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Rheumatoide Arthritis

Revolutionäre Wirkstoffe

27.04.2010
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Von Brigitte M. Gensthaler, München / Bei vielen Patienten mit rheumatoider Arthritis (RA) wird die Krankheit erst nach vielen Monaten erkannt. Der frühzeitige Einsatz von Basistherapeutika verbessert die Prognose jedoch erheblich. Und Biologicals können die Gelenkzerstörung oftmals aufhalten.

Rund 450 000 Menschen in Deutschland leiden an rheumatoider Arthritis, der häufigsten entzündlichen Gelenkerkrankung. Je früher die Basistherapeutika (Disease-modifying antirheumatic drugs, DMARD) eingesetzt werden, umso größer sind die Erfolgschancen. Dazu zählen Goldverbindungen, (Hydroxy-)Chloroquin, Sulfasalazin, Methotrexat (MTX), Azathioprin, Leflunomid, Ciclosporin, aber auch die Immunbiologika (Biologicals).

»Bei frühem Therapiebeginn kann man bei etwa der Hälfte der Patienten eine Remission, also einen Stillstand der Erkrankung, sowie Beschwerdefreiheit erreichen«, sagte Dr. Edmund Edelmann, Vorsitzender des Berufsverbands Deutscher Rheumatologen (BDRh), vor Beginn des 5. BDRh-Kongresses in München. Bereits nach drei Monaten sinken die Chancen. In der Praxis vergingen durchschnittlich jedoch 21 Monate, ehe der Patient zu einem Facharzt kommt, klagte der Rheumatologe aus Bad Aibling. Die frühzeitige, Leitlinien-orientierte Versorgung nützt nicht nur dem Patienten, sondern lohne sich auch für das Gesundheitswesen. Weniger Krankschreibungen und Arbeitsunfähigkeit, weniger Krankenhaus- und Reha-Aufenthalte sowie weniger Berentungen: Dies erhöhe die Lebensqualität des Patienten und sei auch volkswirtschaftlich interessant.

 

Nach einer bislang unveröffentlichten Studie des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums nahmen zwischen 2002 und 2008 die Gesamtkosten bei RA-Patienten nur marginal zu, obwohl der Anteil der mit Biologicals behandelten Personen von etwa 3 auf 17 Prozent anstieg. Der Einsatz der gentechnisch hergestellten Biomoleküle schlage pro Jahr und Patient mit etwa 23 000 Euro zu Buche, sagte Edelmann.

 

»Die Einführung der TNF-alpha-Blocker vor rund zehn Jahren bedeutete eine Revolution in der Rheumatologie, ähnlich wie die von Cortison«, sagte Professor Dr. Jörn Kekow, 2. Vorsitzender des BDRh. Die Biologicals könnten entzündlich-rheumatische Erkrankungen wie die RA bei nahezu drei von vier Patienten aufhalten. Allerdings sprächen etwa 30 Prozent der Patienten auf keinen Wirkstoff an. Sie könnten möglicherweise von neuen Biologicals profitieren, die an anderen Zielstrukturen, zum Beispiel am Zytokin Interleukin-6, angreifen, so Kekow.

 

Derzeit sind neun biotechnologisch hergestellte Wirkstoffe zur Therapie rheumatischer Erkrankungen zugelassen (siehe Tabelle). Viele werden mit MTX kombiniert. Häufig ermöglichen die Biologicals die Einsparung von Corticoiden.

Tabelle: Biologicals und ihre Hauptangriffspunkte

Wirkstoff Erstzulassung Mechanismus
Rituximab 1998 B-Zell-Hemmer
Infliximab 1999 TNF-alpha-Blocker
Etanercept 2000 TNF-alpha-Blocker
Adalimumab 2003 TNF-alpha-Blocker
Certolizumab-Pegol 2009 TNF-alpha-Blocker
Golimumab 2009 TNF-alpha-Blocker
Anakinra 2002 Interleukin-1-Rezeptorantagonist
Abatacept 2007 T-Zell-Costimulations-Blocker
Tocilizumab 2009 Interleukin-6-Rezeptorantagonist

Weitere Hoffnungen knüpft Kekow an den voll humanen, monoklonalen IgG2-Antikörper Denusomab. Die Markteinführung wird in Kürze erwartet. Allerdings bezieht sich die Zulassung auf die Behandlung der postmenopausalen Osteoporose bei Frauen sowie die Behandlung von Knochenverlust nach ablativer Hormontherapie bei Männern mit Prostatakrebs, wenn jeweils das Frakturrisiko erhöht ist.

Denusomab mit Doppeleffekt

 

Auch Denusomab zielt auf eine neue Struktur ab: Es bindet an den RANK-Liganden (RANKL), einen wichtigen Regulator der Osteoklasten. In der Folge wird deren Aktivität und damit der Knochenabbau gehemmt. Plus für die Patienten: Die subkutane Injektion von jeweils 60 mg ist nur zweimal jährlich nötig. Zum Einsatz bei RA-Patienten liegt laut Kekow bisher nur eine Phase-II-Studie mit einjähriger Laufzeit vor. Der RANKL-Hemmstoff konnte die Knochenerosion nachweislich aufhalten. Allerdings lindert das Medikament weder Schmerzen noch Entzündung. Alle Studienpatienten bekamen zusätzlich MTX; außerdem war die Comedikation mit DMARD wie Leflunomid, Hydroxychloroquin oder Sulfasalazin sowie von niedrig dosierten Corticoiden erlaubt.

 

Möglicherweise könne man den neuen Antikörper mit Erfolg bei postmenopausalen Frauen einsetzen, die an Osteoporose und an RA leiden, sagte der Rheumatologe. Tatsächlich sind Frauen oft doppelt betroffen: Laut Kekow sind sieben von zehn RA-Patienten weiblich und älter als 70 Jahre. / 

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