Pharmazeutische Zeitung online
15. PZ-Management-Kongress

Arzneiversorgung der Zukunft

26.03.2013  19:33 Uhr

Von Daniel Rücker und Stephanie Schersch, Mallorca / Zum 15. Mal hatte die Pharma­zeutische Zeitung zu ihrem Management- Kongress eingeladen. Er fand vom 20. bis 23. März auf Mallorca statt. An drei Tagen beschäftigten sich die 98 Kongressteilnehmer mit den Themen Arzneimittelversorgung 2015, Apothekenkonzepte für die Zukunft und dem Wahljahr 2013. Unterstützt wurde die Veranstaltung von der VSA, Awinta, Bionorica und Pharmaprivat.

Die Arzneimittelversorgung in öffentlichen Apotheken ist im Wandel. Das ABDA-KBV-Modell und die immer mehr Bedeutung gewinnende personalisierte Medizin verändern die Arbeit der Apotheker. Auch die frühe Nutzen­bewertung hat Auswirkungen auf den Arzneimittelmarkt.

Für Professor Hartmut Morck ist die frühe Nutzenbewertung neuer Arzneimittel kein großer Wurf: »Statt eines aufwendigen Bewertungsverfahrens nach der Markteinführung sollten sich die Beteiligten früh zusammensetzen und einen Konsens über Markteinführung und dafür notwendige Untersuchungen finden«, sagte der Chef der Beratungsgesellschaft Cui Bono und ehemalige PZ-Chefredakteur. So könnten viele Probleme vermieden werden, bevor sie entstehen.

 

Konflikte entstehen vor allem aufgrund unterschiedlicher Interessen der beteiligten Akteure. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) und die wissenschaftlichen Experten liegen deshalb bei der Bewertung neuer Arzneimittel oftmals weit auseinander. GBA und IQWiG haben nämlich ein großes Interesse, möglichst niedrige Preise zu vereinbaren.

 

Innovativ oder nutzenfrei?

 

Als Beispiele für gravierend unterschiedliche Bewertungen nannte Morck die erst vor Kurzem in den Markt eingeführten Hepatitis-C-Wirkstoffe Boceprevir und Telaprevir, zwei Sprunginnovationen. Tatsächlich gelingt es mit beiden Substanzen, die Viruslast eine Zeit lang unter die Nachweisgrenze zu senken für betroffene Patienten ein großer Vorteil. GBA und IQWiG bewerten den Nutzen dagegen vollkommen anders. Weil zwischen der Infektion und einer wahrscheinlichen Erkrankung an Leberzirrhose oder -krebs Jahrzehnte liegen können, ist in einer klinischen Studie die Senkung der Mortaltität nicht nachzuweisen, obwohl sie sich aus der hohen antiviralen Potenz der Arzneistoffe ableiten lässt. IQWiG und GBA bescheinigten den beiden Präparaten deshalb keinen Zusatznutzen.

Damit haben die Hersteller deutlich weniger Chancen die hohen Investitionskosten wieder einzuspielen. Beim Multiple-Sklerose-Therapeutikum Fingolimod unterscheiden sich die Bewertungen ebenfalls. Während Morck darin eine Sprunginnovation sieht, erkennen GBA und IQWiG keinen Zusatznutzen.

 

Die Ergebnisse der frühen Nutzenbewertung haben laut Morck einen deutlichen Einfluss auf den Arzneimittelmarkt. Wird der Zusatznutzen als gering bewertet, müssen sich die Hersteller mit einem niedrigen Preis zufriedengeben. Kann der GBA gar keinen Zusatznutzen erkennen, dann werden die entsprechenden Präparate in eine Festbetragsgruppe einsortiert. In der Konsequenz vermarkten deshalb manche Hersteller schlecht bewertete Arzneimittel ausschließlich außerhalb von Deutschland.

 

Große Veränderungen sieht Professor Theo Dingermann durch die stratifizierte und die personalisierte Medizin auf die Arzneimittelversorgung und damit auch mittelbar auf die Apotheken zukommen. »Ziel ist es, in Zukunft keine Krankheiten mehr, sondern Menschen zu behandeln«, sagte Dingermann. Unter personalisierter Medizin verstehe man eine maßgeschneiderte Therapie für eine bestimmte Person, erklärte der Frankfurter Pharmazeut.

 

Etwas weniger aufwendig ist die stratifizierte Medizin. Hier werden anhand von Biomarkern Menschen in verschiedene Gruppen eingeordnet, für die dann jeweils ein optimales Therapieschema erarbeitet wird. Bei der stratifizierten Medizin werden die Eigenschaften krankheitsrelevanter Rezeptoren oder für den Stoffwechsel wichtiger Enzyme beachtet. So wird ermittelt, ob die Cytochrom-P-450-Enzyme in einer Variante vorliegen, die die eingesetzten Arzneistoffe besonders schnell oder langsam abbaut. Diese Fragen lassen sich über Gen-Testsysteme klären. Andere Tests können wiederum Aufschluss darüber geben, ob auf einer Krebszelle ein bestimmtes Protein als Zielstruktur für den einzusetzenden Arzneistoff vorhanden ist. Ebenfalls lässt sich testen, wie hoch das Risiko für einen Menschen ist, überhaupt eine bestimmte Erkrankung zu bekommen. Eine solche Vorgehensweise ist heute zwar noch längst nicht die Regel, es gibt sie aber bereits, etwa, wenn Ärzte vor der Behandlung bei einer Brustkrebspatientientin ermitteln, ob Trastuzumab wirkt oder ein Kolonkarzinom EGRF-positiv ist.

 

Während diese Frage eher den Arzt beschäftigen wird, weil er den Arzneistoff auswählt, sieht Dingermann die Apotheke bei pharmakokinetischen/pharmakodynamischen Tests gefordert. Diese Tests sollen ermitteln, wie schnell ein Arzneistoff im Körper des Patienten metabolisiert wird. Das Ergebnis dieses Tests ist wichtig für die individuelle Dosierung des Arzneistoffes. Hier sei der Apotheker der geeignete Ansprechpartner. Pharmakogenetische Tests könnten die Arzneimitteltherapie effizienter und verträglicher machen. Diese Tests sollten nach Dingermanns Überzeugung in Apotheken angeboten, von Labors ausgewertet und deren Ergebnisse von Apothekern erklärt werden. Gemeinsam müssten Apotheker und Ärzte dafür sorgen, dass der richtige Patient das richtige Arzneimittel in der richtigen Dosis zur richtigen Zeit bekommt.

 

Bessere Compliance

 

Für eine bessere Compliance der Patienten soll das gemeinsame Modell von ABDA und Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) sorgen. Das Konzept sieht vor, dass der Arzt einen Wirkstoff verordnet sowie Menge und Dosierung der Einnahme festlegt. Der Apotheker wählt anschließend das richtige Präparat für den Patienten aus und gibt es unter entsprechender Beratung ab. Insbesondere Patienten, die viele Arzneimittel gleichzeitig einnehmen, sollen von dem Konzept profitieren. Für sie soll es ein Medikationsmanagement geben. Darüber hinaus erhalten sie einen Medikationsplan, der genau aufführt, wann sie welches Arzneimittel in welcher Dosierung einnehmen müssen.

In Sachsen und Thüringen wird das Modell in Kürze in die Testphase gehen. Dort arbeiten die Landesverbände von Ärzten und Apothekern gemeinsam mit der AOK Plus zusammen. Die Eckpunkte der Kooperation wurden bereits unterzeichnet. Sechs verschiedene Arbeitsgruppen legen derzeit weitere Details der Zusammenarbeit fest, die letztlich in einem Vertrag münden sollen. Das Pilotprojekt werde voraussichtlich im dritten Quartal 2013 an den Start gehen, sagte Professor Martin Schulz, ABDA-Geschäftsführer für den Bereich Arzneimittel.

 

Zuvor müssen allerdings noch einzelne Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt werden. So unterscheiden sich die Angaben in der Apothekensoftware und in der Ärzte-EDV zum Teil deutlich voneinander. »Es fehlen standardisierte Daten«, so Schulz. Die ABDATA arbeite daher zurzeit an einem einheitlichen Datensatz, der das Problem löst. Demnach soll der Arzt ein konkretes Präparat auswählen können, das die Software automatisch in einen Wirkstoff übersetzt. In der Apotheken-EDV sollen bei den Wirkstoffen zusätzlich die entsprechenden Rabattverträge der einzelnen Kassen hinterlegt werden.

 

Auf Augenhöhe

 

Auch Dingermann und Morck halten viel vom ABDA-KBV-Modell. Es sei dringend an der Zeit, dass Ärzte und Apotheker ihre Patienten gemeinsam versorgten. Morck sieht aber auch noch Probleme für das Versorgungskonzept. Es könne nur erfolgreich sein, wenn die Ärzte bereit wären, gleichberechtigt mit den Apothekern zusammenzuarbeiten. Außerdem müsse der Aufwand von Apothekern und Ärzten von Anfang an angemessen vergütet werden.

 

Schulz sieht im ABDA-KBV-Modell eine völlig neue Perspektive für die Apotheker. »Sie haben die Möglichkeit, auf Augenhöhe mit dem Arzt heilberuflich tätig zu sein und für diese Arbeit auch ein Honorar zu bekommen«, sagte er. Kritiker zweifeln allerdings daran, dass die Kassen für den zusätzlichen Aufwand von Ärzten und Apothekern auch tatsächlich bezahlen werden. Modelle, die kein angemessenes Honorar vorsehen, werde man nicht unterzeichnen, machte Schulz deutlich.

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