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Diabetes mellitus

Eine Typfrage

19.04.2010
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Von Sven Siebenand / Typ 1 oder Typ 2? Auf diese Frage antworten die meisten Diabetiker mit »zwei«, etwa 5 Prozent mit »eins«. Eine Minderheit der Betroffenen wird jedoch »weder noch« erwidern. Kaum bekannt ist, dass es auch Diabetes vom Typ 3 und 4 gibt.

Schätzungen zufolge leben heute bereits mindestens acht Millionen Diabetiker in Deutschland. Mehr als 90 Prozent von ihnen sind Typ-2-Diabetiker. Die frühere Bezeichnung »Altersdiabetes« ist nicht mehr zeitgemäß, da diese Erkrankung auch in jungen Jahren auftreten kann.

Maßgeblich beteiligt an der Entstehung sind zwei Faktoren, nämlich eine Insulinresistenz und eine Betazelldysfunktion. Erstere bedingt, dass die Körperzellen zunehmend schwächer auf Insulin reagieren. Die Betazelldys­funktion beschreibt eine Störung der Insulinaus­schüttung aus den Beta­zellen der Bauchspeichel­drüse. Nach dem Essen steigt der Blutzuckerspie­gel zu stark an, weil das Insulin zu langsam aus den Betazellen freigesetzt wird. Typ-1-Diabetes wiederum ist eine Auto­immunerkrankung, an der etwa 300 000 Menschen in Deutschland leiden, darun­ter 25 000 Kinder und Jugend­liche. Bei den Betroffenen zerstört das körpereigene Immunsystem die insulinproduzierenden Betazellen.

 

Und was läuft bei Diabetes Typ 3 schief? Unter dieser Bezeichnung sind Erkrankungen mit unterschiedlichen Ursachen zusammengefasst. Dazu gehört Diabetes als Folge von Erkrankungen wie Mukoviszidose, Entzündung der Bauchspeicheldrüse oder Infektionen. Auch Tumore, Operationen, genetische Defekte oder Medikamente können einen Diabetes vom Typ 3 auslösen.

 

Mehrere Untertypen bekannt

 

Typ 3 ist nicht gleich Typ 3. Aus diesem Grund werden mehrere Untertypen unterschieden: Beim Typ 3a zum Beispiel arbeiten, durch einen genetischen Defekt bedingt, die Betazellen nicht richtig. Die meisten Fälle des sogenannten Mody-Diabetes (maturity-onset diabetes in the young) sind hier einzuordnen. Diese Erkrankung entwickelt sich meist im Kindes- oder Jugendalter und zeichnet sich dadurch aus, dass zumindest anfangs keine Insulintherapie notwendig ist.

 

Bei Typ 3b kommt es durch einen genetischen Defekt zu einer reduzierten Insulinwirkung, meist durch Mutationen im Insulinrezeptor-Gen. Diabetiker vom Typ 3c haben in den meisten Fällen eine Erkrankung der Bauchspeicheldrüse, etwa eine Pankreatitis, erlitten. Möglich ist auch, dass Ärzte die Bauchspeicheldrüse nach einem Unfall entnehmen mussten. Auch der Mukoviszidose-bedingte Diabetes zählt in diese Kategorie. Im Falle von Diabetes Typ 3d wird zu viel Glucagon, der Gegenspieler des Insulins, vom Körper produziert, was schließlich zu erhöhten Blutzuckerwerten führt. Zum Diabetes Typ 3e zählen chemikalienbedingte und auch arzneimittelinduzierte Fälle, zum Beispiel durch eine hoch dosierte und lang andauernde Glucocorticoidtherapie. Diabetes können zudem Arzneistoffe wie das Chemotherapeutikum Pentamidin, Nicotinsäure, Schilddrüsenhormone, Diazoxid, b-adrenerge Agonisten, Thiazid-Diuretika oder a-Interferon hervorrufen. Auch die Typen 3f, 3g und 3h sind in der Literatur beschrieben. Dazu zählt zum Beispiel auch der genetisch veranlagte Autoimmunangriff auf Insulinrezeptoren oder Diabetes infolge von Infektionen. Bislang gibt es für Deutschland keine genauen Zahlen, wie viele Menschen mit einem Diabetes mellitus vom Typ 3 leben. Zwar ist die Anzahl sicher deutlich geringer als bei Typ 1 oder 2, trotzdem ist sie nicht zu vernachlässigen. Ein Beispiel dafür ist Diabetes infolge von Mukoviszidose (zystische Fibrose, CF).

 

Mukoviszidose und Diabetes

 

Dank der verbesserten Therapie ist die Lebenserwartung von CF-Patienten in den vergangenen Jahren auf durchschnittlich 36 Jahre gestiegen. Dadurch erlangen andere Folgen der Erbkrankheit zunehmend Bedeutung. »Die häufigste Begleiterkrankung ist ein Diabetes mellitus, an dem bis zu 30 Prozent der Patienten im Verlauf ihres Lebens erkranken«, so Dr. Manfred Ballmann von der Medizinischen Hochschule Hannover in einer Pressemitteilung der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Insulinmangel bei CF-Patienten entsteht durch die Bildung von Sekret in der Bauchspeicheldrüse. Es verstopft die Ausführungsgänge und schädigt die benachbarten Inselzellen, in denen Insulin und andere Hormone gebildet werden. In einem Artikel in der Fachzeitschrift »Diabetologie 2010« (doi: 10.1007/s11428-009-0437-6) informiert Ballmann, dass der Diabetes bei einem Viertel der CF-Patienten bereits im frühen Kindesalter beginnt. Sinnvoll sei deshalb ein jährlicher oraler Glucosetoleranztest (OGT) ab dem zehnten Lebensjahr. Die frühe Diagnose ist wichtig, weil Diabetes die Lungenfunktion verschlechtern kann, und diese kann selten wieder hergestellt werden. Bisher ist die Gabe von Insulin die einzige geprüfte Diabetestherapie für CF-Patienten. In klinischen Studien wird derzeit aber auch die Wirkung von oralen Antidiabetika überprüft.

 

Neben Typ 1, 2 und 3 gibt es noch einen Typ-4-Diabetes, der jedoch nicht unter dieser Bezeichnung bekannt ist. Man kennt ihn besser unter dem Namen Schwangerschafts- oder Gestationsdiabetes. Dieser ist definiert als Glucosetoleranzstörung, die erstmals bei einer Schwangerschaft auftritt. Ursache sind die plazentaren Hormone, die eine Insulinresistenz bewirken. Kann die Bauspeicheldrüse den erhöhten Insulinbedarf nicht ausgleichen, kommt es zu erhöhten Blutzuckerwerten. Wie häufig diese Diabetesform auftritt, ist in Deutschland schlecht untersucht. Die Angaben in der Literatur schwanken zwischen 1 und 20 Prozent der Schwangeren. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) berichtete kürzlich, dass nur jede zehnte Betroffene erkannt und behandelt werde. Die Gesellschaft rät daher, dass sich Schwangere grundsätzlich und regelmäßig auf Diabetes untersuchen lassen. /

Klassifikation

Typ 1: absoluter Insulinmangel aufgrund meist autoimmunologisch bedingter Zerstörung der Inselzellen des Pankreas (früher Jugend­diabetes genannt)

Typ 1a: immunologische Form

Typ 1b: idiopathische Form (Ursache unbekannt)

Typ 2: Insulinresistenz (Hyperinsulinismus), dadurch relativer Insulinmangel. In der Folge nachlassende (versagende) Insulinproduktion. Oft im Zusammenhang mit Übergewicht und Metabolischem Syndrom (früher Altersdiabetes genannt).

Typ 3: Alle anderen spezifischen Diabetesformen

Typ 3a: genetische Defekte der Betazell-Funktion

Typ 3b: genetische Defekte der Insulinwirkung

Typ 3c: Bauchspeicheldrüse (Pankreas) erkrankt oder zerstört

Typ 3d: Diabetes durch hormonelle Störungen

Typ 3e: Diabetes durch Chemikalien oder Drogen

Typ 3f: Infektionen

Typ 3g: Seltene Formen des immunvermittelten Diabetes

Typ 3h: mit Diabetes assoziierte genetische Syndrome (zum Beispiel Down- oder Turner-Syndrom)

Typ 4: Schwangerschaftsdiabetes (Gestationsdiabetes)

 

Quelle: Deutsche Diabetes Gesellschaft

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