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Arzneimittelrabattverträge

»Das System ist blind für Risiken«

09.04.2013
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Von Daniel Rücker / Die Krankenkassen sind zufrieden mit den Rabattverträgen. Die Umsetzungsrate liegt laut Berech­nungen des Informationsdienstleisters IMS Health so hoch wie nie. Die zum 1. April gestarteten Rabattrunden bereiten keine Probleme. Progenerika-Geschäftsführer Bork Bretthauer hält dennoch an seiner Kritik an den Vereinbarungen fest.

PZ: Die Rabattrunden von TK, Barmer GEK und Spektrum K zum 1. April sind relativ geräuschlos gestartet. Ist das ein Beleg dafür, dass dieses Instrument nun funktioniert?

 

Bretthauer: Der vermeintlich geräuschlose Start einzelner Rabattverträge sagt nichts über die Probleme des gesamten Rabattvertragssystems aus. Man muss das System als Ganzes betrachten. Wenn schon die ARD-Lottofee über den Zuschlag von Rabattverträgen entscheiden muss, weil die Gebote der Unternehmen auf demselben Niveau lagen, es also keinerlei Luft nach unten gibt, sind die Grenzen offenkundig erreicht.

PZ: Laut einer aktuelle Untersuchung von IMS Health liegt die Rabattquote bei Generika mit 64 Prozent so hoch wie noch nie. Ist das eine gute Nachricht?

 

Bretthauer: 2012 gab es ein historisches Allzeithoch bei Rabattverträgen: Zwei von drei Generikapackungen sind bereits rabattiert. Es werden mittlerweile selbst Arzneimittel ausgeschrieben, für die es nicht einmal 300 Verordnungen pro Jahr gibt. Dadurch werden de facto höhere Kosten für die einzelnen Marktakteure produziert. Davon abgesehen ist das Rabattvertragssystem in Deutschland aber sicher das schärfste Schwert der Kostendämpfung. Das hat auch Auswirkungen auf die Frage, wie die Arzneimittelversorgung in Deutschland künftig nachhaltig gestaltet werden kann.

 

PZ: Erstmals haben die Ortskrankenkassen für einige Gebietslose mehrere Zuschläge erteilt. Bislang war der Start von AOK-Rabattverträgen oft sehr holprig. Was erwarten Sie vom Start der nächsten bundesweiten Rabattrunde der AOK am 1. Juni?

 

Bretthauer: Der teilweise Schwenk der AOK von der Einfach- zur Mehrfachvergabe ist der Versuch, die immer offener zutage tretenden Systemfehler des Rabattsystems mit einem Pflaster zu überkleben. Das wird nicht funktionieren. Gerade die AOK musste ja bereits Rabattverträge kündigen, weil Unternehmen unter den Vertragsbedingungen nicht mehr lieferfähig waren. Die Probleme, die mit dem Rabattvertragssystem zwangsläufig einhergehen, allen voran die sich abzeichnende Marktverengung, löst man doch nicht dadurch, indem man sie einfach anders verteilt: Die Probleme bleiben dieselben.

 

PZ: Was ist für Sie die größte Schwäche der Rabattverträge?

 

Bretthauer: Das System der Rabattverträge ist blind für Risiken und Nebenwirkungen. Es kennt weder einen fairen noch einen angemessenen Preis für Generika. Krankenkassen setzen vor allem auf kurzfristige Erlöse aus den Rabattverträgen. Daher geht es ihnen im Rabattsystem ausschließlich um Tiefstpreise und deren nochmalige Unterbietung in der nächsten Ausschreibungsrunde. Ein Beispiel: Von rund 1000 verschreibungspflichtigen Generika, die ab Werk bereits weniger als 89 Cent kosten, also weniger als eine handelsübliche Tüte Gummibärchen, fordern die Krankenkassen bei mehr als 900 Generika zusätzliche Preisnachlässe durch Rabattverträge.

 

Die Generikaunternehmen müssen deshalb zunehmend Produkte vom Markt nehmen, weil sie diese in Deutschland nicht mehr kostendeckend anbieten können. Rabattverträge beschleunigen damit insgesamt betrachtet die Marktverengung. Je weniger Anbieter es gibt, umso störanfälliger wird das System bei der Liefersicherheit. /

Umsetzungsrate steigt

Die Krankenkassen können sich freuen: Im vergangenen Jahr ist der Anteil von Rabattarzneimitteln weiter gestiegen. Nach Berechnungen des Informationsdienstleisters IMS Health wurden im vergangenen Jahr fast zwei Drittel (64 Prozent) aller zulasten der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) verordneten patentfreien Arzneimittel zum Rabattpreis abgegeben. Gegenüber dem Vorjahr hat sich laut IMS Health die Rabattquote um 5 Prozentpunkte erhöht. Dies sei ein neuer Höchststand. Getrieben wurde diese Entwicklung von der Änderung der Packungsgrößenverordnung im Jahr 2011 und neuen Regeln für die Aut-idem-Substitution. Sie erleichtern den Austausch, da nun das abgegebene Produkt nicht mehr die identische Anzahl von Tabletten oder Kapseln, sondern nur noch dieselbe Normgröße haben muss. Für die GKV sind Rabattverträge eine willkommene Kostenbremse. IMS Health hat dennoch einige Bedenken gegen dieses Instrument. Ein großes Problem sei die hohe Anbieterkonzentration im Rabattmarkt. Diese sei zwar 2012 zurückgegangen, immer noch entfielen jedoch drei Viertel aller Packungen in dem Segment auf zehn Herstellerunternehmen. Die drei größten Konzerne hätten einen Marktanteil von mehr als 50 Prozent. /

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