerschaften mit der Auto- und Ölindustrie gebildet und proklamiert hauptsächlich Maßnahmen zur Verbesserung der Straßensicherheit, die für diese Lobby nicht geschäftsschädigend sind. Das Thema Verkehrserziehung steht auf der Agenda, obwohl erwiesen ist, dass sie keinen großen Effekt auf die Unfallzahlen hat. Der Schwerpunkt liegt auf individuellen Sicherheitsmaßnahmen wie Kindersitzen, Sicherheitsgurten und Motorradhelmen. Geschwindigkeitsbeschränkungen spielen eine untergeordnete Rolle, und Maßnahmen zur Einschränkung des motorisierten Verkehrs und zur Förderung von Rad- und Fußverkehr kommen in den Konzepten nicht vor. Das im November letzten Jahres von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer vorgestellte Verkehrssicherheitsprogramm 2011 orientiert sich stark an dem UN-Aktionsplan, und man sucht darin Begriffe wie Klimaschutz, Tempo 30, Güter auf die Schiene oder Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs vergeblich. So ist sowohl von der UN-Initiative als auch von dem nationalen Programm kaum ein Effekt auf Gesundheit, Übergewicht und Kohlendioxidemissionen zu erwarten.

Roberts und Edwards plädieren in ihrem Buch dafür, sich den öffentlichen Raum vom motorisierten Verkehr zurückzuerobern und aus der lebensfeindlichen Straße wieder eine lebensfreundliche Stätte der Begegnung zu machen. Dabei sehen sie den Verzicht aufs Auto keineswegs als Verlust, sondern die Fortbewegung zu Fuß oder per Rad als Gewinn für Lebensqualität und Gesundheit an. Dies erfordert allerdings ein deutliches Umdenken und einen völlig anderen Begriff von Wohlstand. Der britische Wirtschaftswissenschaftler und Professor für Nachhaltige Entwicklung, Tim Jackson, hat als Leiter der »Sustainable Development Commission« untersucht, wie die Wirtschaft dahingehend umgebaut werden kann, dass Wohlstand ohne wirtschaftliches Wachstum weltweit möglich ist. Der Bericht dieser Kommission für nachhaltige Entwicklung, die zwischen 2000 und 2011 mehrere britischen Regierungen beriet, schließt mit drei Hauptempfehlungen: 1. Aufbau einer nachhaltigen Makro-Ökonomie, das heißt einer Analyse gesamtwirtschaftlicher Zusammenhänge, 2. Einleitung eines Wertewandels weg von einer materialistischen Konsum-Ideologie hin zu einer Betonung von Werten, die es den Menschen auf eine nachhaltige Weise ermöglicht, sich zu entfalten und ihr Leben zu genießen, und 3. Respektierung der ökologischen Grenzen des endlichen Planeten Erde. Für einen Umbau der Wirtschaft hin zu einer »Ökonomie im ökologischen Gleichgewicht« sieht es die Kommission neben anderen Faktoren als unerlässlich an, bestehende extreme Wohlstandsunterschiede innerhalb der Nationen abzubauen. Unter anderem treiben diese den Ressourcen verschwendenden Konsum an, steigern den zwischenmenschlichen Konkurrenzdruck mit dem damit verbundenen Stress und untergraben den Zusammenhalt einer Gesellschaft. Die britischen Epidemiologen Richard Wilkinson und Kate Pickett zeigen in ihrem Buch »Gleichheit ist Glück«, dass sehr ungleiche Gesellschaften wie die USA und Großbritannien mehr Kohlendioxid pro Kopf emittieren und gleichzeitig einen höheren Anteil an fettleibigen Einwohnern haben als Länder mit größerer Einkommensgleichheit wie beispielsweise die skandinavischen Länder. Darüber hinaus weisen sie nach, dass weitere Faktoren, beispielsweise Lebenserwartung, Gesundheit und schulische Leistungen mit steigender Einkommensungleichheit in den Industrienationen ebenfalls abnehmen, während etwa der Drogenkonsum und die Zahl der Gefängnisinsassen zunehmen.

 

Um den Ausstoß von Treibhausgasen zu verringern und gerechter zu verteilen, schlagen sowohl Roberts und Edwards als auch Swinburn und Egger hier Maßnahmen auch für Privatpersonen vor. Zusätzlich zu bestehenden und noch auszubauenden Systemen des Emissionsrechtehandels zwischen Staaten und Unternehmen solle es auch Einzelpersonen möglich sein, ihre nicht verbrauchten Kohlendioxid-Rationen auf einem dafür geschaffenen Markt frei zu handeln. Menschen mit einem hohen CO2-Verbrauch könnten dann diese Anteile kaufen, wenn sie ihr eigenes Treibhausgas-Budget ausgeschöpft hätten. Dies würde in erster Linie den Menschen in den ärmeren Ländern mit niedrigem Anteil an den Treibhausgasemissionen zugute kommen, und die Menschen in den reichen Ländern des Nordens hätten starke Anreize, einen CO2-verbrauchsärmeren Lebensstil zu führen, beispielsweise das Auto stehen zu lassen und mit dem Rad zur Arbeit oder zum Einkaufen zu fahren. Gleichzeitig wäre damit ein wirksames Mittel gegen Übergewicht und seine Krankheitsfolgen gefunden. /

Literatur beim Verfasser

E-Mail: dieter.kaag(at)thoraxklinik-heidelberg.de

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