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Jahrbuch Sucht

Medikamente werden unterschätzt

17.04.2012  18:18 Uhr

Von Anna Hohle, Berlin / Bei den Suchtmitteln liegen Alkohol und Tabak deutschlandweit an der Spitze. Dennoch wird die Abhängigkeit sowohl von diesen Alltagsdrogen als auch von Medikamenten weiterhin unterschätzt. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) stellte jetzt aktuelle Zahlen im »Jahrbuch Sucht 2012« vor.

Laut Gabriele Bartsch, Referentin für Grundsatzfragen bei der DHS, wird das Risiko legaler Drogen in Deutschland noch immer stark unterbewertet. Seit Jahrzehnten sei der Konsum dieser Suchtmittel auf einem sehr hohen Niveau – 74 000 Todesfälle werden hierzulande jährlich auf Alkoholkonsum zurückgeführt, beim Tabak sind es rund 100 000. »Das sind die Suchtmittel, die den größten Schaden bewirken«, sagte Bartsch.

Auch die Abhängigkeit von Arzneimitteln stellt laut Bartsch ein gleichbleibend großes Problem dar. Rund 1,5 Millionen Deutsche sind Schätzungen zufolge von Medikamenten abhängig. 4 bis 5 Prozent aller in Deutschland verordneten Arzneimittel besitzen ein Missbrauchs- und Suchtpotenzial, das gilt besonders für Benzodiazepine und die Z-Substanzen wie Zolpidem, Zopiclon und Zaleplon.

 

Bartsch warnte: Zwar sei die Anzahl der Verordnungen dieser Medikamente zulasten der Krankenkassen rückläufig. Dafür würden sie jedoch zunehmend auf Privatrezept verschrieben und tauchten somit nicht in den Statistiken der Krankenkassen auf. Zudem würden Benzodiazepine noch immer zu häufig alkoholabhängigen Patienten verordnet, obwohl die Alkoholsucht seit Jahren als Kontraindikation gilt.

 

Auch der Umgang mit rezeptfreien Arzneimitteln ist laut Bartsch in Deutschland unverändert prekär. So nähmen viele Menschen nicht-verschreibungspflichtige Schmerzmittel ohne medizinische Indikation ein. Hier bestehe keine körperliche Abhängigkeit, problematisch sei jedoch »der große Umfang, in dem konsumiert wird«. 156 Millionen Packungen Schmerzmittel wurden 2010 in Deutschland verkauft, davon 126 Millionen ohne Rezept. Patienten mit Migräne oder Spannungskopfschmerz können durch längere Analgetika-Einnahme einen Medikamenten-indizierten Dauerkopfschmerz entwickeln, warnt die DHS.

 

Apotheker in der Pflicht

 

Die DHS sieht auch die Apotheker in der Aufklärungspflicht. »Ärzte und Apotheker haben eine besondere Verantwortung, Patientinnen und Patienten vor Missbrauch und Abhängigkeit zu schützen«, heißt es im Jahrbuch Sucht. »Mit Nachdruck« sollten Apotheker Bartsch zufolge auf Risiken und Anwendungsdauer hinweisen und regelmäßige Käufer, bei denen sie Medikamentenmissbrauch oder -abhängigkeit vermuten, auf dieses Thema ansprechen. /

Leitfaden der BAK

Wie sich das pharmazeutische Personal bei Verdacht auf einen Arzneimittelmissbrauch verhalten sollte, erklärt der Leitfaden der Bundesapothekerkammer „Medikamente: Abhängigkeit und Missbrauch – Leitfaden für die apothekerliche Praxis.“

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