Pharmazeutische Zeitung online
Antiepileptika

Rabattverträge können Therapie gefährden

19.04.2011
Datenschutz bei der PZ

Von Stephanie Schersch, Berlin / Viele Antiepileptika stehen unter Rabattvertrag. Kritiker halten eine Substitution dieser Arzneistoffe jedoch für problematisch und sehen Therapieerfolge in Gefahr.

In Deutschland leben rund 700 000 Menschen mit Epilepsie. Die meisten von ihnen sind mit Arzneimitteln gut eingestellt und weitgehend anfallsfrei. Rabattverträge setzten solche erfolgreichen Therapien jedoch aufs Spiel, sagte Professor Dr. Hartmut Morck vom Pharmazeutischen Institut der Philipps-Universität in Marburg. Anti­epileptika seien problematische Präparate mit einem hohen Placeboeffekt (etwa 30 Prozent). »Diese 30 Prozent sind Teil der Wirkung und können durch einen Austausch verlorengehen«, sagte Morck in Berlin bei einer Presseveranstaltung des Antiepileptika-Herstellers Desitin.

Ein Wechsel verunsichere den Patienten und gefährde dessen Compliance. Hinzu kommt, dass Generika in Bezug auf ihre Bioverfügbarkeit bis zu 25 Prozent vom Original abweichen dürfen. »Dadurch kann es zu erheblichen Blutspiegel­schwankungen des Wirkstoffs kommen, die neue Anfälle und unerwünschte Wirkungen hervorrufen können.«

 

Morck verwies auf eine Leitlinie der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft, nach der Antiepileptika zu einer Gruppe von Wirkstoffen zählen, bei denen eine Substitution kritisch sein kann. Rabattverträge sollte es für diese Arznei­stoffe daher nicht mehr geben, so Morck. »Hilf­reich wäre eine Empfehlung vom Gemeinsa­men Bundesausschuss.« Sollte dieser Weg nicht möglich sein, müsse der Gesetzgeber eingreifen und Rabattverträge dieser Art im SGB V ausschließen.

 

Die Heilberufler können bereits jetzt einen Austausch unter bestimmten Voraussetzungen verhindern. Ärzte sollten bei Epilepsie-Präparaten eine Substitution über das Aut-idem-Kreuz ausschließen, sagte Morck. Bislang machten das nur rund 15 Prozent. Apotheker müssten einen Präparatewechsel in jedem Fall hinterfragen und gegebenenfalls mit dem Arzt Rücksprache halten, so Morck. Zudem könnten sie pharmazeutische Bedenken geltend machen und nicht substituieren. »Von dieser Möglichkeit wird bisher relativ selten Gebrauch gemacht.« Ein Grund hierfür ist sicherlich die drohende Retaxierung durch die Krankenkasse.

 

ABDA/KBV-Modell fördert Flexibilität

 

Morck lobte in diesem Zusammenhang das gemeinsam Versorgungskonzept von ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände und Kassenärztlicher Bundesvereinigung. Das Modell sieht vor, dass der Arzt nur noch einen Wirkstoff verordnet, sowie Menge, Dosierung und Darreichungsform festlegt. Der Apotheker wählt das entsprechende Präparat aus. »Das fördert die Flexibilität der Heilberufler«, so Morck. In Kombination mit einer Zielpreisvereinbarung könnte das ABDA/KBV-Konzept die Rabattverträge sogar überflüssig machen. »Der Apotheker kann dann das tun, was er jetzt unter Angabe pharmazeutischer Bedenken macht: Er wählt das für den Patienten am besten geeignete Präparat«, sagte Morck.

 

Der ehemalige Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen, Dr. Jürgen Bausch, forderte, den wirtschaftlichen Druck von Ärzten und Apothekern zu nehmen, wenn sie für den Patienten ein anderes als das rabattierte Arzneimittel wählen. »Dafür kann nur die Politik sorgen.« Er verwies außerdem darauf, dass Epileptiker häufig wieder auf ihr gewohntes Präparat umgestellt würden, nachdem sie zuvor ein Rabattarzneimittel erhalten hätten. Eine Substitution führe häufig zu Problemen. »Rabattverträge kosten damit letztendlich mehr Geld als sie sparen«, sagte Bausch. / 

Mehr von Avoxa