Pharmazeutische Zeitung online
Arzneimittelversorgung

ABDA und KBV präsentieren Zukunftskonzept

12.04.2011
Datenschutz bei der PZ

Von Daniel Rücker und Stephanie Schersch, Berlin / Wenn Ärzte und Apotheker enger zusammenarbeiten, verbessert das die Arzneimittelversorgung der Patienten. Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände haben hierzu ein gemeinsames Konzept vorgelegt. Die Vorschläge sollen nach Wunsch der Verbände Eingang in das geplante Versorgungsgesetz finden.

Die schwarz-gelbe Koalition arbeitet zurzeit an einem Gesetz, mit dem sie die medizinische Versorgung der Menschen verbessern will. Erste Eckpunkte liegen bereits vor (siehe Seite 8/9). Ärzte und Apotheker könnten hierzu gemeinsam einen wichtigen Beitrag leisten und eine stärkere Rolle im Versorgungsmanagement übernehmen, sagte ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf in Berlin. KBV und ABDA haben zusammen ein Konzept für mehr Sicherheit in der Arzneimitteltherapie erstellt. Die beiden Heilberufe sollen demnach stärker miteinander kooperieren. Wolf forderte die Politik auf, die Vorschläge in ihr Versorgungsgesetz zu übernehmen.

»Unsere Vorschläge verbessern die Arzneimittelversorgung und sparen Geld«, sagte Wolf. Im Kern geht es darum, die Compliance der Patienten zu erhöhen. Nur jeder Zweite nehme seine Arzneimittel während einer Langzeittherapie so ein, wie es der Arzt verordnet habe. Das Risiko arzneimittelbezogener Probleme steige zudem mit der Anzahl der verschriebenen Präparate. »Mehr als ein Viertel der GKV-Patienten bekommt mehr als fünf Wirkstoffe verordnet«, sagte Wolf. Hinzu komme die Selbstmedikation. Die Folge seien verunsicherte Patienten und sogenannten unerwünschte Arzneimittelereignisse wie Wechselwirkungen einzelner Präparate. »Das sind Gründe für etwa fünf Prozent aller Krankenhausaufnahmen.« Bei Patienten über 70 Jahre seien es sogar bis zu 30 Prozent. »Zwei Drittel dieser Fälle gelten als vermeidbar«, so Wolf.

 

Die Lösung sieht er in einer verpflichtenden Kooperation von Ärzten und Apothekern im Medikationsmanagement. »Wir brauchen eine konstante, systematische und nachhaltige Zusammenarbeit.« Das gemeinsame Konzept von ABDA und KBV sieht vor, dass die beiden Heilberufler besondere Leistungen für chronisch kranke Patienten übernehmen, die mindestens fünf Arzneimittel dauerhaft einnehmen. Die Betreuung des Versicherten erfolgt dabei jeweils durch einen bestimmten Arzt und eine Apotheke. Sie erstellen gemeinsam einen Medikationsplan, der alle Arzneimittel aufführt. So lassen sich Wechselwirkungen und Arzneimittelrisiken besser vermeiden. Das Papier sieht eine Honorierung dieser Leistungen vor, die sich Arzt und Apotheker jeweils teilen sollen. Sie liegt bei 360 Euro pro Patient und Jahr, damit entfallen 180 Euro auf jeden Heil­berufler.

ABDA und KBV wollen auch erreichen, dass Ärzte künftig nur noch Wirkstoffe verordnen. Die Mediziner legen außerdem Stärke, Menge und Darreichungsform fest. Der Apotheker wählt schließlich das Präparat aus und gibt es unter entsprechender Beratung ab. Ein wichtiger Bestandteil ist der Medikationskatalog, auf dessen Basis Ärzte verordnen sollen. Er führt für alle versorgungsrelevanten Indikationen Mittel der Wahl und Reservewirkstoffe auf und soll bundesweit einheitlich für alle Kassen gelten. »Ein solcher Katalog stellt die leitliniengetreue Versorgung sicher und berührt gleichzeitig nicht die Therapiehoheit des Arztes«, sagte KBV-Vorstand Carl-Heinz Müller. Er forderte zudem, dass künftig der Wirkstoffname deutlich größer als heute auf der Arzneimittelpackung zu lesen sein müsse. Auch das erhöhe die Compliance. Müller: »Die Verunsicherung der Patienten durch Namensunterschiede zwischen abgegebenem und verordnetem Präparat würde entfallen.« Die Verschreibung konkreter Präparate soll über die Aut-idem-Regelung aber bestehen bleiben.

 

Den Medikationskatalog erstellen Apotheker und Ärzte auf der Basis des Bremer Arzneimittelregisters. Dieses hat in einem Pilotprojekt seine Praxistauglichkeit bestätigt. Der Katalog wird außerdem die Arzneimittelrichtlinien berücksichtigen. Er soll von der Arzneimittekommission der Ärzte und der Apotheker schrittweise weiterentwickelt werden. Im Jahr 2014 soll der Medikationskatalog nach Möglichkeit vollständig umgesetzt sein. Dann wird er zwei Drittel der GKV-Verordnungen abdecken.

 

Keine Richtgrößenprüfungen mehr

 

Für die Ärzte geht es beim Medikationsmanagement auch um die Reduktion ihres wirtschaftlichen Risikos. Eine Bedingung für das Konzept ist, dass die Richtgrößenprüfungen dann wegfallen, sagte Müller. »Das würde erheblich zur Berufszufriedenheit beitragen. Nach unseren Befragungen sagen 50 Prozent der Medizinstudierenden, dass die Androhung von Regressen für sie ein Argument sei, sich nicht niederzulassen«, erklärte der KBV-Vorstand.

 

Das Angebot des Medikationsmanagements richtet sich nach den Plänen von Ärzten und Apothekern an Patienten, die mindestens fünf Medikamente in der Dauertherapie einnehmen. Dies sind in Deutschland insgesamt rund 6,8 Millionen Personen, etwa 26 Prozent der GKV-Patienten. Daraus ergibt sich rechnerisch ein Potenzial von rund 300 Patienten pro Apotheke. Allerdings erwartet die ABDA nicht, dass dieses Potenzial zu Beginn ausgeschöpft wird.

 

Dort rechnet man mit rund 2 Millionen Teilnehmern, das wären rund 100 pro Apotheke. Die Zahlen machen in jedem Fall deutlich, dass es beim Medikationsmanagement um eine deutlich andere Größenordnung von Patienten geht, als zum Beispiel beim Barmer Hausapothekenmodell. An diesem war nur eine Kasse beteiligt, dementsprechend klein waren die Patientenzahlen pro Apotheke.

 

Wie beim Hausapothekenmodell müssen sich die Patienten nach den Plänen von ABDA und KBV selbst einschreiben, wenn sie am Medikationsmanagement teilnehmen wollen. Als erster Schritt wird die Gesamtmedikation erfasst und auf arzneimittelbezogene Probleme überprüft. Danach besprechen Arzt und Apotheker mögliche notwendige Umstellungen. Schließlich wird ein Medikationsplan erstellt. Die weitere Betreuung des Patienten erfolgt dann kontinuierlich in Arztpraxis und Apotheke.

 

ABDA und KBV und Apotheker sehen in ihren Vorschlägen großes Einsparpotenzial. »Die Kassen müssten von dem Konzept eigentlich begeistert sein«, sagte Wolf. Non-Compliance und unerwünschte Arzneimittelereignisse verursachten mehrere Milliarden Euro Kosten im Jahr, etwa durch vermeidbare Krankenhauseinweisungen.

 

»Außerdem entsorgen wir jährlich Medikamente im Wert von über einer Milliarde Euro, weil sie nicht eingenommen wurden.« Bei einer stufenweisen Einführung des Konzepts bis 2014 könnten die Kassen nach Berechungen von ABDA und KBV rund 2,1 Milliarden Euro sparen. Demnach würden 1,8 Milliarden allein über das Medikationsmanagement für chronisch Kranke gespart. Weitere 700 Millionen Euro Einsparungen gehen auf den Medikationskatalog zurück, 300 Millionen auf die Wirkstoffverordnung, die eine problemlose Umstellung auf Generika fördern soll. Bereits berücksichtigt wurde die Extra-Honorierung von Ärzten und Apothekern für ihre zusätzlichen Leistungen im Rahmen des Medikationsmanagements. Sie wird mit insgesamt 700 Millionen Euro bis 2014 veranschlagt.

 

Schon im vergangenen Jahr hatten ABDA und KBV gemeinsame Vorschläge für eine bessere Versorgung und mehr Sicherheit in der Arzneimitteltherapie vorgelegt. Darin war ursprünglich ein Garantiepreismodell vorgesehen. Der Apotheker wählt dabei innerhalb eines festgelegten Preiskorridors das für den Patienten am besten geeignete Präparat aus. Mit dem Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz wurden die Rabattverträge jedoch als Einsparinstrument der Krankenkassen bestätigt. Das Modell von ABDA und KBV enthält daher nur noch die Option, freiwillig ein Garantiepreismodell zu vereinbaren.

 

Politik reagiert positiver als Industrie

 

Der Erfolg des ABDA/KBV-Konzepts wird nun davon abhängen, wie die anderen Player im Gesundheitswesen dazu stehen. Aus der Union kommen dazu erste positive Signale. Gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung erklärte der gesundheitspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Jens Spahn: »Es ist gut, dass Ärzte und Apotheker zusammenarbeiten und gemeinsame Konzepte vorlegen. Die Intention ist sicher richtig, die genaue Umsetzung prüfen wir: Auch die im Konzept geforderte Abschaffung und von uns bereits im 14–Punkte–Papier vorgeschlagene Ersetzung der Richtgrößenprüfung.«

 

Zurückhaltender reagiert die pharmazeutische Industrie. Progenerika-Geschäftsführer Bork Bretthauer begrüßte zwar, »dass Ärzte und Apotheker sich gemeinsam für eine verbesserte Therapietreue und verbesserte Beratung der Patienten einsetzen wollen«. Ärzte und Apotheker hätten bei der umfassenden Beratung und Betreuung der Patienten gerade bei Mehrfachmedikation eine Schlüsselstellung. Weniger euphorisch sind die Generikahersteller bei der Wirkstoffverordnung. Bretthauer: »Das Modell hat weder einen erkennbaren Zusatznutzen für den Patienten, noch können wir uns vorstellen, dass die Ärzte freiwillig ihre Therapiehoheit gegen einen sogenannten ›Medikationskatalog‹ eintauschen wollen«.

 

Noch deutlicher wird der Bundesverband der pharmazeutischen Industrie (BPI): Die Vorschläge von KBV und ABDA zur Verbesserung der Therapiesicherheit der Patienten gehen in die falsche Richtung, sagte BPI-Hauptgeschäftsführer Henning Fahrenkamp. Eine reine Wirkstoffverordnung werde den Besonderheiten von Arzneimitteln nicht gerecht. Sie könnten sich in Bioverfügbarkeit, bei Trägerstoffen oder in der zugelassenen Indikationen unterscheiden. Schon jetzt erfolgt der Austausch mit den Rabattverträgen alleine aus Wirtschaftlichkeitserwägungen. / 

Mehr von Avoxa