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Bauchbeschwerden

Wenn der Darm die Nerven verliert

22.04.2008
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Bauchbeschwerden

Wenn der Darm die Nerven verliert

Von Kerstin A. Gräfe, Palma

 

Mehr als 100 Millionen Nervenzellen steuern im Darm die Muskeln und somit den Verdauungsprozess. Wird dieser gestört, reagiert der Darm mit einer verstärkten Anspannung und Krämpfen als Folge. Die Selbstmedikation stößt schnell an ihre Grenzen.

 

Magenschmerzen, Völlegefühl, Sodbrennen, Durchfall, Krämpfe: Etwa 13 Millionen Deutsche haben täglich mit Bauchbeschwerden zu kämpfen. In der Regel liegen keine organischen Ursachen zu Grunde. Auslöser sind meistens eine ungesunde Lebensweise, eine Nahrungsmittelunverträglichkeit sowie seelische Probleme oder Stress. Letzterer übernimmt dabei eine Führungsrolle. Mehr als die Hälfte der Betroffenen, rund sieben Millionen Deutsche, leiden unter stressbedingten Magen-Darm-Beschwerden.

 

Kaum ein anderes Organ reagiert derart sensibel auf seelische und nervliche Belastungen wie der Magen-Darm-Trakt. Den Grund dafür vermuten Wissenschaftler im sogenannten enterischen Nervensystem. Die Darmwand wird von mehr als 100 Millionen Nervenzellen umhüllt. Man spricht auch vom »Bauchhirn« oder »zweiten Gehirn«. Es regelt in Eigenregie die komplizierten Verdauungsvorgänge und agiert dabei weitgehend unabhängig vom Gehirn. So zeigten Untersuchungen, dass sich ein isolierter Rattendarm im gleichen Rhythmus entleerte, als wenn er noch im Körper wäre. Nichtsdestotrotz steht das Darmsystem über Nervenverbindungen mit dem Gehirn in Kontakt. Diese bestehen zu 90 Prozent aus aufsteigenden Nervenfasern, die Informationen vom Darm zum Gehirn leiten. 10 Prozent der Fasern liefern Informationen vom Gehirn zurück an den Darm.

 

Der Darm denkt mit

 

Diese neuronalen Achsen betrachten Forscher als mögliche Ursache, warum der Magen-Darm-Trakt durch psychische Beeinträchtigungen so schnell aus dem Takt gerät. In den Informationsfluss zwischen Darm und Gehirn ist immer das limbische System involviert, das als Sitz der Gefühle viele emotionale Prozesse steuert.  Redewendungen wie »Schmetterlinge im Bauch« oder »Ärger schlägt auf den Magen« haben also durchaus ihre Berechtigung. Allerdings darf hier der Bogen nicht zu weit gespannt werden. Gefühle entstehen nach wie vor nur im Kopf und nicht wie oft beschrieben im »zweiten Gehirn«. Doch scheinen Kopf-Entscheidungen unter Berücksichtigung der einst vom Darm nach oben gesendeten Informationen getroffen zu werden. Forscher postulieren eine »Emotions-Gedächtnis-Bank«, in der das Kopfhirn alle vom Darm geschickten Signale sammelt, speichert und gegebenenfalls darauf zurückgreift.

 

Das Wechselspiel von Hirn und Bauch verläuft in der Regel völlig unbemerkt, ebenso wie die Arbeit, die der Darm verrichtet. Eine seiner wichtigsten Aufgaben ist der Transport des durchmischten Nahrungsbreis durch wellenförmige Bewegungen Richtung End-, beziehungsweise Mastdarm. Diese Arbeit leisten die Muskeln im Darm, die von den mehr als 100 Millionen Nervenzellen gesteuert werden. Wird der Verdauungsprozess durch innere oder äußere Einflüsse, sei es zu fettiges Essen, ungewohnte Speisen oder eben Stress, beeinträchtigt, verläuft die nervliche Steuerung der Nahrungsverarbeitung und des Transports fehlerhaft. In der Regel kommt es dabei zu zwei entgegengesetzten Reaktionen. Zum einem wird die Magenentleerung gehemmt, zum anderen die schlecht verdaute Nahrung schneller durch Dick- und Dünndarm befördert. Die Folge sind Bauchkrämpfe, die von Durchfall, Verstopfung oder Blähungen begleitet sein können.

 

Die Behandlung von Bauchkrämpfen in der Selbstmedikation mit chemisch definierten Substanzen gerät schnell an ihre Grenzen. Zu den wenigen Spasmolytika, die hier zur Verfügung stehen, gehört N-Butylscopolamin. Eine Untersuchung bestätigte nun erneut dessen therapeutische Wirksamkeit. Privatdozent Dr. Thomas Weiser, Boehringer Ingelheim, präsentierte sie im März auf einer von diesem Unternehmen unterstützten Veranstaltung. An der randomisierten, placebokontrollierten Doppelblindstudie hatten 1673 Patienten teilgenommen (Aliment Pharmacol Ther 23, 2006, 1741-1748). Sie erhielten entweder dreimal täglich Placebo (n=281), 10 mg N-Butylscopolamin (Buscopan®, n=289), 500 mg Paracetamol (n=269) oder 10 mg N-Butylscopolamin plus 500 mg Paracetamol (Buscopan® plus, n=275). »Da sich Krämpfe und Schmerzen gegenseitig erhalten oder verstärken können, ist die Zugabe eines Analgetikums bei krampfartigen Bauchbeschwerden ein sinnvolles und empfohlenes Therapieprinzip«, kommentierte Weiser das Studiendesign. Auf diese Weise könne der Teufelskreis wirkungsvoll an zwei Stellen unterbrochen werden.

 

Die Dauer der Studie betrug drei Wochen. Primärer Endpunkt war zum einen die Schmerzintensität, welche die Patienten mithilfe der visuellen Analogskala (VAS) angaben. Dazu markierten sie auf einer Skala von 0 bis 10 cm täglich ihre aktuellen Schmerzen (0 cm = kein Schmerz, 10 cm = stärkster Schmerz). Zum anderen charakterisierten sie die Schmerzhäufigkeit anhand der Einteilung 0 = kein Schmerz, 1 = ein- bis zweimal, 2 = drei- bis fünfmal und 3 = mehr als fünfmal. Sekundärer Endpunkt  war die Zufriedenheit der Probanden mit der Therapie (sehr gut, gut, zufrieden stellend, nicht zufrieden stellend).

 

Verglichen mit Placebo nahmen in allen drei Verumgruppen sowohl die Schmerzintensität als auch die -häufigkeit  signifikant ab. Dabei betrug die durchschnittliche Abnahme auf der visuellen Analogskala in der N-Butylscopolamin-Gruppe 2,3 cm, in der Paracetamol-Gruppe 2,4 cm und in der Kombinations-Gruppe ebenfalls 2,4 cm (Placebo 1,9 cm). Die Schmerzhäufigkeit reduzierte sich in den Verumgruppen um 0,7, in der Placebogruppe um 0,5. Hinsichtlich der Patientenzufriedenheit schnitt die Kombinationsgruppe knapp besser ab als die anderen beiden Verumgruppen: 63 Prozent beurteilten die Therapie mit gut oder sehr gut (N-Butylscopolamin 62 Prozent, Paracetamol 59 Prozent, Placebo 46 Prozent).

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