Pharmazeutische Zeitung online
Joan Miró

Besser als seine Kalenderblätter

21.04.2008
Datenschutz bei der PZ

Joan Miró

Besser als seine Kalenderblätter

Von Ulrike Abel-Wanek

 

Seine Motive sind bunt, heiter und wurden seit den siebziger Jahren nahezu maßlos vermarktet. Seine vordergründige Popularität wird dem Maler Joan Miró aber nicht gerecht. Rund 130 Werke im alten Ingelheimer Rathaus zeigen den Künstler jetzt als einen der wichtigsten Vertreter der Klassischen Moderne.

 

Zu sehen sind Grafiken, Radierungen und einige Lithografien der 30er- bis 70er-Jahre. Miró, Jahrgang 1893, kam, im Gegensatz zu Picasso, spät zur Grafik, entwickelte sich aber unter der Anleitung des genialen Louis Marcoussis schnell zu einem Virtuosen dieses Fachs.

 

Patricia Rochard, Kuratorin der Internationalen Ingelheimer Tage, will den »Miró vor dem Miró« zeigen: den stillen, rebellischen Künstler und sein Werk - vor der inflationären Verwendung seiner bunten Bildmotive auf Postern, T-Shirts und Mousepads.

 

Miró war Katalane und galt als der »große Schweiger« in der Kunstwelt. Er war diszipliniert, fleißig und ordentlich gekleidet, nichts an ihm schien auf den ersten Blick unkonventionell oder revolutionär zu sein. Der Sohn eines Goldschmieds verlebte seine Kindheit in Barcelona, bekam bereits früh Zeichenunterricht und wollte Kunst studieren. Nur mit Mühe widersetzte er sich dem Wunsch der Eltern, die eher eine Kaufmannskarriere für ihn im Blick hatten.

 

In den 20er-Jahren lebte Miró in Paris und traf dort Picasso und andere große Künstler und Maler. Wenn Picasso, der sehr an ihm interessiert war, ihn besuchte, versteckte er eilig seine Bilder aus Angst vor Nachahmung. Miró selbst sah in Picasso damals eine »Ballerina mit zu vielen Verehrern«, alles sei für die Händler gemalt, für das Geld. Er male, um zu verkaufen. Miró schloss sich dem literarischen Zirkel der Surrealisten um André Breton an und fand in den folgenden Jahren zu einer eigenen abstrakten Formensprache aus kräftig konturierten, surreal-absurden Zeichen. Die Malkunst der Gegenständlichkeit trat zurück zugunsten von mehr Farbe, Linien und Symbolen. Ständig auf der Suche nach einer individuellen Bildsprache, suchte er einen Ausgleich zwischen dem figürlichen und abstrakten Kunststil.

 

Seine skurrilen Bilder haben zugleich das Naiv-Komische von Kritzelzeichnungen wie auch die archaische Ausdruckskraft uralter menschlicher Symbole. Er war erdverbunden, und hatte eine mystische Ehrfurcht vor allen irdischen und überirdischen Kräften der Natur. Er war gut beschlagen in der Alchimie und der Astrologie, Fächer, die bei den Pariser Künstlern hohe Wertschätzung genossen.

 

Wie viele andere Kreative seiner Generation wollte Miró etwas ausdrücken, was ewig und wesentlich war, und er suchte das bei seinen katalanischen Wurzeln. Die Landschaft um Tarragona, seiner Heimat, mit der üppigen Vegetation, den vielen Kakteen, Hügeln und Felsen, das Meer und die Fischerdörfer - all das war Nährboden für die Quelle seiner Phantasie. »Aus Schnecken, Schlangen oder Vögeln, Insekten, Steinen oder Wurzeln schöpfte Miró unablässig Formen, Zeichen und Strukturen, die er in eine andere Welt übertrug: in die Welt seiner Bilder. Gleichsam einem Alchimisten bemächtigte er sich der Realität, um sie neu zu formulieren, um eine neue, seine Realität zu schaffen«, sagt Rochard in der Ausstellungsbroschüre. So ist der Titel der Schau: »Miró, der Alchimist« treffend gewählt.

 

Aber Miró lebte auch im faschistischen Spanien und litt unter der Diktatur Francos. Unter dem Eindruck des Spanischen Bürgerkriegs und mit Beginn des Zweiten Weltkriegs begann er 1939, eine Reihe von 50 schwarzweißen Lithografien zu zeichnen, auf denen sich auf seltsame Weise das Monströse und das Komische paaren: Fratzenhafte Monsterfiguren mit aufgerissenen Mündern und verrenkten Gliedmaßen und zerrissenen Konturen zeugen von Wut und Hass, aber auch von Angst, Schmerz und Qual. Die Bildreihe ist voller Gewalt und Grausamkeit und gilt als Mirós entschiedenste Stellungnahme zum Bürgerkrieg. Sie wurde nur in einer Auflage von fünf Exemplaren gedruckt, eine Auswahl der Bilder ist in der Ausstellung zu sehen. Neben weiteren Arbeiten aus der Zeit des Spanischen Bürgerkriegs wie den subtilen Kompositionen der »Schwarz-Roten-Serie« sind unter anderem Radierungen aus seiner Zeit in New York zu sehen, wo er sich 1947 fast ein Jahr aufhielt. Aber auch fantasievolle, farbige Buchillustrationen sowie zarte Grafiken zu poetischen Texten gehörten zu Mirós Repertoire.

 

Schon 1960 wurde Joan Miró in Ingelheim ausgestellt. In einem Brief an seinen Freund, den damaligen Leiter und Mitbegründer der Internationalen Tage, Francois Lachenal, verbittet er sich jegliche offizielle Einmischung seines Landes in die Ausstellungsvorbereitungen. Miró war schon vor fast 50 Jahren ein politischer Mensch. Und viele seiner Werke, denen oft die »Infantilisierung der Kunst« vorgeworfen wurde, sind »viel besser als seine Kalenderblätter« (Rochard). Davon kann sich der Besucher der sehr gelungenen Zusammenstellung der grafischen Arbeiten Mirós seit Dienstag in Ingelheim überzeugen.

Miró, der Alchimist

22. April bis 29. Juni 2008

Dienstag bis Freitag: 11 bis 19 Uhr

Wochenende, Feiertage: 11 bis 18 Uhr

 

Altes Rathaus

Francois-Lachenal-Platz 1

55218 Ingelheim am Rhein.

 

Katalog, 222 Seiten, 34 Euro

Mehr von Avoxa