Pharmazeutische Zeitung online
Migräne und Spannungskopfschmerz

Hirn unter Hochspannung

06.04.2011
Datenschutz bei der PZ

Migräne und Kopfschmerzen vom Spannungstyp zeichnen für 92 Prozent aller Kopfschmerzen verantwortlich. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kunde, der wegen Kopfschmerzen die Apotheke aufsucht, eine der beiden Kopfschmerzformen hat, ist also sehr hoch. Dabei behandeln sich viele Patienten auf eigene Faust; ihre Eigendiagnose ist oft nicht ärztlich abgesichert.

Epidemiologische Studien zeigen, dass 84 Prozent der Patienten mit Spannungskopfschmerz keinen Arzt aufsuchen. Und auch von den an Migräne leidenden Personen haben mindestens ein Drittel bis die Hälfte wegen ihrer Pein im Kopf noch nie einen Arzt aufgesucht. Für einen optimalen Therapieerfolg muss jedoch der Kopfschmerz präzise in einer ärztlichen Untersuchung nach den Kriterien der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft diagnostiziert sein.

Viele Kopfschmerz-Geplagte suchen zunächst die Apotheke auf. Im Beratungsgespräch gibt es eine einfache Möglichkeit, zusammen mit dem Patienten gewissermaßen als Vorsondierung für einen Arztbesuch herauszufinden, welche der beiden Kopfschmerztypen infrage kommt. »Werden folgende drei Fragen mit Ja beantwortet, handelt es sich wahrscheinlich um eine Migräne«, sagt Professor Dr. An­dreas Straube von der Neurologischen Klinik der Universität München und Vizepräsident der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung. »1. Kommt es zu Übelkeit? 2. Kommt es zu Lichtscheue und Lärmempfindlichkeit? 3. Kommt es zu einer Verstärkung der Kopfschmerzen durch Aktivitäten des täglichen Alltags? Mit diesen drei Fragen, die der New Yorker Professor Dr. Richard Lipton vor rund zehn Jahren formuliert hat, ist eine Migräne schnell ausgelotet.«

 

Etwas ausführlicher ist der Kopfschmerz-Schnelltest nach Professor Dr. Hartmut Göbel. Er klärt mit wenigen Fragen, welche Kopfschmerzdiagnosen wahrscheinlich sind. Da die häufigste Komplikation einer fehlgeleiteten Kopfschmerztherapie der Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch ist, wird auch dieser im Schnelltest abgefragt. Schließlich ist der Clusterkopfschmerz eine besonders schwere primäre Kopfschmerzerkrankung, die unbedingt schnell erkannt werden muss. Er gilt als eine der schwersten Schmerzerkrankungen des Menschen überhaupt. Wichtig: Man kann gleichzeitig oder auch nachfolgend an zwei oder mehr Kopfschmerztypen erkrankt sein!

 

Mit dem sogenannten Kieler Kopfschmerzfragebogen, der ebenfalls auf Göbel zurückgeht, lässt sich noch genauer und umfangreicher herausfinden, ob die Kopfschmerzen dem Kopfschmerz vom Migränetyp oder vom Spannungstyp entsprechen. Der Fragebogen ist im Internet hier herunterzuladen.

Migräne mit und ohne Ansage

 

Die Migräne äußert sich durch pulsierende, pochende oder hämmernde Kopfschmerzen. Diese treten attackenartig auf, sind meist auf eine Kopfhälfte beschränkt, oft im Schläfenbereich und um die Augen herum, und nehmen bei körperlicher Aktivität zu. Übelkeit (90 Prozent), Erbrechen (60 Prozent) sowie Licht-, Lärm- und Geruchsüberempfindlichkeit (in genannter Reihenfolge bei 60 Prozent, 40 Prozent und 10 Prozent der Kopfschmerzattacken) machen zusätzlich zu schaffen. Nach einigen Stunden, manchmal erst nach drei Tagen ist der Spuk vorbei. Etwa 6 Prozent der Männer und 17 Prozent der Frauen wissen, wovon die Rede ist.

 

Für etwa 10 bis 15 Prozent der Migräniker beginnt die Attacke nicht mit Kopfschmerzen, sondern zunächst mit Funktionsstörungen im Gehirn, die dem Anfall unmittelbar vorausgehen. Dabei entsteht eine Nervenerregung im Sehzentrum im hinteren Bereich der Großhirnrinde. Visuelle Reizerscheinungen als häufigste Beschwerden der Aura zeugen davon. Es flimmert und flackert den Betroffenen vor Augen, sie sehen Schleier und Schlieren, Zickzacklinien oder sogar ständig einen blinden Fleck. Wie eine Welle setzt sich diese neuronale Erregung fort, indem eine Nervenzelle dominoartig die Nachbarzelle ansteckt. Wissenschaftler sprechen dabei von der »Cortical spreading depres­sion«. So bleibt es meist nicht bei den visuellen Beschwerden, und manchen Patienten wird schwindelig. Ihre Gliedmaßen beginnen zu kribbeln, als ob Ameisen darüberlaufen würden. Ihr Mund fühlt sich seltsam taub an. Ihnen fällt es schwer, die richtigen Worte zu finden und diese deutlich auszusprechen. Manchmal sind die Hände und Beine wie gelähmt.

 

Auren beginnen fast unbemerkt und werden immer stärker. Sie können der Kopfschmerzattacke bis zu einer Stunde vorausgehen, manchmal aber auch nur einige Minuten. Patienten, die Attacken mit Aura kennen, können auch solche ohne Aura haben.

Typische Merkmale der beiden häufigsten Kopfschmerzarten

MigräneCharakteristikSpannungskopfschmerz
pulsierend, pochend, hämmernd, klopfend Schmerzcharakter dumpf und drückend
meist einseitig, auf einer Stirnhälfte Lokalisation meist über den gesamten Kopf verteilt
mittelstark bis stark Schmerzstärke leicht bis mittelstark
4 bis 72 Stunden Schmerzdauer 30 Minuten bis 7 Tage
Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Lärmüberempfindlichkeit Begleitsymptome keine Übelkeit und Erbrechen, allenfalls leicht Appetitlosigkeit sowie Licht- und Lärmüberempfindlichkeit
bei circa 10 bis 15 Prozent der Attacken Aura keine
stark eingeschränkt bis nicht möglich; Routinebewegungen wie Gehen oder Treppensteigen verstärken Beschwerden Alltagsaktivitäten/ Arbeitsfähigkeit möglich, wenn auch eingeschränkt; Routinebewegungen wie Gehen oder Treppensteigen verstärken Beschwerden nicht

Den Kopf zerbrochen

 

Wie Migräne entsteht, darüber haben sich schon etliche Forscher den Kopf zerbrochen. Hypothesen gibt es viele. Derzeit gehen Wissenschaftler von einer nervlichen Übererregtheit des Hirnstamms aus. Dieser ist bei Gesunden nicht festzustellen. Die Veranlagung dazu geben die Eltern ihrem Nachwuchs weiter.

 

Durch seine Hyperaktivität kann der Hirnstamm seiner physiologischen Filterfunktion nicht mehr ausreichend nachkommen. Stattdessen wirken dann eine Vielzahl unbedeutender Sinnesreize auf das Großhirn ein. Überaktiv ist besonders der Nervus trigeminus. Seine zahlreichen Verästelungen setzen in der Folge in den Hirnhäuten und der Hirnbasis in einer Art Kurzschlussreaktion viele Neuropeptide wie CGRP (Calcitonin-gene-related-peptide), VIP (Vasoaktives Intestinales Peptid), Substanz P und Stickstoffmonoxid (NO) frei. Diese sorgen dann für eine Entzündung und Weitung der Blutgefäße. Das stimuliert wiederum Trigeminusneuronen.Weil ständig das pulsierende Blut gegen die entzündeten Gefäßwände drückt, äußert sich die Migräne mit rhythmisch pochenden und hämmernden Schmerzen. Warum die Attacke von selbst wieder abebbt, ist bislang nicht geklärt.

 

Trigger blasen zur Attacke

 

Migräneforscher haben eine Fülle von Faktoren ausfindig gemacht, die eine akute Attacke auslösen können – wenn das Nervengewebe des Gehirns dafür sensibel ist. Mithilfe eines Kopfschmerztagebuchs lassen sich diese Migräne-Risikofaktoren leicht ausfindig machen. Doch zu den häufigsten Migränetriggern gibt es auch neue Erkenntnisse, wie der Kasten darlegt:

 

Stress im Beruf, enorme psychische Belastungen

Hormonumstellungen wie Menstruation. Manche Frauen leiden nur während der Periode unter Migräne, andere kurz davor (prämenstruelle Migräne)

Störungen im üblichen Tagesablauf: unregelmäßige Mahlzeiten, Schlafdefizit, aber auch zu langes Schlafen beispielsweise an den Wochenenden.

Äußere Reize wie grelles Licht, Lärm, Wetterumschwünge

Verzehr bestimmter Tyramin-haltiger Nahrungsmittel sowie alkoholischer und Coffein-haltiger Getränke (siehe auch Kasten), aber auch längeres Hungern, zum Beispiel beim Heilfasten.

Körperliche Überanstrengung: Tragen zu schwerer Gegenstände, zu schnelles Laufen, zu langes Fernsehen, zu heißes Baden, anstrengende Reisen, Jetlag.

 

Spannung bis zum Schmerz

 

Der Spannungskopfschmerz ist die häufigste Kopfschmerzform. Die Betroffenen beschreiben den Schmerz als dumpf-drückend auf beiden Kopfseiten. Sie haben das Gefühl, einen allzu engen Helm auf dem Kopf zu haben oder fühlen sich wie im Schraubstock. Nicht selten strahlen die Schmerzen bis in den Nacken und die Schultern aus, manchmal gar bis in den Rücken. Eine Aura und ausgeprägte Begleitsymptome fehlen. Manchmal machen diese Kopfschmerzen nur für eine halbe Stunde die Situation unerträglich, ein andermal halten sie sich über Tage. Von episodischem Spannungskopfschmerz sprechen Experten, wenn er nur gelegentlich, höchstens an jedem zweiten Tag, auftritt (sporadisch oder häufig auftretender episodischer Kopfschmerz vom Spannungstyp). Bricht der Schmerz aber an mehr als an 15 Tagen durch und hat die letzten drei Monate so bestanden, gilt er als chronisch.

 

Schmerzverarbeitung außer Kontrolle

 

Das Wort Spannungskopfschmerz kommt aus der Historie, als man noch glaubte, dass Muskelverspannungen die Übeltäter sein würden. Doch wahrscheinlich spielen Muskeln nur eine untergeordnete Rolle. Denn nicht bei allen Patienten mit typischen Spannungskopfschmerzen lassen sich derartige Verspannungen nachweisen. Was tatsächlich den Schmerz auslöst, ist nicht bekannt. Das Klassifikationskomitee der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft hält denn auch weitere wissenschaftliche Untersuchungen zur Pathophysiologie und Behandlung des Kopfschmerzes vom Spannungstyp für wünschenswert.

Irrtum: Schokolade löst keine Migräne aus

Schokolade und andere Süßigkeiten werden immer wieder als Auslöser für Migräneattacken genannt. Bis zu 70 Prozent der Patienten berichten, dass sie vor der eigentlichen Attacke Heißhunger auf Süßes haben. Doch falsch gedacht: Eine Studie hat gezeigt, dass die Süßigkeiten nicht der Auslöser sind, hieß es auf dem letztjährigen Deutschen Schmerzkongress in Mannheim. Die Lust darauf ist lediglich ein Signal für den bevorstehenden Anfall. Der Grund ist simpel: Das Hirn benötigt Energie für die kommende Attacke. Genau betrachtet, sind solche Gelüste also eine Chance, eine aufkeimende Attacke abzufangen: etwa mithilfe gezielter Entspannungstechniken. Auch Streitereien mit dem Partner wurden zu Unrecht als Übeltäter verdächtigt. Wissenschaftler sind sich jetzt sicher, dass eher die vor einer Attacke bestehende Gereiztheit oder Nervosität und Müdigkeit zum Streit beitragen und somit als Vorboten zu deuten sind.

 

Und noch eine neue Erkenntnis: Migräneauslöser sind nicht in jedem Fall zu meiden. Neue Untersuchungen legen nahe, dass das Vermeiden der Auslöser die Symptome erst recht verstärkt und immer mehr Auslöser hinzukommen. Patienten sollten dagegen lernen, mit ihren Triggerfaktoren besser umzugehen, hieß es in Mannheim. Denn man könne das Gehirn an die Migräneauslöser gewöhnen. Löst etwa Rotwein oder Sekt eine Attacke aus, sollten Patienten zum Beispiel ab und an ein Glas trinken. Das funktioniere auch mit homöopathischen Dosen, also stark verdünnt.

Die wahrscheinlichste Hypothese: Die Betroffenen haben eine erhöhte (perikraniale) Schmerzempfindlichkeit der Kopfmuskulatur. Wenn die Betroffenen dann noch unter Zeit- oder Leistungsdruck geraten, wird es eng. Dann gilt es, die Zähne zusammenzubeißen (Anspannung der Kaumuskeln), sich nicht unterkriegen zu lassen und den Kopf aufrecht zu halten (Anspannung der Kopfmuskeln) oder den Rücken hinzuhalten (Anspannung der Nacken- und Rückenmuskulatur). Stress setzt den Körper unter Hochspannung. Auf dieser Basis kann ein Fehlbiss, laufende Schreibtischarbeit oder Schlafen in einem unbequemen Bett einem episodischen Kopfschmerz den Boden bereiten. Auf Dauer wird die körpereigene Schmerzverarbeitung gestört und zunehmend spielen zentrale Schmerzmechanismen eine Rolle, was das Entstehen eines chronischen Spannungskopfschmerzes erklären soll. Inwieweit diese vermehrte Muskelspannung Ursache der Kopfschmerzen oder nur im Sinne einer Stress-Reaktion Folge der Kopfschmerzen ist, ist bislang nicht geklärt.

 

Dass ein Zusammenhang zwischen Schmerzen und Verspannungen in der Nacken- und Schultermuskulatur und deren erhöhter Schmerzempfindlichkeit bei manueller Palpation besteht, wissen viele Patienten nicht. Doch ist dies bei etwa der Hälfte von ihnen der Fall. Die Patienten werten diese Beschwerden vielmehr als eigenständige Erkrankung und behandeln sie deshalb unabhängig von der Kopfschmerzerkrankung zusätzlich mit Analgetika. /

Mehr von Avoxa